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Auszug aus „Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie“

(…) Jetzt? – ist alles Tod. Ist ein ewig währender Augenblick, in dem das Leben allein als eine Form des Todes existiert, und in dem der Tod nichts ist als eine Variation des Nichts.
Das verbürgt ein altes Geschlecht. Ein Göttergeschlecht aus Fleisch und Blut, das im Zeichen des Osiris durch jede Geste, jedes Wort, jeden Krieg nach Unvergänglichkeit im Reich des Todes strebt, nach ewigem Sein in einer Wüste aus Weiß – und meine Sinne, Gefühle, Instinkte krümmen sich. Ziehen, zwingen mich den Weg zurück, auf dem ich hierhergelangt bin. Durch eine Allee von Ölbäumen führt der Weg, die vor einem grauweißen Himmel wie schwarze Gerippe stehen – und ich lasse das Reich des Todes wie ein sich langsam entfernendes Ufer hinter mir. Beschleunige meinen Lauf und atme mich zu mir, atme mich durch die sieben Himmel des sinnlichen Empfindens ins Leben zurück und finde mich im Kreislauf von Werden und Vergehen wieder: als ein Gejagter.

Denn sie ist überall. Ist unter! neben! vor! über! hinter! – ist in mir. Überfällt mich. Führt mich in die Irre. Treibt mich vor sich her wie ein verängstigtes Wild. Mir schwindelt, meine Blicke suchen nach Halt. Versuchen sich an dem festzuhalten, was Blatt, Baum, Stein, Fluß, Himmel, Erde, Mensch genannt wird, versuchen es vergeblich, denn sie – ist immer schon da. Verspottet mich, erwartet mich an jeder Oberfläche – da versinkt mein Selbst in Zorn. In Hitze, die von Zelle zu Zelle springt und sich wie ein Flächenbrand in mir entlädt; in Rot, das meinen Körper und die Welt mit Krieg überzieht – und sie? Erschrickt und flieht – und ich? Ihr hinterher, den Abhang hinunter, dem Abgrund entgegen, doch der? Ist sie; ist – Illusion. Und sie ist nur durch mich! Und ich bin das Triumphlied meines Körpers, der die Illusion durchbricht!

Mein Atem geht schwer, geht: jenseits von Wahrheit und Täuschung. Die erste? Ließ ich schon lange unter mir. Die zweite? Kehrt nicht zurück. Wie ich sie hetzte, sie zuletzt Auge in Auge vor mir her trieb, bis sie sich im Absurden verlor – da ließ ich von ihr ab. Jetzt hüllt mich Gelassenheit ein, legt sich um die heiße Stirn wie ein unsichtbarer Schleier, und meine Nerven feiern ihren Sieg, feiern ihn ausgelassen. Besingen den einen Moment, der bleibt; den einen Augenblick, der ewig in den Himmel steigt, weil ihm das goldene Gestirn jenseits der Zeit die Absolution erteilt. Der beim Emporsteigen wie mit unsichtbaren Schwingen alles umfaßt und zu einem ungehörten, unerhörten Klang verschmilzt. Zum Grundton einer Welt, der ohne Anfang und Ende aus sich selbst entspringt und aus der eigenen Fülle heraus die Leere verbrennt, die sich als Hintergrund und Abgrund seiner selbst um ihn herum erstreckt. Der sich wie ein Stern selbst umkreist und um seinen Kern ein All aus Farben und Formen, Klängen und Bildern erzeugt, das ihn unendlich ausdehnt und versucht und variiert – und mein Herz schlägt aus und reißt mich mit. Trägt mich hinauf, hinab, zu mir, hinein in meine treuesten Gestaltungen von Licht und Dunkel, bis die Spannung unerträglich wird, die Freude überfließt und wie ein Springquell aus den Augen bricht, der, wenn ich lache, aufwärts steigt und der abwärts fällt, wenn ich weine – oder ist es umgekehrt?
Ich tauche durch ein Meer aus Bildern, durch Gebilde und Geschöpfe meines Selbst, die in mir auf- und untergehen, wie ich in ihnen auf- und untergehe. Zwischen Abgründen schwebend, wo Phantome Schemen erbeuten und Schemen Nebelschwaden; wo sich Schemen zu Begriffen wandeln und Begriffe zu Phantomen, um sich Schemen anzueignen. Von Wellenkämmen zur Sonne getragen, wo aus der Asche des Überlebten Lebenverbürgendes steigt, das sich Herzschlag für Herzschlag mit mir verknüpft und zu einem Wert des Lebens wird, zu einem Ausgangs- und Endpunkt des sich Welt aneignenden Körpers; zu einem Knotenpunkt des Empfindens, der Erschütterung für Erschütterung, Erfahrung für Erfahrung, Erinnerung für Erinnerung in sich verschlungen ist – und in dem Wahrheit und Illusion unauflöslich zu einem Muster verwoben und dadurch aufgehoben sind.

Ist es das Denken, das fühlt? Oder das Gefühl, das denkt? – Mein Empfinden verflüchtigt sich, wird vom Wind erfaßt und fortgetragen und streicht über die Oberflächen von Sand und Fels, Halmen und Blättern, Wasser und Haut – und schlägt sich nieder. Hinterläßt unsichtbare Spuren, die vielleicht ins Leben gerufen werden, irgendwann, um zu einer Geste, einem Tanz, einer Hymne zu reifen. So verklingt das eine und schafft Raum für das, was sich bereits Impuls für Impuls in mir ausbreitet wie dichtes Treiben von Schnee. Für das, was noch blutjung und unbestimmt ist und auf Einfluß hofft und vorwärts drängt, um sich in mir als herrschende Kraft festzusetzen und auszudehnen. Manchmal lausche ich dem Gestöber der Impulse und lasse es gern geschehen, empfange ihr Auf und Ab wie eine wunderbare, noch ganz und gar zügellose chaotische Musik; manchmal greife ich einige heraus und verfeinere, vollende, verdichte sie, verdichte sie bis zur Unkenntlichkeit – doch jetzt?
Jetzt ergreift der Übermut meine Instinkte, und die Instinkte mein konditioniertes Selbst. Mag es, soll es sterben; ertrinken, unter einer Welle der Verachtung ersticken. Wie es tobt, wütet, schreit – doch die Instinkte halten es fest, heiter und gelassen. Getränkt von der Gewißheit des Morgen, durchdrungen von der Weisheit des Gestern.
Lächeln, als sie den Tyrannen töten.
Gewiß, es wird schon bald wiederauferstehen und ja, schmatzend Einzug halten ins erschütterte Gewebe, um sich darin auszudehnen und festzusetzen, wieder mal – doch um ein Herrschaftsmittel, um einen Glaubenssatz ärmer!
Wie ein Rudel blutgetränkter Hyänen ziehen sich die Instinkte zurück und legen sich in den Schatten des Unbewußten, während die Gefühle dem Einzug des falschen Selbst wie Rehe lauschen, bevor sie sich aufs offene Feld wagen; witternd, welcher Wert ihm diesmal abhanden gekommen ist, welcher konditionierte Teil. Katzenhaft rollen sich Sehnen und Muskeln zusammen und schnurren – und flüstern mir zu: „Nicht alles durch Konditionierung Erworbene ist schlecht, nicht alles Selbsterschaffene gut“; und hüllen mich in ihr oberflächliches Wohlbefinden wie in einen golddurchwirkten Traum, in dem meine Augen träger und träger werden und zuerst die Hände, dann Arme und Beine nach und nach entschweben. Bis die Schwerkraft aufgehoben scheint, weil mein Körper von dem betäubenden „Fluidum“ ganz und gar durchdrungen wird, ganz und gar ausgefüllt vom Gesang der Muskeln und Sehnen, der mich unwiderstehlich entführt, als würde ich von einer sanften Brise erfaßt und fortgetragen. (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie

