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Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Weil man die moralischen Empfindungen mit den Gefühlen verwechselt, setzt man Fühlen und moralisches Empfinden gleich – und lebt vor sich hin, ohne von diesem Selbstbetrug auch nur etwas zu ahnen.

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Er befreite seine Gefühle. Entfaltete sie. Bildete sie aus – und entdeckte eine neue Welt.

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Angst und Wut, Freude und Trauer, Neid und Haß, Niedergeschlagenheit und Melancholie, Liebe und Verliebtheit: so lauten einige der Titel, mit denen man emotionale Vorgänge in einer grob vereinfachenden Weise bezeichnet. Dies in der Absicht, eine ungeheure, vom Ichbewußtsein nicht erfaßbare Komplexität wenigstens oberflächlich verstehbar, handhabbar, verhandelbar zu machen.
Tatsächlich beschränken sich unsere Erfahrungen bisher weitgehend auf die Wirkmacht jener durch eine moralische Dressur umfunktionierten Emotionen, weil diese unser Gemüt ungleich heftiger bewegen als die Gefühle, die unversehrt geblieben sind. Man weiß nur zu gut, wovon ich spreche: von den wertezentrierten Gefühlskomplexen wie den Obsessionen, Depressionen, Neurosen und narzißtischen Störungen, die ihre das Ich negativ tangierende Wirkung stets mit lärmender Brutalität entfalten. So daß man sagen kann, daß wir Modernen primär nur mit den Symptomen des Krankheitsverlaufs des inneren Empfindens Bekanntschaft schließen konnten und uns eingestehen müssen, das Reich der Gefühle bisher nur gestreift zu haben.
Die moralbedingte Umfunktionierung der Emotionen ist auch eine der Ursachen dafür, daß so viele wissenschaftliche Arbeiten als lebensferne Begriffskonstrukte daherkommen bzw. als Aneinanderreihungen sinnenfeindlicher Abstrakta, während manche Werke der Kunst, und insbesondere der Musik, oft das kreischende Gegenextrem dazu bilden: auf der einen Seite herrscht der Mangel an Gefühl, auf der anderen die Hypertrophie einer Leidenschaft.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Die moralbedingte Aufspaltung von Geist und Körper, Ich und Selbst, Verstand und Gefühl wurde von den Architekten der Metaphysik dadurch sanktioniert, sanktifiziert, daß sie die Metaphysik verabsolutierten, sie zur Königsdisziplin der Philosophie erhoben.
Wenn es auch nachvollziehbar ist, daß man damals, als Pionier des spekulativen Denkens, noch darauf hoffte und hoffen konnte, der Existenz einer wahren unveränderlichen „Hinterwelt“ (Nietzsche) auf der Spur zu sein, einem Paralleluniversum, in dem alle Ideen enthalten und Raum und Zeit, Werden und Vergehen entrissen sind, – so hat sich die Verabsolutierung der Metaphysik, wie man heute nur zu gut weiß, doch höchst fatal ausgewirkt. Hat jenes Jahrtausende währende, vollends grotesk anmutende Streben viel zu vieler Philosophen und Wissenschaftler nach der Aufdeckung der Wahrheit der Welt nach sich gezogen. Hat zu jener Tradition des spekulativen Denkens geführt, theologisch oder ontologisch respektive „onto-theo-logisch“ hergeleitete Systeme begrifflich immer höher aufzutürmen, bis die „Wahrheit der Welt“ zu einem unmenschlichen Abstraktum geworden war. Und hat letztlich nur der Vermehrung des Leids gedient, des Leids des Menschen an sich selbst und am Leben, weil das Versprechen, das Sein des Seienden bzw. die Wahrheit der Welt erkennen und begrifflich darstellen zu können, von den Apologeten des spekulativen Denkens natürlich niemals eingelöst werden konnte.

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Unsere Irrtümer tragen meist mehr zu unserer Entwicklung bei als unsere Wahrheiten – und erweisen sich zudem als bekömmlicher, weil sie uns nicht besetzen.

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Seltsam: Indem wir die Wirklichkeit erforschen, erfassen und erschaffen wir sie, beides zugleich. Wenn wir wenigstens um das prozentuale Verhältnis zwischen Erfaßtem und Erschaffenem in unseren Forschungsergebnissen wüßten!

