Abgesang. Ein Auszug aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

Nach zwei Jahrtausenden
der Erzeugung eines Kollektivwahns
erlischt die christliche Moral
im Schlacke- und Aschemeer
verglühter Ideale.
Willenlos lauschen müde Körper
dem Abgesang reizüberfluteter Nerven
– in unbewußter Verinnerlichung
der Folgen von Gottes Untergang –,
erwarten – den Verfall.

Da steigt aus morschem Singsang
noch einmal ein fauler Zauber!
Ein wundersames Gedankenejakulat
entschwebt in den Weiten des
Laboratoriums und sucht und findet
und vereint sich mit „platoni-
scher Nährflüssigkeit“, so daß
ein neues Wesen entsteht: eine
bereits vom ersten Moment ihres Seins
an zu vollkommener Selbsterkenntnis
gelangende Supermonade.

 – Zum Buch –

„Global Error“. Auszug II aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

„Metaphysik ist die Religion der Rationalisten, ihr Lebensinhalt die Verabsolutierung der Ideen und Gedanken.“ (Klaus Wowereit)

In allen echten Weisen wohnt, „webt“ (Goethe) und „west“ (Heidegger) eine dem gemeinen Menschenverstand unbegreifliche und durch herkömmliche Studien nicht zu erlangende geistige Hellsichtigkeit, von der durchdrungen der bislang letzte Weise des Abendlandes auch bei Nacht und Nebel kompromißlos sagen konnte: „Metaphysik ist das Grundgeschehen im Dasein.“1
So bleibt es den Weisen nicht nur vorbehalten, all jene seltsamen Wege zu kennen, auf denen das „allzumenschliche Leben“, von seiner Unzulänglichkeit in geistigen Dingen geleitet, fortwährend herumirrt; sondern sie kennen dank ihrer transzendentalen Erkenntnisfähigkeit auch all jene Wege, Straßen und Autobahnen, die zuverlässig nach Rom führen.
Doch über deren Bau und Anlage – deren geistige Architektur (der Stein der Weisen) – schweigen seit jeher sich die Weisen aus, so daß den Allzumenschlichen seit jeher nichts bleibt, als zahllose Irrfahrten anzutreten und gedanklich auf obskuren „Holzwegen“ (Heidegger) unterwegs zu „seyn“ (wiederum Heidegger). Vor diesem Hintergrund wird einmal mehr verständlich, weshalb sich Durchhalteparolen wie „Alle Wege führen nach Rom“ oder „Der Weg ist das Ziel“ solch großer Verbreitung erfreuen.
Das Bangen und Hoffen jener aber, die nach dem Hinscheiden Heideggers die „Heraufkunft“ (schon wieder Heidegger) eines weiteren von Weisheit erleuchteten „Seinflüsterers“ ersehnen, wird womöglich vergebens sein. Denn es steht geschrieben:

Ob an Krebs, an Krieg, an HIV,
während „Tatort“ oder „Late-Night-Show“:
Wann und woran du auch immer krepierst,
und ganz gleich, als was du geboren wirst,
ob als Mozart, als Merkel2, ob als Wasserschwein am Fluß,
der Weisheit allerletzter Schluß,
der über dich verhängt ist in Ewigkeit,
er lautet: Über alles und nichts in Raum und Zeit
herrscht blutige Wahrscheinlichkeit.

So daß niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob die Weisen mittlerweile ausgestorben sind.

„Global Error“. Ein Auszug aus dem Buch Abrakadabra, der Avatar bin ich

Retro-Philosophie. Ein Textauszug aus „Abrakadabra, der Avatar bin ich“

Bilder der vollendeten Metaphysik II
Eine literarische Montage

Wer versteht noch die Sprache der Natur?