 

„Global Error“. Auszug II aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

„Metaphysik ist die Religion der Rationalisten, ihr Lebensinhalt die Verabsolutierung der Ideen und Gedanken.“ (Klaus Wowereit)

In allen echten Weisen wohnt, „webt“ (Goethe) und „west“ (Heidegger) eine dem gemeinen Menschenverstand unbegreifliche und durch herkömmliche Studien nicht zu erlangende geistige Hellsichtigkeit, von der durchdrungen der bislang letzte Weise des Abendlandes auch bei Nacht und Nebel kompromißlos sagen konnte: „Metaphysik ist das Grundgeschehen im Dasein.“1
So bleibt es den Weisen nicht nur vorbehalten, all jene seltsamen Wege zu kennen, auf denen das „allzumenschliche Leben“, von seiner Unzulänglichkeit in geistigen Dingen geleitet, fortwährend herumirrt; sondern sie kennen dank ihrer transzendentalen Erkenntnisfähigkeit auch all jene Wege, Straßen und Autobahnen, die zuverlässig nach Rom führen.
Doch über deren Bau und Anlage – deren geistige Architektur (der Stein der Weisen) – schweigen seit jeher sich die Weisen aus, so daß den Allzumenschlichen seit jeher nichts bleibt, als zahllose Irrfahrten anzutreten und gedanklich auf obskuren „Holzwegen“ (Heidegger) unterwegs zu „seyn“ (wiederum Heidegger). Vor diesem Hintergrund wird einmal mehr verständlich, weshalb sich Durchhalteparolen wie „Alle Wege führen nach Rom“ oder „Der Weg ist das Ziel“ solch großer Verbreitung erfreuen.
Das Bangen und Hoffen jener aber, die nach dem Hinscheiden Heideggers die „Heraufkunft“ (schon wieder Heidegger) eines weiteren von Weisheit erleuchteten „Seinflüsterers“ ersehnen, wird womöglich vergebens sein. Denn es steht geschrieben:

Ob an Krebs, an Krieg, an HIV,
während „Tatort“ oder „Late-Night-Show“:
Wann und woran du auch immer krepierst,
und ganz gleich, als was du geboren wirst,
ob als Mozart, als Merkel2, ob als Wasserschwein am Fluß,
der Weisheit allerletzter Schluß,
der über dich verhängt ist in Ewigkeit,
er lautet: Über alles und nichts in Raum und Zeit
herrscht blutige Wahrscheinlichkeit.

So daß niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob die Weisen mittlerweile ausgestorben sind.

2. Irrtum Mensch

Metaphysik: Phantome zu Wahnideen, Wahnideen zu Wahrheiten!“ (Diokletian)

Irrtum und Sinn ergeben Sinn, wenn sie ein gutes, freundschaftliches Verhältnis miteinander pflegen. Was, wesentlich mehr „mitscherlich“3 ausgedrückt, auf folgendes hinausläuft: Irrtum und Sinn ergeben Sinn, wenn sie in glaubensfreier Übereinkunft ein Verhältnis beginnen, das auf gegenseitigem Vertrauen beruht und sich daher auch in schwierigen Phasen, etwa in solchen der Trauerarbeit, als beständig erweist.
Dieses zunächst vielleicht mysteriös anmutende Verhältnis wird, wie alle gelehrten Leichenfledderer des Geistes wissen könnten, schon vom schallenden Anbeginn olympischen Gelächters verehrt und gefeiert, wie etwa aus jener steinalten Inschrift hervorgeht, die über dem Eingang des Aristophanes-Heiligtums prangt und klipp und klar besagt: „Erfinde dich selbst“ und „Irrtum und Sinn sind in Wahrheit eins“.

Um diesen unheimlichen Sachverhalt nicht durch Extrakte, wie man sie zum Beispiel dem Buch „Sein und Zeit“ oder der „Bild“-Zeitung entnehmen könnte, unnötig hart zu veranschaulichen, will ich diesmal dem dichterischen Werk den Vorzug einräumen. So folgt gleich ein kurzer Auszug aus der Komödie „Die Fische“, verfaßt von keinem Geringeren als dem berühmten, viel tausendfach gepriesenen und preisgekrönten, bis in alle Ewigkeit höchst untoten, höchst bedauernswerten Aristophanes.
Doch wie sehr wir das Schicksal dieses Mannes im Moment auch beklagen mögen: Versuchen wir, ihn und unsere Trauer zu vergessen. Ihn und alle anderen schrecklichen Dinge wie Kinderarbeit, Organhandel, Krebs, Arbeitslosigkeit, den Zweiten und Dritten Weltkrieg, Aids, Gentechnologie, von Negern geschwängerte Töchter, die Globalisierung, das Ozonloch, die Finanzkrise und was da sonst noch an Verdinglichungen des Grauens sein Unwesen treibt. Alles vergessen! vergessen! vergessen! Denn es ist doch so: Für die Entsorgung von diesen und allen anderen schrecklichen Dingen wie nuklearem Müll, Ausländern und unbequemen Andersdenkenden sind bei uns schon immer die Politiker zuständig gewesen, weil die von uns seit jeher zu diesem Zweck gewählt werden und deswegen die vom deutschen Volk berufenen Verantwortlichen zur Errichtung von Endlagern und zur Durchführung von Endlösungen aller Art in Sachen deutsch-deutscher Trauer- und Wutarbeit sind. Aus guter Tradition! Also: Frischauf zum gemeinsamen Verdrängen und Vergessen! Versuchen wir wenigstens, all diese schrecklichen Dinge aus unserem Bewußtsein auszuradieren, uns entspannt fallen zu lassen und frei zu machen, Angst endlich Angst sein zu lassen und einfach im Wohnzimmersessel zu versinken, um die gequälte Seele beim gleichzeitigen Konsumieren von Kaffee und der „Jupiter-Sinfonie“, von Kuchen und dem sogleich folgenden, „Viel Lärm um Nichts“ betitelten Dialog der Helden Dionysos und Sokrates baumeln zu lassen und sie, die Seele, solchermaßen zwischen Unvereinbares gespannt, durch Strangulation vom Leben zum Tod zu bringen.