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Mit dem Begriff „abstraktes Bewußtsein“ bezeichne ich eine Verstandestätigkeit, die auf Distanz beruht, nämlich auf der willentlich eingenommenen Distanz des bewußt Agierenden zu sich und der Welt. Ich spreche von jener Art des rationalen Ausgreifens und Aneignens, wenn sich ein Teil des Bewußtseins vom Ich abgesondert hat und um die Dinge wie ein Netz herumlegt, um darin den Abglanz der Welt einzufangen und vom Dinglichen abzulösen und in abstrakte Formen oder Begriffe zu überführen.
Kein Zweifel, dieses sich mittels der Vorstellungskraft des rationalen Denkens vollziehende Abstrahieren der Welt ist von ganz eigener Qualität, verfügt über einen eigenen Zauber und Glanz – und dennoch: Bleibt nicht immer das Unbehagen, daß der abgesonderte Teil des Bewußtseins vielleicht verlorengehen könnte? Den Weg zurück nicht mehr findet?
Und was geschieht zuletzt mit den Eindrücken und „Erkenntnissen“, die man auf diese Weise gewonnen hat? Verblassen sie nicht schon bald zu nichtssagenden Schemen? So daß man sich nach jedem derartigen „Außer-sich-gewesen-sein“ immer ein wenig ärmer fühlt? Als stünde man danach mit leeren Händen und mit leerem Herzen da?
Meine Instinkte und Gefühle jedenfalls warnen mich davor. Sie begreifen diese Art der Verstandestätigkeit, die etwas anderes ist als ein mit den Sinnen und Gefühlen verbundenes Denken, als einen gefährlichen Bruch im Prozeß meiner Selbstentfaltung, als etwas Auflösendes, Schwächendes, Ungesundes – und wie käme ich dazu, das Urteil meiner Instinkte anzuzweifeln? Würde ich dadurch nicht zur Beute des „abstrakten Bewußtseins“?

Eine Anmerkung aus aktuellem Anlaß (Marx-Jahr 2018). Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Die Ideologie des Marxismus (sic) – gemeint ist das politisch-gesellschaftliche Ideengebäude des Marxismus, nicht die Marxsche Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Systems – ist mithin nichts weiter als ein aus der bürgerlich-liberalen Ideologie abgeleitetes „Derivat“, die Fortsetzung und Zuspitzung nämlich jener vom revolutionären Bürgertum erst vehement propagierten und aber durch die gewaltsame Etablierung des kapitalistischen Herrschaftsapparats schon bald verratenen und verkauften sozialrevolutionären Ideale.
Die herrschende moralische Struktur spaltet die Welt grundsätzlich in zwei diametral entgegengesetzte Seinsdimensionen. In der bürgerlichen Doppelmoral etwa wurden einerseits die Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ verabsolutiert, während andererseits, in der „realen Dimension“, also in der realen Menschenwelt, die kapitalistische Klassengesellschaft etabliert wurde, um von den Profiteuren des Systems seitdem als beste Herrschaftsform aller Zeiten gepriesen zu werden. Es bietet sich mithin an, die herrschende moralische Struktur in Form eines gewöhnlichen Bruchs darzustellen. Im Zähler steht immer die ideale Welt: die Welt und der Mensch, wie sie den herrschenden Idealen nach sein sollen, im Nenner stets die reale Welt, die wirklichen gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.
Ich denke, der Widersinn, „Ohne-Sinn“ (Nietzsche) dieser Struktur leuchtet unmittelbar ein? Nicht nur die Unvereinbarkeit der Dimensionen mußte sich früher oder später verheerend auswirken, sondern vor allem auch die irrsinnige Annahme, daß die Verwirklichung der idealen Dimension tatsächlich möglich sei. Und eine derartige moralische Struktur liegt, wie billig, auch der Ideologie des Marxismus zugrunde. Auch hier haben wir im Zähler wieder die ideale Welt – hier: die „klassenlose Gesellschaft“ –, also das gesellschaftliche Endziel der marxistisch-kommunistischen Mission; und im Nenner die konkrete Herrschaftsform – hier: die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ bzw. die „Diktatur des Proletariats“ –, die gewaltsam durchgesetzt und so lange aufrechterhalten werden soll, bis der angestrebte gesellschaftliche Idealzustand eintritt.
Marx schrieb: „Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“35 Und der sozialistische Vordenker Antonio Gramsci ergänzte: „Im Interesse ihrer Existenz und ihrer Entwicklung muß die Proletarische Diktatur einen betont militärischen Charakter annehmen.“36