Philosophie und Kunst schöpfen aus einem gemeinsamen Grund, einem Urquell gleichsam geistiger Wasser. Wo dieser entspringt ist ein Geheimnis, doch dessen ungeachtet durchströmen die geistigen Wasser, zu Blut gewandelt, seit jeher die Dichter, Künstler und Künstlerphilosophen, die geistig Schaffenden, die einige Werke von einer solch vollkommenen Schönheit erschufen, daß sich der gemeine Menschenverstand davor seit jeher elend und nichtig vorkommt, so daß sich der kalte Verstandesmensch, von Mißgunst und der irrwitzigen Hoffnung getrieben, Gott spielen zu können, daran machte, einen Homunkulus zu erschaffen, einen künstlichen Menschen oder eine andere künstliche Lebensform oder eine Form Künstlicher Intelligenz.

Weltenwerk, o Weltenwerk,
du einzig Zweck, du einzig Sinn;
der Schaffung des Homunkulus
nur gebe ich mein Leben hin.

Erwähltes Menschmaschinenvolk,
schwebend um der Erde Lauf;
in einem Weltreich zu verschmelzen,
darauf ist die Menschheit aus.

Gleich scheinen vor der Technik alle,
gleich auch vor des Goldes Glanz;
dem „Nichts“ zu ehren spielen Lieder,
nichts zu ehren wird getanzt.

Nur dir, ersehntem Weltenwerke,
Verstandeswerk und Lebenssinn,
Tag für Tag, dir ganz alleine,
gebe ich mein Leben hin.

Der tiefsitzende Haß aufs wirkliche Leben treibt die technische Verwirklichung der Formen Künstlicher Intelligenz unaufhörlich voran, unerbittlich, während sich der geistig Schaffende von diesem Treiben angeekelt abwendet und den Sternen zuwendet, den strahlenden Urformen schöpferischer Kraft, um, von ihrem Anblick verführt, in der Tiefe des Himmels zu versinken, sich in seinem herrlichen Antlitz aufzulösen, in ewigen Lichtwerken auf- und unterzugehen.

Postmodernes Zwischenspiel

Wie muß der einzelne mit der Flut an Informationen umgehen, um nicht darin unterzugehen? Bewirkt die technikgenerierte Welt, die auf Kosten der natürlichen Welt immer weiter ausgedehnt wird, nicht die Pervertierung des Menschen? Und eine totale Sinnentleerung der Gesellschaft?
Wie soll der einzelne heute zu einer Identität finden, wie sie bewahren? Wie müßte eine solche im Neben-, Durch- und Miteinander der sich in den hypermodernen Zivilisationen vermischenden Moralen und Kulturen beschaffen sein, worauf sich gründen?
Und was ist es eigentlich, was sich hier durchdringt und durchmischt? Entsteht denn im Mahlstrom des „Nichts ist unmöglich“ überhaupt noch etwas von bleibendem geistigem Wert? Oder bleibt vielmehr – nichts?
Was aber, wenn in der Dimension der vollendeten Metaphysik Unmischbares nach Vermischung strebte? Sind denn die wenigen verbliebenen Kulturen überhaupt miteinander vermischbar? Was, wenn allein der Verfall der Moralen und Traditionen das alle Menschen Verbindende in der „wissenschaftlich-technischen Weltzivilisation“ (Jürgen Friedrich) ist? Und wenn auf diesen Verfall nicht mehr folgen sollte als ein rein funktionaler Mensch-Maschine-Systemkreislauf?

Ein scheußlicher Klang dringt heran und reißt den Träumenden, den sich und die Welt träumend Erschaffenden, gewaltsam aus seiner inneren Versenkung, aus seiner geistigen Verschmelzung mit dem Himmel, um ihn einmal mehr an das zu erinnern, was man aus der Welt gemacht hat, an die totalitäre Wahrheit, die man über das All verhängt hat: „Metapysik ist das Grundgeschehen im Dasein.“ (Heidegger)
Und der Träumende erinnert sich.