Athen, ca. 430 v. Chr.: Sokrates und Dionysos wandeln auf den Pfaden der Mäeutik und der Sophistik

Sokrates
Warum wohl „Alles“ und nicht vielmehr „Nichts“ herrscht – dies, mein lieber Dionysos, soll unseren Geist im weiteren Verlauf des Gesprächs beschäftigen.

Dionysos
(schon sehr genervt)
„Alles“ herrscht, damit es Fragen gibt.

Sokrates
(lauernd)
Nun, das scheint mir doch eine recht ausweichende Antwort auf meine Frage zu sein. Denn durch deine Antwort willst du, recht besehen, dem Fragenden durch Ironie doch nur sophistischen Sand in die Augen streuen und stehst somit wieder vor der ursprünglichen Frage und dem „Nichts“ und bleibst uns die Antwort schuldig.

Dionysos
(ungehalten, zornig, mit lauter Stimme)
Weil „Alles“ herrscht, stellen sich dem Verständigen naturgemäß Fragen – und Fragen bedingen Antworten! So gehört es zusammen! Und bedenke: Weil „Alles“ herrscht, kann es das „Nichts“ nicht geben. Das eine schließt das andere aus. „Alles“ – oder „Nichts“!

Sokrates
(triumphierend)
Ja, aber wie verhält sich das denn mit den Fragen, wenn man ihre Funktion nicht in herkömmlicher, sondern in grundsätzlicher Weise betrachtet? Spenden sie nicht allein schon dadurch immer Sinn, daß sie den Geist in Bewegung versetzen? Ihn beschäftigen?
Und gilt das gleiche nicht auch für die Antworten, weil diese notwendig immer nur Scheinwissen in sich tragen, da der Mensch seiner Natur nach zum Wissen nicht befähigt ist?
Erfüllen also Fragen und Antworten wesentlich nicht die gleiche Funktion, nämlich die der Beschäftigung des Geistes?
Und ist also zuallererst nicht die Vernunft gefordert, den wesentlichen Unterschied zwischen Frage und Antwort herauszufinden, sofern es einen solchen überhaupt gibt?

Dionysos
(jetzt in kalter Wut)
So werde ich nun zum letzten Mal eine deiner unerträglichen Fragen beantworten, indem ich dich frage: Warum fragst du soviel? Und warum immer andere?

Tritt mit einem höhnischen Lachen einen Schritt zurück.

Sokrates
(im Gefühl seines nahen Sieges schwelgend)
Ich stelle fest, daß aus Fragen Antworten, aus Antworten Ausflüchte und aus Ausflüchten Fragen wurden. Wie ist denn das zu verstehen? Willst du mir etwa…

Dionysos
Halt’s Maul!

Sokrates
(erschrocken zurückweichend)
Aber…

Dionysos
(jetzt mit furchtbarer Stimme)
Bei den Göttern – schweig! Weißt du etwa nicht, was dir nach deinem Ableben in der Unterwelt bevorsteht?

Sokrates
(eingeschüchtert)
Was meinst du?

Dionysos
Hast du noch nie vom Fluch Apollos gehört?

Sokrates
(mißtrauisch)
Äh, nein.

Dionysos
Alle Denker, Schriftsteller und Politiker sind nach ihrem Ableben dazu verdammt, den von ihnen zu Lebzeiten verbreiteten Worten nicht weniger als 5000 Jahre zu lauschen. Ohne Unterbrechung!

Sokrates
Aber – aber das ist doch Unsinn. Aberglaube!

Dionysos
Schweig und sieh her!

Wie durch Zauberei wird der Hades unter ihren Füßen sichtbar, aus dem ein ohrenbetäubendes Wehgeschrei dringt.

Dionysos
Aberglaube, sagst du? Sieh nur hin, wie sie sich beim Hören der von ihnen abgesonderten Worte unter Qualen winden! Glaube mir, die meisten überstehen diese Tortur nicht und werden wahnsinnig.

Sokrates
(zaghaft)
Aber, aber das ist doch nicht möglich. Dort erkenne ich Euripides, er hält sich die Ohren zu und murmelt laut vor sich hin. Und der da, der wie von Sinnen weint, das ist doch der Demagoge Kleophon, nicht? Doch die meisten kenne ich nicht.

Dionysos
Das ist auch nicht möglich, weil viele Szenen aus der Zukunft stammen. Der Schreihals zum Beispiel, der dort hinten kniet und dauernd den Kopf gegen die Wand schlägt: das ist ein gewisser Adolf Hitler, ein politischer Agitator, der erst gut 2000 Jahre nach dir das Licht der Welt erblickt hat. Oder nimm die beiden merkwürdigen Gestalten, die sich gegenseitig die Haare ausreißen: unter dem Namen „Modern Talking“ konnten sie als Musiker einst große Erfolge erzielen; jetzt bereuen sie jede einzelne Silbe und Note, die sie produziert haben.

Sokrates
Mir wird angst und bange.

Dionysos
Und das aus gutem Grund. Schau! Wer rennt dort im Zickzackkurs durch die Menge, um den eigenen Fragen zu entfliehen?

Sokrates
(schreit entsetzt auf und packt Dionysos am Arm)
Nein! Bitte nicht! Wie kann ich das verhindern?

Dionysos
Behalte in Zukunft deine Fragen einfach für dich.

Sokrates
(blickt noch mal nach unten und ruft aus)
Ja! Ja! Ich tu’s ja! Ich schwöre es!

Dionysos
Gelobe es!

Sokrates
Ich gelobe, von jetzt an für immer zu schweigen.

Geht ab.

Dionysos
(zückt sein Handy, wählt und spricht)
Erledigt! Wer ist der Nächste?
Kurze Pause, dann:
Bestätige: Peter Sloterdijk.