Und so ist man bekanntlich auch verfahren, sei es im Bolschewismus, im Stalin-Sozialismus oder im Maoismus. Immer wurde der Bevölkerung sonstwas versprochen, und fast immer lief die Herrschaft der staatskommunistischen Regimes in Wirklichkeit auf die Unterdrückung und (versuchte) Gleichschaltung der Bevölkerungsmehrheit hinaus, phasenweise auch auf Terror und auf die Ausübung blutiger Gewalt. Und das nicht allein deswegen, wie einige hoffnungslose Idealisten nicht müde werden zu beteuern, weil der real existierende Sozialismus ein Fehlversuch gewesen sei, ein unter ungünstigen Bedingungen aus dem Ruder gelaufenes Experiment; sondern, und das ist der springende Punkt, weil die marxistische Ideologie die Diktatur einer proletarischen Führungsriege als ein notwendiges gesellschaftliches Übergangsstadium auf dem Weg zur „klassenlosen Gesellschaft“ festgeschrieben und dadurch moralisch sanktioniert hat.
Damit gibt sich der Marxismus als eine Hybridform der Moral zu erkennen, weshalb der real existierende Sozialismus dem sozialen Fortschritt und der Emanzipation des Menschengeschlechts immer nur dem Ideal nach verpflichtet war und in Wirklichkeit die Unterdrückung der Bevölkerung sowie die Ausbeutung und Zerstörung der Natur betrieben hat: so daß viele der Vordenker und Führer des Kommunismus als scheinheilige Tyrannen eingestuft werden müssen, als Propagandisten und/oder Vollstrecker einer im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit geheiligten Diktatur.
Um es nochmals auf den Punkt zu bringen: weil die Hybridformen der Moral Auswüchse der christlichen Doppelmoral sind, dienen sie ihrer Struktur gemäß immer nur der Verwirklichung der „Apokalypse“, also der im Namen der Erzeugung eines Neuen Menschen oder im Namen der Schaffung einer angeblich besseren Gesellschaft exekutierten Verwüstung der Wirklichkeit (Erde, Natur) und des wirklichen Menschen. Ob im Liberalismus-Kapitalismus oder im real existierenden Sozialismus-Kommunismus, immer findet sich dieser Zusammenhang, immer wurde im Namen der Optimierung des Menschen und der (Menschen-)Welt sowohl ein auf die Unterdrückung und Gleichschaltung der Bevölkerung als auch auf die Ausbeutung und Zerstörung der Natur gleichermaßen perfekt abgestimmtes Herrschaftssystem etabliert und mit allen Mitteln am Laufen gehalten.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Mehr als 100 Jahre nach Nietzsches bahnbrechender Vorarbeit hat es sich sogar bis in die Reihen der akademischen Zunft herumgesprochen, daß in dem vorrangig aus Texten geknüpften „Bedeutungsgewebe“ der Philosophie und Wissenschaft Aussagen von rein objektivem Charakter nicht vorkommen – und daß die Fähigkeit, derartige Aussagen zu treffen, auch weiterhin nur den Göttern und verwandten Wesenheiten vorbehalten bleibt. Daher werden sich vermutlich auch nur wenige daran stoßen, daß ich im zweiten Kapitel keine geschichtswissenschaftliche Untersuchung vorlege, sondern eine auf den Ergebnissen der kulturwissenschaftlichen, tiefenpsychologischen und historischen Forschung basierende geschichtsphilosophische Abhandlung. Vorsichtshalber sei dennoch daran erinnert, daß ich mich als Philosoph der historisch-kritischen Methodik der Geschichtswissenschaft nicht unterwerfen darf, weil ich das Thema sonst aus der Winkelperspektive des Fachmanns betrachten und dadurch aufhören würde, Philosoph zu sein (dies ist keine Kritik der Wissenschaftsdisziplinen und ihrer methodischen Verfahren!).
Was ist ein Philosoph? Ein Erforscher, Interpret und Kritiker der Moral und ihrer Wirkungsgeschichte, der geschichtlich in Erscheinung getretenen Werte und Wertekonstellationen sowie der Machtverhältnisse, die durch sie zementiert wurden. Mitunter ist er auch ein Schöpfer von Werten oder ein Architekt der Moral oder ein im Reich der Psyche schweifender Krieger oder ein Komponist, der das Auf und Ab im herrschenden Wertegefüge kunstvoll in Sprache setzt (Goethe z.B.); niemals aber ist ein Philosoph bloß Gelehrter, Wissenschaftler, Theoretiker und Beobachter des Lebens, sondern, wie jeder echte Künstler auch, ein Schaffender aus innerer Notwendigkeit, Mund und Auge und Ohr und Hand des ihn ausfüllenden Lebens.
Was ist das Leben des geistig Schaffenden? Ein Kreislauf der Selbsterfahrung, des Eingeweihtwerdens ins Selbst.
Es sollte sich auch niemand groß daran stoßen, daß ich, im Unterschied zu den Vertretern der Postmoderne, am Begriff der „Hochkultur“ und dem damit verbundenen Privileg festhalte, Scheißdreck auch weiterhin als Scheißdreck zu bezeichnen – die Klangerzeugnisse der Gruppe Modern Talking etwa – und Schwachsinn auch weiterhin als Schwachsinn, etwa die dummdreiste Pseudopolitik der SPD, FDP, AfD. Gegen die in der Postmoderne vorgenommene Erweiterung des Kulturbegriffs ist selbstredend nichts einzuwenden; allerdings wird wohl niemand ernsthaft bestreiten, daß sich etwa auch im Bereich der „Jugendkultur“ große Qualitätsunterschiede bei künstlerischen Erzeugnissen feststellen lassen.
Doch zurück zur „Erwachsenenkultur“! Eine zeitlos gültige Unterscheidung der sich in der kapitalistischen Kultursurrogatproduktion Verdingenden von den Kulturschaffenden hat Heinrich Heine en passant in folgendem Satz fixiert: „(…) sie lassen ihr Schifflein ruhig fortschwimmen im Rinnstein des Lebens, und kümmern sich wenig um den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen kämpft; (…)“