Untergang

Noch beten sie.
Wird ihr Glaube stark genug sein, am Tode ihres Gottes nicht zu zerbrechen? –
Seht den Wahnsinn, der dem Bösen entsprang. Unter Erlösung verheißenden Hakenkreuzbannern fuhr er auf seinem metallenen Streitwagen über die Trümmerfelder zerfallener Werte. Glühenden Blickes raste er, das Böse endgültig zum Guten zu verklären. Ein tausendjähriges Reich zu errichten kam er; eine Totenstatt blutiger Ruinen sollte er zurücklassen. War sein Verlöschen nicht, weil auch sein Reich nicht von dieser Welt stammte?
Was war er? Ein verhängnisvoller Werkstoff gewaltiger Umwälzungen. Große Opfer fordern sie, das menschliche Antlitz der Erde zu verwandeln.
Glaube und Hoffnung, Träume und Sehnsucht, Verstand und Vernunft – irren sie nicht nackt und bloß durch die Kulissen einer Welt, die eines Grundes, eines Sinns längst beraubt ist?
Knirschend und mahlend – ein klaffender Abgrund weist ihre Fahrt. Knirschend und mahlend vergrößert er sich auch, der weltendurchdringende. Haftet nicht an allem schon der Gestank von Fäulnis und Verfall?
Endlos – scheint der Fall der von der christlichen Moral psychisch Gekreuzigten. Schmerzliche Zerrissenheit und Angst vergessen zu machen, ist ihr ganzes Bestreben. Vergeblich! Wie ein Flächenbrand wütet das seelische Verderben, die Psyche der Fliehenden zu erjagen und zu verwüsten.
Wie süß klingen da die Weisen der Sirenen. Hört doch, wie sie locken und dazu verführen, den Schmerz in ihren betäubenden Giften zu ertränken. Seht doch, wie sie im Gefolge der von langer Knechtschaft befreiten höllischen Heerscharen über die Erde ziehen, die Botschaft ihres einstigen Herrn und Meisters zu verkünden.
Wie? Vernahmt ihr etwa den letzten Willen Gottes nicht? Sein Reich teilhaben läßt er am bitteren Geschmack seines Untergangs.
Zerstörung – feiert ihre Stunde.

Dies vor Augen, wendet der die Welt träumend Erschaffende seinen Blick wieder gen Himmel, gen Sterne, gen Natur, gen Gesundheit. Er ist sich der Notwendigkeit seiner Einsamkeit in einer Welt vollkommen bewußt, die, im Unterschied zu ihm, ihren Untergang will, weil der Massenmensch und der Verstandesmensch ihrer selbst längst überdrüssig geworden sind. „Das wirkliche Leben, was soll das sein?“ fragt der Verstandesmensch und verliert sich im Empfinden völliger Unwirklichkeit, weil sein Herz erkaltet ist und seine Instinkte und Gefühle verkümmert sind und er unentschieden zwischen seinen Hirngespinsten schwebt, zwischen den Inseln der Verlockung, der Verheißung und des Vergessens, in allen Gängen seines Verstands wie in einem unbekannten Labyrinth irrend, um schließlich im Abgrund seines Selbst zu versinken, ein von allen guten Geistern verlassenes Verstandestier, das in einem sich erträumenden Leben und gelebten Traum nicht bestehen kann, weil es aus sich selbst keinen lebensbejahenden Wert hervorzubringen vermag, und das – vielleicht, um es aus seiner Agonie zu reißen? – bisweilen von rätselhaften Wesen heimgesucht wird, von luftgeformten Sphinxgestalten, Geschöpfen halb Kunst, halb Philosophie, in denen Feuer und Wasser zu einem Ausdruck geistiger Schönheit verschmolzen, nur um sich schon im nächsten Moment im Strom von Werden und Vergehen aufzulösen.

Anmerkung

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Abrakadabra, der Avatar bin ich. Aus gegebenem Anlaß – dem Unverständnis, das diesem (vollständig überarbeiteten) Text nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1997 entgegenschlug – noch einige Bemerkungen. Der Text ist in Teilen retro, heißt: Ich lasse in diesen Teilen Elemente früherer Stilrichtungen wiederaufleben. Und um die Wirklichkeit der heutigen Gesellschaft auch formal abzubilden – nämlich als ein großes sinnfreies und absurd anmutendes, weil in viele widersprüchliche Sinn- und Nichtsinninseln zerbrochenes Ganzes – habe ich, wie bereits bei der literarischen Montage „Global Error“, verschiedene Textarten aneinandergereiht und zu einem Ganzen verwoben.