„Global Error“. Ein Auszug aus dem Buch Abrakadabra, der Avatar bin ich

der „grammatikalisierte mensch“

früher gab es zeitungen, und was darin stand, hat einen geistig nicht gesättigt: „Sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung.“ (Nietzsche)
heute gibt es darüber hinaus die medien „fernsehen“ und das „world wide web“, und das verlangen nach geistig relevanter kost ist noch größer geworden.
schon morgen wird es vielleicht niemanden mehr geben, der in der lage ist, ein solches verlangen verspüren zu können.

den menschlichen denkmaschinen, die im gehäuse der wissenschaft und im regelwerk der sprache zu hause sind, geht das freilich am arsch vorbei. sie haben mit gefühlen und instinkten und dem ganzen „irrationalen scheiß“ nichts zu schaffen, blicken mit verachtung auf den instinktiv-emotional-geistigen menschen herab. als musterknaben des rationalen denkens sind sie schon in ihrer jugend bei der „alten vettel grammatik“ brav in die schule gegangen und haben dort gelernt, wie sie es ihr besorgen müssen, damit denk- und textmäßig alles einwandfrei flutscht. mancher wird es nur ungern hören, aber die wahrheit ist, daß die meisten denker der grammatik, der „kalten zuchtmeisterin des richtigdenkens und richtigschreibens“, ein leben lang die fotze geleckt haben, manche durchaus virtuos und mit großer hingabe.

so wurden sie zu „grammatikalisierten menschen“, zu radikalen verfechtern und erfüllungsgehilfen der im westen etablierten, vollends durchregulierten sprach- und denkweise, und also auch zu verfechtern der in diesem kulturkreis herrschenden gesinnungen und ideologien. nietzsche ist dieser zusammenhang immerhin aufgefallen, als er schrieb: „Die Grammatik ist die Metaphysik des kleinen Mannes.“ doch auch der philologe nietzsche hatte sich der grammatik verschrieben, notgedrungen.

und wie geht das zusammen, „grammatiknazi“ (satiremagazin TITANIC) und revolutionär sein?

anyway, das regelwerk des richtigschreibens und richtigdenkens ist etwas, das im wirklichen leben überwunden werden muß. denn die regeln der herrschenden sprache sind nichts als die ketten, an die unsere wahrnehmung geschmiedet ist, die ketten, die dafür sorgen, daß wir nur einen ausschnitt der wirklichkeit wahrnehmen können, ja daß wir die wirklichkeit immer nur den herrschenden sprachkonventionen gemäß wahrnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Retro-Philosophie. Ein Textauszug aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

Bilder der vollendeten Metaphysik II
Eine literarische Montage

Wer versteht noch die Sprache der Natur?

Philosophie und Kunst schöpfen aus einem gemeinsamen Grund, einem Urquell gleichsam geistiger Wasser. Wo dieser entspringt ist ein Geheimnis, doch dessen ungeachtet durchströmen die geistigen Wasser, zu Blut gewandelt, seit jeher die Dichter, Künstler und Künstlerphilosophen, die geistig Schaffenden, die einige Werke von einer solch vollkommenen Schönheit erschufen, daß sich der gemeine Menschenverstand davor seit jeher elend und nichtig vorkommt, so daß sich der kalte Verstandesmensch, von Mißgunst und der irrwitzigen Hoffnung getrieben, Gott spielen zu können, daran machte, einen Homunkulus zu erschaffen, einen künstlichen Menschen oder eine andere künstliche Lebensform oder eine Form Künstlicher Intelligenz.

Weltenwerk, o Weltenwerk,
du einzig Zweck, du einzig Sinn;
der Schaffung des Homunkulus
nur gebe ich mein Leben hin.

Erwähltes Menschmaschinenvolk,
schwebend um der Erde Lauf;
in einem Weltreich zu verschmelzen,
darauf ist die Menschheit aus.

Gleich scheinen vor der Technik alle,
gleich auch vor des Goldes Glanz;
dem „Nichts“ zu ehren spielen Lieder,
nichts zu ehren wird getanzt.

Nur dir, ersehntem Weltenwerke,
Verstandeswerk und Lebenssinn,
Tag für Tag, dir ganz alleine,
gebe ich mein Leben hin.

Der tiefsitzende Haß aufs wirkliche Leben treibt die technische Verwirklichung der Formen Künstlicher Intelligenz unaufhörlich voran, unerbittlich, während sich der geistig Schaffende von diesem Treiben angeekelt abwendet und den Sternen zuwendet, den strahlenden Urformen schöpferischer Kraft, um, von ihrem Anblick verführt, in der Tiefe des Himmels zu versinken, sich in seinem herrlichen Antlitz aufzulösen, in ewigen Lichtwerken auf- und unterzugehen.

Postmodernes Zwischenspiel

Wie muß der einzelne mit der Flut an Informationen umgehen, um nicht darin unterzugehen? Bewirkt die technikgenerierte Welt, die auf Kosten der natürlichen Welt immer weiter ausgedehnt wird, nicht die Pervertierung des Menschen? Und eine totale Sinnentleerung der Gesellschaft?
Wie soll der einzelne heute zu einer Identität finden, wie sie bewahren? Wie müßte eine solche im Neben-, Durch- und Miteinander der sich in den hypermodernen Zivilisationen vermischenden Moralen und Kulturen beschaffen sein, worauf sich gründen?
Und was ist es eigentlich, was sich hier durchdringt und durchmischt? Entsteht denn im Mahlstrom des „Nichts ist unmöglich“ überhaupt noch etwas von bleibendem geistigem Wert? Oder bleibt vielmehr – nichts?
Was aber, wenn in der Dimension der vollendeten Metaphysik Unmischbares nach Vermischung strebte? Sind denn die wenigen verbliebenen Kulturen überhaupt miteinander vermischbar? Was, wenn allein der Verfall der Moralen und Traditionen das alle Menschen Verbindende in der „wissenschaftlich-technischen Weltzivilisation“ (Jürgen Friedrich) ist? Und wenn auf diesen Verfall nicht mehr folgen sollte als ein rein funktionaler Mensch-Maschine-Systemkreislauf?

Ein scheußlicher Klang dringt heran und reißt den Träumenden, den sich und die Welt träumend Erschaffenden, gewaltsam aus seiner inneren Versenkung, aus seiner geistigen Verschmelzung mit dem Himmel, um ihn einmal mehr an das zu erinnern, was man aus der Welt gemacht hat, an die totalitäre Wahrheit, die man über das All verhängt hat: „Metapysik ist das Grundgeschehen im Dasein.“ (Heidegger)
Und der Träumende erinnert sich.