ArtTrain. Zeitgenössische Kunst zum Thema „Nationalismus und europäische Kultur“

ArtTrain …

… ist Kunst.

… ist Kunst in Bewegung.

… ist interantinational ausgerichtet.

… ist ein gesamteuropäisches Kunstprojekt.

… dient der Idee eines politisch und geistig vereinten Europa.

… thematisiert das Spannungsfeld zwischen nationalen und europäischen Identitäten.

… bejaht die Schaffung einer europäischen Kultur.

… ist Symbol.

› Ausgangsfrage

Wie sieht ein ungewöhnliches zeitgenössisches Kunstprojekt zum Thema „Nationalismus und europäische Kultur“ aus?

Lösung

Die Exponate werden in einem Hochgeschwindigkeitszug gezeigt, im ArtTrain. Entsprechend müssen sie von den Künstlern so gestaltet werden, daß sie in den mit Kunst zu bespielenden Bahnwagen präsentiert werden können. Die Ausstellung wird in der Mitte des Zuges platziert und muß begehbar sein, weshalb nur Wagen ohne „Innenausstattung“ – ohne Bestuhlung usw. – für die Präsentation in Frage kommen. In den Wagen wird ein „Kunst-Parcours“ abgesteckt, etwa durch den Einbau von Raumteilern.

Das Projekt ArtTrain ist Symbol! Es dient der Idee eines vereinten – auch eines geistig noch zu vereinenden – Europa und bezieht Stellung gegen den in den Ländern der EU um sich greifenden Nationalismus und Faschismus.

Die Ausstellung wird in Brüssel eröffnet, wo auch die Abschlußveranstaltung stattfindet. Die Route, die der Zug von Brüssel aus nimmt, hängt davon ab, welche Partnerländer sich am Projekt beteiligen.
Im Rahmen der Abschlußveranstaltung wird die Dokumentation des Projekts präsentiert. Zur Abschlußveranstaltung gehört auch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wie zu einer europäischen Kultur gelangen?“

› Vorgaben an die Künstler

Das Thema soll entsprechend der in den Wagen herrschenden Bedingungen künstlerisch umgesetzt werden. Die Künstler sowie die Wissenschaftler und Philosophen, die an der Abschlußveranstaltung beteiligt sein sollen, werden durch die beteiligten Partner(-Länder) im Vorfeld durch eine öffentliche Ausschreibung ermittelt. Alle europäischen Künstler können einen Entwurf einreichen.

© Wort & Konzept Richard Jecht, das Konzept „ArtTrain“ ist urheberrechtlich geschützt

 

Abgesang. Ein Auszug aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

Nach zwei Jahrtausenden
der Erzeugung eines Kollektivwahns
erlischt die christliche Moral
im Schlacke- und Aschemeer
verglühter Ideale.
Willenlos lauschen müde Körper
dem Abgesang reizüberfluteter Nerven
– in unbewußter Verinnerlichung
der Folgen von Gottes Untergang –,
erwarten – den Verfall.

Da steigt aus morschem Singsang
noch einmal ein fauler Zauber!
Ein wundersames Gedankenejakulat
entschwebt in den Weiten des
Laboratoriums und sucht und findet
und vereint sich mit „platoni-
scher Nährflüssigkeit“, so daß
ein neues Wesen entsteht: eine
bereits vom ersten Moment ihres Seins
an zu vollkommener Selbsterkenntnis
gelangende Supermonade.

 – Zum Buch –

Glück

Glückglückglück
gluckgluckgluck.

Ahhhhhhhhhhhh!
Hihihihihi.

Glückglucker,
glückglucker,
glucksi glucksi
Glück.

(Eine Anmerkung zur Glücks-Ratgeberliteratur-Plage.)

Ein Auszug aus „Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie“

(…) Jetzt? – ist alles Tod. Ist ein ewig währender Augenblick, in dem das Leben allein als eine Form des Todes existiert, und in dem der Tod nichts ist als eine Variation des Nichts.
Das verbürgt ein altes Geschlecht. Ein Göttergeschlecht aus Fleisch und Blut, das im Zeichen des Osiris durch jede Geste, jedes Wort, jeden Krieg nach Unvergänglichkeit im Reich des Todes strebt, nach ewigem Sein in einer Wüste aus Weiß – und meine Sinne, Gefühle, Instinkte krümmen sich. Ziehen, zwingen mich den Weg zurück, auf dem ich hierhergelangt bin. Durch eine von Ölbäumen bestandene Allee führt der Weg, die vor einem grauweißen Himmel wie schwarze Gerippe stehen – und ich lasse das Reich des Todes wie ein sich langsam entfernendes Ufer hinter mir. Beschleunige meinen Lauf und atme mich zu mir, atme mich durch die sieben Himmel des sinnlichen Empfindens ins Leben zurück und finde mich im Kreislauf von Werden und Vergehen wieder: als ein Gejagter.

Denn sie ist überall. Ist unter! neben! vor! über! hinter! – ist in mir. Überfällt mich. Führt mich in die Irre. Treibt mich vor sich her wie ein verängstigtes Wild. Mir schwindelt, meine Blicke suchen nach Halt. Versuchen sich an dem festzuhalten, was Blatt, Baum, Stein, Fluß, Himmel, Erde, Mensch genannt wird, versuchen es vergeblich, denn sie – ist immer schon da. Verspottet mich, erwartet mich an jeder Oberfläche – da versinkt mein Selbst in Zorn. In Hitze, die von Zelle zu Zelle springt und sich wie ein Flächenbrand in mir entlädt; in Rot, das meinen Körper und die Welt mit Krieg überzieht – und sie? Erschrickt und flieht – und ich? Ihr hinterher, den Abhang hinunter, dem Abgrund entgegen, doch der? Ist sie; ist – Illusion. Und sie ist nur durch mich! Und ich bin das Triumphlied meines Körpers, der die Illusion durchbricht!