Untergang

Noch beten sie.
Wird ihr Glaube stark genug sein, am Tode ihres Gottes nicht zu zerbrechen? –
Seht den Wahnsinn, der dem Bösen entsprang. Unter Erlösung verheißenden Hakenkreuzbannern fuhr er auf seinem metallenen Streitwagen über die Trümmerfelder zerfallener Werte. Glühenden Blickes raste er, das Böse endgültig zum Guten zu verklären. Ein tausendjähriges Reich zu errichten kam er; eine Totenstatt blutiger Ruinen sollte er zurücklassen. War sein Verlöschen nicht, weil auch sein Reich nicht von dieser Welt stammte?
Was war er? Ein verhängnisvoller Werkstoff gewaltiger Umwälzungen. Große Opfer fordern sie, das menschliche Antlitz der Erde zu verwandeln.
Glaube und Hoffnung, Träume und Sehnsucht, Verstand und Vernunft – irren sie nicht nackt und bloß durch die Kulissen einer Welt, die eines Grundes, eines Sinns längst beraubt ist?
Knirschend und mahlend – ein klaffender Abgrund weist ihre Fahrt. Knirschend und mahlend vergrößert er sich auch, der weltendurchdringende. Haftet nicht an allem schon der Gestank von Fäulnis und Verfall?
Endlos – scheint der Fall der von der christlichen Moral psychisch Gekreuzigten. Schmerzliche Zerrissenheit und Angst vergessen zu machen, ist ihr ganzes Bestreben. Vergeblich! Wie ein Flächenbrand wütet das seelische Verderben, die Psyche der Fliehenden zu erjagen und zu verwüsten.
Wie süß klingen da die Weisen der Sirenen. Hört doch, wie sie locken und dazu verführen, den Schmerz in ihren betäubenden Giften zu ertränken. Seht doch, wie sie im Gefolge der von langer Knechtschaft befreiten höllischen Heerscharen über die Erde ziehen, die Botschaft ihres einstigen Herrn und Meisters zu verkünden.
Wie? Vernahmt ihr etwa den letzten Willen Gottes nicht? Sein Reich teilhaben läßt er am bitteren Geschmack seines Untergangs.
Zerstörung – feiert ihre Stunde.

Dies vor Augen wendet der die Welt träumend Erschaffende seinen Blick wieder gen Himmel, gen Sterne, gen Natur, gen Gesundheit. Er ist sich der Notwendigkeit seiner Einsamkeit in einer Welt vollkommen bewußt, die, im Unterschied zu ihm, ihren Untergang will, weil der Massenmensch und der Verstandesmensch ihrer selbst längst überdrüssig geworden sind. „Das wirkliche Leben, was soll das sein?“ fragt der Verstandesmensch und verliert sich im Empfinden völliger Unwirklichkeit, weil sein Herz erkaltet ist und seine Instinkte und Gefühle verkümmert sind und er unentschieden zwischen seinen Hirngespinsten schwebt, zwischen den Inseln der Verlockung, der Verheißung und des Vergessens, in allen Gängen seines Verstands wie in einem unbekannten Labyrinth irrend, um schließlich im Abgrund seines Selbst zu versinken, ein von allen guten Geistern verlassenes Verstandestier, das in einem sich erträumenden Leben und gelebten Traum nicht bestehen kann, weil es aus sich selbst keinen lebensbejahenden Wert hervorzubringen vermag, und das – vielleicht, um es aus seiner Agonie zu reißen? – bisweilen von rätselhaften Wesen heimgesucht wird, von luftgeformten Sphinxgestalten, Geschöpfen halb Kunst, halb Philosophie, in denen Feuer und Wasser zu einem Ausdruck geistiger Schönheit verschmolzen, nur um sich schon im nächsten Moment im Strom von Werden und Vergehen aufzulösen.

Anmerkung

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Abrakadabra, der Avatar bin ich. Aus gegebenem Anlaß – dem Unverständnis, das diesem (vollständig überarbeiteten) Text nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1997 entgegenschlug – noch einige Bemerkungen. Der Text ist in Teilen retro, heißt: Ich lasse in diesen Teilen Elemente früherer Stilrichtungen wiederaufleben. Und um die Wirklichkeit der heutigen Gesellschaft auch formal abzubilden – nämlich als ein großes sinnfreies und absurd anmutendes, weil in viele widersprüchliche Sinn- und Nichtsinninseln zerbrochenes Ganzes – habe ich, wie bereits bei der literarischen Montage „Global Error“, verschiedene Textarten aneinandergereiht und zu einem Ganzen verwoben.

Auszug III aus „Wir sind Krise“, Band I

Um dieser Aufgabe nachzukommen, skizziere ich zunächst das Wertegefüge der europäischen Moral. Dabei halte ich mich an die Ergebnisse Friedrich Nietzsches, der zum Bestand des europäischen Wertegefüges „Herren- und Sklavenmoral“ zählt (im Unterschied zu Nietzsche verwende ich die Begriffe nicht wertend, sondern rein deskriptiv).
Den Terminus „Herrenmoral“ verwendet Nietzsche dazu, die etwa in Persien, Hellas und Rom von der indogermanischen Eroberer- und Herrenschicht etablierten Wertesysteme zu bezeichnen. Der Begriff dient ihm außerdem dazu, das aristokratische Selbstverständnis, von dem die indogermanische Herrenschicht erfüllt war, zu kennzeichnen; das Selbstverständnis nämlich, eine zur Herrschaft berufene aristokratisch-soziale Elite zu sein, der die Aufgabe, die Welt zu gestalten und die Gesellschaft zu formen, wesensgemäß zukommt. Nietzsche begreift dieses Selbstverständnis als etwas durchaus Positives, Begrüßenswertes, weil die – in seinen Augen durch innere Machtfülle ausgezeichnete – indoeuropäische Herrenschicht die Bürde auf sich nahm, die Verantwortung für sich und alle anderen Mitglieder der Gesellschaft zu tragen und dafür zu sorgen, daß das geistig-moralische Niveau des Menschengeschlechts gehoben wird. Daher kam nach Nietzsche auch allein der zur Führung berufenen Herrenschicht, den indogermanischen Krieger- und Priesterbünden, das Recht zu, oberste Werte zu schaffen und diese mit allen dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen.
Geschichtlich gesehen haben viele verschiedene Gesellschaftsformen existiert, die im Zeichen der Herrenmoral zur Herrschaft gebracht wurden: etwa die von den Hellenen und Römern errichteten Staatsgebilde (Polis und Imperium Romanum) sowie die politisch weniger strukturierten Herrschaftsgebilde der Kelten- und Germanenstämme. Doch so unterschiedlich sie im einzelnen auch waren, es gab doch ein alle verbindendes Moment: das Selbstverständnis der indoeuropäischen Krieger- und Priesterbünde, zur gewaltsamen Führung der Gesellschaft berechtigt zu sein.
Unter dem Terminus „Sklavenmoral“ subsumiert Nietzsche kurz gesagt all jene den Wertschätzungen des indoeuropäischen Adels feindlich entgegengesetzten Gesinnungen und Glaubensrichtungen, die sich in der Antike über lange Zeiträume im Verborgenen und zuletzt vor allem in sichtbarer Entgegensetzung zur römischen Herrenmoral entwickelten und schließlich im Christentum bündelten, das zum Evangelium aller durch das Römische Imperium Unterworfenen, Unterdrückten und Entrechteten avancierte.
Wie eine Sklavenmoral entsteht, liegt auf der Hand (um die Aktualität der im folgenden beschriebenen Vorgänge hervorzuheben, verfasse ich diesen Abschnitt im Präsens): Sobald ein Volk oder eine andere Gruppe dauerhaft unter Fremdherrschaft gerät, wird sich der geballte Haß der Gruppe naturgemäß gegen die Herrenkaste richten und irgendwann eine Moral hervorbringen, die den Werten der Herrschenden diametral entgegengesetzt ist, weil sie auf den Umsturz der herrschenden Verhältnisse zielt. Eine Sklavenmoral ist mithin ein Instrument der geistigen Kriegsführung, dazu geschaffen, das Fundament der Herrenmoral Wert für Wert auszuhöhlen, um das Herrschaftssystem zu schwächen und über kurz oder lang zum Einsturz zu bringen. Umgekehrt werden die höchsten Werte, die von einer unter Fremdherrschaft geratenen Gruppe verehrt werden, von der Herrenkaste systematisch als das Schlechte, das naturgegeben Unterlegene und daher Verachtenswürdige, gebrandmarkt.
Grundsätzlich gilt: Was eine Herrenkaste als das Ideale und Gute und Wünschenswerte in Form oberster Werte verabsolutiert, wird von der Sklavenkaste als böse verteufelt. Und umgekehrt: Was die Sklavenkaste heiligt, wird von der Herrenkaste als schlecht und nichtswürdig abgetan. Der Fall des Imperium Romanum und des Christentums belegt das. Was von den in Rom Herrschenden begehrt und verehrt wurde – etwa weltliche Macht, oder auch Reichtum und Ruhm –, wird im Neuen Testament als das Böse verteufelt. Und alles, was die römische Aristokratie verachtet hat – Demut etwa und Mitleid, oder auch die Gleichheit aller vor Gott –, wird im Neuen Testament als das Höhere und Erstrebenswerte dargestellt.