Mein Atem geht schwer, geht: jenseits von Wahrheit und Täuschung. Die erste? Ließ ich schon lange unter mir. Die zweite? Kehrt nicht zurück. Wie ich sie hetzte, sie zuletzt Auge in Auge vor mir her trieb, bis sie sich im Absurden verlor – da ließ ich von ihr ab. Jetzt hüllt mich Gelassenheit ein, legt sich um die heiße Stirn wie ein unsichtbarer Schleier, und meine Nerven feiern ihren Sieg, feiern ihn ausgelassen. Besingen den einen Moment, der bleibt; den einen Augenblick, der ewig in den Himmel steigt, weil ihm das goldene Gestirn jenseits der Zeit die Absolution erteilt. Der beim Emporsteigen wie mit unsichtbaren Schwingen alles umfaßt und zu einem ungehörten, unerhörten Klang verschmilzt. Zum Grundton einer Welt, der ohne Anfang und Ende aus sich selbst entspringt und aus der eigenen Fülle heraus die Leere verbrennt, die sich als Hintergrund und Abgrund seiner selbst um ihn herum erstreckt. Der sich wie ein Stern selbst umkreist und um seinen Kern ein All aus Farben und Formen, Klängen und Bildern erzeugt, das ihn unendlich ausdehnt und versucht und variiert – und mein Herz schlägt aus und reißt mich mit. Trägt mich hinauf, hinab, zu mir, hinein in meine treuesten Gestaltungen von Licht und Dunkel, bis die Spannung unerträglich wird, die Freude überfließt und wie ein Springquell aus den Augen bricht, der, wenn ich lache, aufwärts steigt und der abwärts fällt, wenn ich weine – oder ist es umgekehrt?
Ich tauche durch ein Meer aus Bildern, durch Gebilde und Geschöpfe meines Selbst, die in mir auf- und untergehen, wie ich in ihnen auf- und untergehe. Zwischen Abgründen schwebend, wo Phantome Schemen erbeuten und Schemen Nebelschwaden; wo sich Schemen zu Begriffen wandeln und Begriffe zu Phantomen, um sich Schemen anzueignen. Von Wellenkämmen zur Sonne getragen, wo aus der Asche des Überlebten Lebenverbürgendes steigt, das sich Herzschlag für Herzschlag mit mir verknüpft und zu einem Wert des Lebens wird, zu einem Ausgangs- und Endpunkt des sich Welt aneignenden Körpers; zu einem Knotenpunkt des Empfindens, der Erschütterung für Erschütterung, Erfahrung für Erfahrung, Erinnerung für Erinnerung in sich verschlungen ist – und in dem Wahrheit und Illusion unauflöslich zu einem Muster verwoben und dadurch aufgehoben sind.

Ist es das Denken, das fühlt? Oder das Gefühl, das denkt? – Mein Empfinden verflüchtigt sich, wird vom Wind erfaßt und fortgetragen und streicht über die Oberflächen von Sand und Fels, Halmen und Blättern, Wasser und Haut – und schlägt sich nieder. Hinterläßt unsichtbare Spuren, die vielleicht ins Leben gerufen werden, irgendwann, um zu einer Geste, einem Tanz, einer Hymne zu reifen. So verklingt das eine und schafft Raum für das, was sich bereits Impuls für Impuls in mir ausbreitet wie dichtes Treiben von Schnee. Für das, was noch blutjung und unbestimmt ist und auf Einfluß hofft und vorwärts drängt, um sich in mir als herrschende Kraft festzusetzen und auszudehnen. Manchmal lausche ich dem Gestöber der Impulse und lasse es gern geschehen, empfange ihr Auf und Ab wie eine wunderbare, noch ganz und gar zügellose chaotische Musik; manchmal greife ich einige heraus und verfeinere, vollende, verdichte sie, verdichte sie bis zur Unkenntlichkeit – doch jetzt?
Jetzt ergreift der Übermut meine Instinkte, und die Instinkte mein konditioniertes Selbst. Mag es, soll es sterben; ertrinken, unter einer Welle der Verachtung ersticken. Wie es tobt, wütet, schreit – doch die Instinkte halten es fest, heiter und gelassen. Getränkt von der Gewißheit des Morgen, durchdrungen von der Weisheit des Gestern.
Lächeln, als sie den Tyrannen töten.
Gewiß, es wird schon bald wiederauferstehen und ja, schmatzend Einzug halten ins erschütterte Gewebe, um sich darin auszudehnen und festzusetzen, wieder mal – doch um ein Herrschaftsmittel, um einen Glaubenssatz ärmer!
Wie ein Rudel blutgetränkter Hyänen ziehen sich die Instinkte zurück und legen sich in den Schatten des Unbewußten, während die Gefühle dem Einzug des falschen Selbst wie Rehe lauschen, bevor sie sich aufs offene Feld wagen; witternd, welcher Wert ihm diesmal abhanden gekommen ist, welcher konditionierte Teil. Katzenhaft rollen sich Sehnen und Muskeln zusammen und schnurren – und flüstern mir zu: „Nicht alles durch Konditionierung Erworbene ist schlecht, nicht alles Selbsterschaffene gut“; und hüllen mich in ihr oberflächliches Wohlbefinden wie in einen golddurchwirkten Traum, in dem meine Augen träger und träger werden und zuerst die Hände, dann Arme und Beine nach und nach entschweben. Bis die Schwerkraft aufgehoben scheint, weil mein Körper von dem betäubenden „Fluidum“ ganz und gar durchdrungen wird, ganz und gar ausgefüllt vom Gesang der Muskeln und Sehnen, der mich unwiderstehlich entführt, als würde ich von einer sanften Brise erfaßt und fortgetragen. (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie

Retro-Philosophie. Ein Textauszug aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

Bilder der vollendeten Metaphysik II
Eine literarische Montage

Wer versteht noch die Sprache der Natur?

Philosophie und Kunst schöpfen aus einem gemeinsamen Grund, einem Urquell gleichsam geistiger Wasser. Wo dieser entspringt ist ein Geheimnis, doch dessen ungeachtet durchströmen die geistigen Wasser, zu Blut gewandelt, seit jeher die Dichter, Künstler und Künstlerphilosophen, die geistig Schaffenden, die einige Werke von einer solch vollkommenen Schönheit erschufen, daß sich der gemeine Menschenverstand davor seit jeher elend und nichtig vorkommt, so daß sich der kalte Verstandesmensch, von Mißgunst und der irrwitzigen Hoffnung getrieben, Gott spielen zu können, daran machte, einen Homunkulus zu erschaffen, einen künstlichen Menschen oder eine andere künstliche Lebensform oder eine Form Künstlicher Intelligenz.

Weltenwerk, o Weltenwerk,
du einzig Zweck, du einzig Sinn;
der Schaffung des Homunkulus
nur gebe ich mein Leben hin.

Erwähltes Menschmaschinenvolk,
schwebend um der Erde Lauf;
in einem Weltreich zu verschmelzen,
darauf ist die Menschheit aus.

Gleich scheinen vor der Technik alle,
gleich auch vor des Goldes Glanz;
dem „Nichts“ zu ehren spielen Lieder,
nichts zu ehren wird getanzt.

Nur dir, ersehntem Weltenwerke,
Verstandeswerk und Lebenssinn,
Tag für Tag, dir ganz alleine,
gebe ich mein Leben hin.

Der tiefsitzende Haß aufs wirkliche Leben treibt die technische Verwirklichung der Formen Künstlicher Intelligenz unaufhörlich voran, unerbittlich, während sich der geistig Schaffende von diesem Treiben angeekelt abwendet und den Sternen zuwendet, den strahlenden Urformen schöpferischer Kraft, um, von ihrem Anblick verführt, in der Tiefe des Himmels zu versinken, sich in seinem herrlichen Antlitz aufzulösen, in ewigen Lichtwerken auf- und unterzugehen.

Postmodernes Zwischenspiel

Wie muß der einzelne mit der Flut an Informationen umgehen, um nicht darin unterzugehen? Bewirkt die technikgenerierte Welt, die auf Kosten der natürlichen Welt immer weiter ausgedehnt wird, nicht die Pervertierung des Menschen? Und eine totale Sinnentleerung der Gesellschaft?
Wie soll der einzelne heute zu einer Identität finden, wie sie bewahren? Wie müßte eine solche im Neben-, Durch- und Miteinander der sich in den hypermodernen Zivilisationen vermischenden Moralen und Kulturen beschaffen sein, worauf sich gründen?
Und was ist es eigentlich, was sich hier durchdringt und durchmischt? Entsteht denn im Mahlstrom des „Nichts ist unmöglich“ überhaupt noch etwas von bleibendem geistigem Wert? Oder bleibt vielmehr – nichts?
Was aber, wenn in der Dimension der vollendeten Metaphysik Unmischbares nach Vermischung strebte? Sind denn die wenigen verbliebenen Kulturen überhaupt miteinander vermischbar? Was, wenn allein der Verfall der Moralen und Traditionen das alle Menschen Verbindende in der „wissenschaftlich-technischen Weltzivilisation“ (Jürgen Friedrich) ist? Und wenn auf diesen Verfall nicht mehr folgen sollte als ein rein funktionaler Mensch-Maschine-Systemkreislauf?

Ein scheußlicher Klang dringt heran und reißt den Träumenden, den sich und die Welt träumend Erschaffenden, gewaltsam aus seiner inneren Versenkung, aus seiner geistigen Verschmelzung mit dem Himmel, um ihn einmal mehr an das zu erinnern, was man aus der Welt gemacht hat, an die totalitäre Wahrheit, die man über das All verhängt hat: „Metapysik ist das Grundgeschehen im Dasein.“ (Heidegger)
Und der Träumende erinnert sich.