Es ist klar, daß eine von der Herrenschicht systematisch betriebene geistige Abwertung und physische Herabwürdigung ihre Wirkung in der Regel nicht verfehlen und bei der unterworfenen Gruppe ein kollektives Empfinden der Mangelhaftigkeit, der Minderwertigkeit und des Ungenügens, ja mitunter sogar des Aussätzig- und Gezeichnet-Seins hervorrufen.
Um dieses schmerzhafte Empfinden dauerhaft unterdrücken bzw. das Brennen dieser psychischen „Wunde“ mildern zu können, bilden sich verschiedene Ressentiments und psychische Abwehrmechanismen aus: etwa ein glühender Kollektivhaß auf alles Lebensbejahende, Glückliche, Unschuldige, Machtvolle und Schöne samt dem dauernden Verlangen nach Genugtuung und Vergeltung, jener berauschenden Wirkung des Rachedursts, die als Stimulans genutzt und kultiviert wird. Oder auch das (unbewußte) Streben danach, die „Schmach“ des Unterdrücktwerdens unter immer neuen Rationalisierungen oder lebensfernen Idealen zu begraben bzw. durch eine dem Anschein nach ganz und gar uneigennützige, weil vordergründig der Liebe und Freundschaft und Tugend verpflichtete, Lebensweise vergessen zu machen. Diese Technik der psychischen Kompensation unerwünschter Anteile des Selbst wird zum Beispiel im Neuen Testament fortwährend in Szene gesetzt und als Mittel zur Linderung der (psychischen) Not anempfohlen.
Darüber hinaus entsteht in der Regel ein unbewußt einsetzender Reflex, dem es geschuldet ist, daß die Mitglieder eines unterdrückten Kollektivs nicht nur jegliche Selbstverantwortung im Namen einer höheren Macht, etwa im Namen Gottes, von sich weisen, sondern auch alle Schuld prinzipiell anderen zuweisen. Dieser „psychische Mechanismus“ sorgt zuverlässig dafür, daß aus den Opfern von gestern die Täter von heute werden, sobald ein Gegenüber gefunden ist, das sich als Feindbild bzw. als Sündenbock eignet, also als Projektionsfläche des eigenen psychischen „Schattenanteils“ (Schatten im C.G. Jungschen Sinn). Das ist das Gefährliche und Tückische an der Sache: Sowohl das kollektive Empfinden der Mangelhaftigkeit als auch die Techniken zur psychischen Abwehr und Kompensation dieses Empfindens bilden das immaterielle Erbe aller durch eine Herrenmoral dauerhaft Unterdrückten bzw. durch eine Sklavenmoral Konditionierten (das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung).
Nietzsche schreibt: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein nein zu einem „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“12
Die Sklavenmoral setzt sich absolut, indem sie alles außerhalb ihrer selbst negiert, – indem sie die Werte der Herrenmoral mit dem Stigma des Bösen versieht, gemäß der Logik: Was böse ist, darf nicht sein. Die Sklavenmoral ist die genaue Umkehrung der Herrenmoral, die Werte der Moralen sind diametral entgegengesetzt.
Herren- und Sklavenmoral bilden die Struktur des europäischen Wertesystems und sorgen durch ihren Widerstreit für den Fortgang der Geschichte. Im Vollzug ihres geschichtlichen Widerstreits ringen, nunmehr schon seit Jahrtausenden, Generationen von Herren- und Sklavenkasten, Herrschenden und Beherrschten, Recht-Setzenden und Rechtlosen, Freien und Unfreien, Besitzenden und Besitzlosen um Macht. Dieser Machtkampf, zu dem auch das (meist vergebliche) Ringen der durch eine Sklavenmoral Konditionierten um Emanzipation von der eigenen moralisch-psychischen Disposition gehört, wurde und wird von vielfachen Krisen, Konflikten, (Bürger-)Kriegen und, in der Neuzeit, auch von Revolutionen geprägt.

→ Die Kurzerläuterung der Hypothese, einen Auszug aus dem Wissenschaftsessay „Wir sind Krise“, findest du z.B. hier: Wir sind Krise, E-Book

Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

„Ich verstehe unter ‚Moral‘ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Friedrich Nietzsche

„Moral“ ist ein von einer geistigen Elite oder von einzelnen zum Zweck der Gliederung der Gesellschaft und der Kontrollierbarkeit der Mehrheit geschaffenes, aus höchsten Werten und diesen diametral entgegengesetzten „Unwerten“ (Erich Neumann) hierarchisch konstruiertes Wertesystem; aus Werten, denen, sobald zur Herrschaft gebracht, normative Geltung zukommt, und deren Inhalt und Form durch die Lebensbedingungen eines Volks bzw. eines Individuums immer wesentlich mitbestimmt werden. Moralverursachte Krisen entstehen, sobald ein herrschender Wert, zum Beispiel ein Ideal, einer Veränderung im Wege steht – genauer: entgegenwirkt –, die für einen einzelnen oder für ein Kollektiv von existentieller Bedeutung ist; sie dauern, bis sich ein der eingetretenen Veränderung gemäßer Wertewandel vollzogen hat, in der Regel also ziemlich lange.
Wer vermag schon alte Überzeugungen und Gewohnheiten von heute auf morgen loszulassen, wer verzichtet schon auf vermeintlich unverzichtbare Privilegien? Nein, meistens hält man während eines Wertewandels, bewußt oder unbewußt, noch einige Zeit an dem Wert, der sich „überlebt“ hat, fest, obwohl die Bewältigung der Krisensituation dadurch verhindert, der Umbruch blockiert wird. Etwa, wenn sich bei einem reaktionären Geist ein Wandel der inneren Einstellung vollzogen hat und er an einer Tradition aus Angst oder Gewohnheit festhält, obwohl er an den Folgen psychisch erkrankt. Oder wenn ein Apologet des Fortschrittsglaubens in einer gesellschaftlichen Krisensituation wider besseres Wissen ausschließlich auf moderne Ideale als Mittel der Bewältigung setzt, obwohl die Krise dadurch nicht überwunden, sondern verlängert wird.
Dieses regelmäßig wiederkehrende Phänomen – das widersinnige Festhalten von einzelnen und Gruppen am Unzweckmäßigen, Dysfunktionalen – beruht nicht in erster Linie auf menschlichem Unvermögen, sondern auf der Wirkung der Moral. Ideale, Prinzipien, Tugenden sind ja nicht etwas, das man sich nach Belieben anschafft und ablegt. Im Gegenteil. Einmal zur Herrschaft gelangt, fordern sie unbedingten Gehorsam. Jede Moral befiehlt, alle herrschenden, moralisch sanktionierten Werte sind Imperative. Sie sind nicht relativierbar; sie tyrannisieren! –
Was sind moralisch sanktionierte Werte? Idealvorstellungen vom Menschen, die man jenseits von Werden und Vergehen als höchste unveränderliche Leitbilder eines richtigen und guten Lebens aufgestellt hat, als Sinn und Zweck des Lebens jedes einzelnen. Was sind moralisch sanktionierte Werte? Die um das herrschende Menschideal gruppierten Normen richtigen und falschen Verhaltens, die unbedingte Geltung beanspruchen und, einmal internalisiert, zu psychisch wirksamen Verhaltensimperativen „mutieren“ – zu den Geboten und Verboten des Über-Ichs –, die das Verhalten jedes einzelnen großteils ohne Mitwirkung des Bewußtseins steuern.
Was sind herrschende Werte? Verabsolutierte „Einzelaspekte des Gesamtaspekts Mensch“ (Nietzsche), die auf Kosten aller anderen Seinsmöglichkeiten des Menschen herrschen, bis sie durch andere Werte respektive „Werteplacebos“, die zur Herrschaft gelangen, gewaltsam verdrängt und ersetzt werden: sei es im Vollzug von Wirtschaftskriegen oder politisch-sozialen Revolutionen, sei es durch technische Neuerungen oder klimatische Veränderungen. (Unter „Werteplacebos“ verstehe ich alle gehaltlosen, weder Verstand noch Gefühl noch Instinkt nährenden „Glasperlen des Geistes“, zum Beispiel Börsenkurse.)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß moralbedingte Umwälzungen in der Regel große Erschütterungen auslösen und als Krisensituationen wahrgenommen werden. Ich präzisiere meine Definition: Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels. Sie dauern, bis sich eine (geschichtliche) Wende, ein Umbruch, eine Machtverschiebung im herrschenden Wertegefüge vollzogen hat und eine Neuordnung der Machtverhältnisse erfolgt ist.

Politische Krisen, an denen mehrere Konfliktparteien beteiligt sind, führen aber nicht immer zu einer Neuordnung der Macht, sondern mitunter zur Wiederherstellung des Status quo, wie er vor dem Ausbruch der Krise geherrscht hat. Daß eine Wiederherstellung des Status quo ante tatsächlich möglich ist, bezweifle ich aber. Meiner Einschätzung nach bedeutet eine Wiederherstellung des früheren Zustands immer auch die Inkaufnahme von Machtverschiebungen, die anfangs eventuell noch nicht sichtbar sind, aber nach und nach in Erscheinung treten und sich auf die eine oder andere, oftmals überraschende, Weise auswirken.
Aus machiavellistischer Perspektive ist es selbstverständlich Unsinn, Krisen nur als (politischen) Notstand, als etwas Negatives zu begreifen. Vielmehr stellt eine gezielt herbeigeführte innen- oder außenpolitische Krisensituation ein besonders effektives und von den Herrschenden daher gern eingesetztes Mittel dar, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten oder auszubauen, eine Veränderung der Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil herbeizuführen. Wirtschafts- und Finanzkrisen werden dazu genutzt, den Abbau sozialstaatlicher Strukturen voranzutreiben und strukturelle Veränderungen des politisch-industriellen Machtkomplexes durchzusetzen, die den Interessen der Bevölkerungsmehrheit zuwiderlaufen.
Die ökonomischen Zusammenhänge, wie sie etwa von Karl Marx analysiert und beschrieben worden sind, interessieren hier jedoch nur am Rande. Mein Thema ist die moralbedingte Krise. Ich lege dar, warum sie zu einem Dauerzustand in den modernen westlichen Gesellschaften geworden ist.

 

 

Auszug I aus „Wir sind Krise“, Band I

Erstes Kapitel · „Krise? Welche Krise?“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlin

I.
Die Krise der modernen westlichen Gesellschaften dauert an. Sie brach seit dem Ausgang der Reformation in immer kürzeren Abständen über die westliche Welt herein und hat sich schließlich in der bürgerlich-liberalen Welt festgesetzt, also im Machtbereich der von der Bourgeoisie jahrmarktartig betriebenen „Pluto-Demo-Kratie“. Sie bezeichnet das Endstadium einer langwierigen Auflösung des europäischen Wertegefüges, der Auflösung nicht nur der aristokratischen, sondern sämtlicher moralisch sanktionierten Werte. Sie gehört zur Moderne und zur Hypermoderne wie das Amen zur Kirche. Sie ist gefräßig und allgegenwärtig.
Symptomatisch für den Dauerzustand der Krise in der Moderne ist ein Empfinden, das sich in den westlichen Gesellschaften hartnäckig hält: das kollektive Empfinden, geschichtlich an ein Ende gelangt zu sein. An einen geschichtlichen Wendepunkt, über den man nicht hinauskommt. Es ist das Ahnen eines entscheidenden Umbruchs, der spürbar, aber noch nicht greifbar ist; der sich dem Begreifen noch entzieht und daher unbewältigbar erscheint.
Andererseits hat die „Krise“ schon etliche Ausdeutungen erfahren und trägt viele Überschriften. Eine Auswahl: das „Versagen der metaphysischen Sicherungssysteme“1; das „Ende der Geschichte“2; „Das wird jetzt zunehmend eine Welt, die nicht mehr regierbar ist“3; „Gott ist tot“4; „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“5; „(…) eine völlige Unsicherheit hinsichtlich Moral“6; „Endzeit? Die Zukunft der Geschichte“7; „Unser Boden ist nicht der Rechtsboden, es ist der revolutionäre Boden“8; „Logik der Rettung“9; „Der Untergang des Abendlandes“10; und natürlich darf auch die Überschrift „Die letzte Krise“11 in dieser Aufzählung nicht fehlen.
So unterschiedlich die Befunde und Schlußfolgerungen im einzelnen auch ausfallen; und unabhängig davon, ob die Verfasser einen gesellschaftlichen Wertewandel konstatieren oder zu einem gewaltsamen Umsturz aufrufen, um die Überwindung der ihrer Einschätzung nach überkommenen respektive verkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse in Aussicht zu stellen, – in einem entscheidenden Punkt stimmen sie doch überein: in der Diagnose nämlich, daß sich die modernen bzw. postmodernen westlichen Gesellschaften in der Krise befinden, sei sie nun ökonomischer, ökologischer, politisch-sozialer oder psychischer Art.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise wird diese Diagnose, auch wenn sich die Deutungen zum Teil widersprechen, heute in der Regel als zutreffend angesehen und nur noch von unbelehrbaren Technokraten, Pseudopolitikern, Pseudojournalisten und allen anderen Profiteuren des Kapitalismus in Frage gestellt und bestritten. Von den Hardlinern des herrschenden Systems mit einem Wort, die sich dem Phänomen Gesellschaftskrise bzw. Gesellschaftswandel durch die „Magie der Verdrängung“ auch heute noch entziehen können – und das Offensichtliche daher aus innerer Betriebsblindheit leugnen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit den Anschein erwecken, sachlichen Argumenten zugänglich zu sein.