Untergang

Noch beten sie.
Wird ihr Glaube stark genug sein, am Tode ihres Gottes nicht zu zerbrechen? –
Seht den Wahnsinn, der dem Bösen entsprang. Unter Erlösung verheißenden Hakenkreuzbannern fuhr er auf seinem metallenen Streitwagen über die Trümmerfelder zerfallener Werte. Glühenden Blickes raste er, das Böse endgültig zum Guten zu verklären. Ein tausendjähriges Reich zu errichten kam er; eine Totenstatt blutiger Ruinen sollte er zurücklassen. War sein Verlöschen nicht, weil auch sein Reich nicht von dieser Welt stammte?
Was war er? Ein verhängnisvoller Werkstoff gewaltiger Umwälzungen. Große Opfer fordern sie, das menschliche Antlitz der Erde zu verwandeln.
Glaube und Hoffnung, Träume und Sehnsucht, Verstand und Vernunft – irren sie nicht nackt und bloß durch die Kulissen einer Welt, die eines Grundes, eines Sinns längst beraubt ist?
Knirschend und mahlend – ein klaffender Abgrund weist ihre Fahrt. Knirschend und mahlend vergrößert er sich auch, der weltendurchdringende. Haftet nicht an allem schon der Gestank von Fäulnis und Verfall?
Endlos – scheint der Fall der von der christlichen Moral psychisch Gekreuzigten. Schmerzliche Zerrissenheit und Angst vergessen zu machen, ist ihr ganzes Bestreben. Vergeblich! Wie ein Flächenbrand wütet das seelische Verderben, die Psyche der Fliehenden zu erjagen und zu verwüsten.
Wie süß klingen da die Weisen der Sirenen. Hört doch, wie sie locken und dazu verführen, den Schmerz in ihren betäubenden Giften zu ertränken. Seht doch, wie sie im Gefolge der von langer Knechtschaft befreiten höllischen Heerscharen über die Erde ziehen, die Botschaft ihres einstigen Herrn und Meisters zu verkünden.
Wie? Vernahmt ihr etwa den letzten Willen Gottes nicht? Sein Reich teilhaben läßt er am bitteren Geschmack seines Untergangs.
Zerstörung – feiert ihre Stunde.

Dies vor Augen, wendet der die Welt träumend Erschaffende seinen Blick wieder gen Himmel, gen Sterne, gen Natur, gen Gesundheit. Er ist sich der Notwendigkeit seiner Einsamkeit in einer Welt vollkommen bewußt, die, im Unterschied zu ihm, ihren Untergang will, weil der Massenmensch und der Verstandesmensch ihrer selbst längst überdrüssig geworden sind. „Das wirkliche Leben, was soll das sein?“ fragt der Verstandesmensch und verliert sich im Empfinden völliger Unwirklichkeit, weil sein Herz erkaltet ist und seine Instinkte und Gefühle verkümmert sind und er unentschieden zwischen seinen Hirngespinsten schwebt, zwischen den Inseln der Verlockung, der Verheißung und des Vergessens, in allen Gängen seines Verstands wie in einem unbekannten Labyrinth irrend, um schließlich im Abgrund seines Selbst zu versinken, ein von allen guten Geistern verlassenes Verstandestier, das in einem sich erträumenden Leben und gelebten Traum nicht bestehen kann, weil es aus sich selbst keinen lebensbejahenden Wert hervorzubringen vermag, und das – vielleicht, um es aus seiner Agonie zu reißen? – bisweilen von rätselhaften Wesen heimgesucht wird, von luftgeformten Sphinxgestalten, Geschöpfen halb Kunst, halb Philosophie, in denen Feuer und Wasser zu einem Ausdruck geistiger Schönheit verschmolzen, nur um sich schon im nächsten Moment im Strom von Werden und Vergehen aufzulösen.

Anmerkung

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Abrakadabra, der Avatar bin ich. Aus gegebenem Anlaß – dem Unverständnis, das diesem (vollständig überarbeiteten) Text nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1997 entgegenschlug – noch einige Bemerkungen. Der Text ist in Teilen retro, heißt: Ich lasse in diesen Teilen Elemente früherer Stilrichtungen wiederaufleben. Und um die Wirklichkeit der heutigen Gesellschaft auch formal abzubilden – nämlich als ein großes sinnfreies und absurd anmutendes, weil in viele widersprüchliche Sinn- und Nichtsinninseln zerbrochenes Ganzes – habe ich, wie bereits bei der literarischen Montage „Global Error“, verschiedene Textarten aneinandergereiht und zu einem Ganzen verwoben.