Daß eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation von der Bevölkerung in der Regel als etwas Bedrohliches und Gefährliches wahrgenommen wird und nur selten als eine willkommene Chance, positive Veränderungen herbeizuführen, resultiert nicht nur aus den schlechten Gewohnheiten und der geistigen Passivität der „Masse“ (vgl. Aph. 95, S. 284), sondern auch aus dem Wissen, daß sich Gesellschaftskrisen auf das Leben der meisten bislang eher negativ ausgewirkt haben.
Man denke nur an die Wirtschaftskrisen des kapitalistischen Systems, deren Auswirkungen – ganz im Sinn der Profiteure – meist zu massenhafter Verarmung, mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen (z.B. in der Gründungsphase der Weimarer Republik) oder auch zu gewalttätigen Konflikten führten, sobald die Herrscherelite einer krisengebeutelten Nation ihr Heil in einer aggressiven Außenpolitik suchte. Manchmal führte eine Krise auch direkt in die Katastrophe, wie die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigt.
Trotzdem eröffnet sich in Krisensituationen immer auch die Chance, eine für den einzelnen bzw. für die Gesellschaft günstige Wendung oder heilsame Veränderung herbeizuführen (auch den politisch-sozialen Revolutionen ist ja immer eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation vorausgegangen, nicht wahr?). Alles kommt darauf an, wie eine Krise gedeutet und von wem ihre Überwindung organisiert wird, ob die dafür adäquaten Mittel gefunden und eingesetzt werden oder nicht.
Ich versuche eine Definition: Krisen gehören zur Struktur des westlichen Wertesystems und bezeichnen geschichtliche Wendepunkte; jene Phasen eines (moralischen) Umbruchs – eines Wertewandels –, in denen sich weitreichende Veränderungen im herrschenden Wertegefüge vollziehen.
Der Satz läßt sich auch auf Finanzkrisen anwenden, weil Wirtschafts- und Finanzsysteme immer nur ein ins Materielle verlagerter Ausdruck der herrschenden Moral bzw. Unmoral sind: weshalb der gewaltige Verlust oder eine gewaltige Umverteilung materieller Werte nichts anderes als eine Erschütterung der bestehenden Werteordnung bedeutet (so gesagt, um die Sichtweise des historischen Materialismus mal auf den Kopf zu stellen).

Ein Kennzeichen der allgemeinen Auflösung der Werte ist das Aufkommen von Nihilismus und Pessimismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis heute weit verbreitet sind. Allerdings muß man den Nihilismus in seiner positiven Ausprägung – als eine individuelle Lebenshaltung, die alle Werte heroisch verneint – natürlich streng vom defätistischen „Nihilisieren“ aller Dinge sowie vom passiven Erleiden der ätzenden Wirkung des „europäischen Nihilismus“ (Nietzsche), als den typischen Verhaltensweisen der großen Menge in Sachen Nihilismus, unterscheiden, sofern sie von diesem überhaupt berührt wird. (Unheimlich, aber wahr: das europäische Jahrtausendereignis, der „Tod Gottes“ (Nietzsche), wird von vielen bis heute nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn, daß man sich darüber Gedanken gemacht hätte, welche Folgen dieser innerpsychische „Verlust“ nach sich zieht.)
Wie sich zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 als „Bankenkrise“ (deutsche Medien) ihren Ausgang nahm, anschaulich beobachten ließ, lösen gesellschaftliche Krisensituationen bei vielen zunächst nichts als reflexartige Abwehr und großes Wehgeschrei aus. Nach der Erholung vom ersten Schock tut man dann alles dafür, das flüchtig Erfaßte so schnell wie möglich zu vergessen oder vielmehr zu verdrängen und geht zur Tagesordnung über, also zur kadavergehorsamsmäßigen Erfüllung der Alltagspflichten oder auch zur ritualisierten „Selbstauslöschung“ – etwa durch steten Fernsehkonsum (Fußball!). Gleichzeitig beginnt man, nach geeigneten Sündenböcken Ausschau zu halten („die faulen Griechen“), denen man die Schuld ganz bequem vom Fernsehsessel aus in die Schuhe schieben kann, ohne das eigene vollends irrationale Verhalten zu erfassen oder, sofern es dem einen oder anderen bewußt wird, in Frage zu stellen.
Daß man dadurch den Brand der Dauerkrise schürt, sich ihm gleichsam als Brennmaterial in den Rachen wirft, kommt diesen Leuten daher nicht in den Sinn. Mir schon. Das ist auch ein Grund dafür, daß ich über das Phänomen „Krise“ schreibe; ein anderer, wichtigerer Grund dafür ist, daß ich mich als Teil der moralbedingten Krise begreife. Ich bekenne, daß mein Leben phasenweise ein einziger ununterbrochener Krisenzustand war, ein Zerrissensein zwischen den Anteilen meines Selbst: zwischen Verstand und Gefühl, Ichbewußtsein und Unbewußtem, Liebes- und Haßgefühlen. Obwohl es mitunter unerträglich war, habe ich den Zustand bis zur bitteren Neige ausgekostet. Bis zur Selbstzerfleischung habe ich ihn ausgehalten, kroch immer tiefer in ihn oder vielmehr in mich hinein und wühlte mich wie ein Maulwurf durch mein Selbst, bis ich eines Tages auf der anderen Seite glücklich herausgekommen bin.