Blog „Wir sind Krise“. Auszüge aus „Wandlung“ und „Weite der Welt“

Unerkannt steht ein blauer Stern des Geistes im Auge der Barbarei. Wartend auf den Augenblick, da er angerufen wird. Dehnt sich dann gewaltig aus, wandelt Schwarz zu Blau.

Ich folgte der Spur des Geistes. Fand: Einst verband er sich mit dem Gefühl, dann mit dem Denken, – um nunmehr Fühlen und Denken zu verbinden.

Jetzt, am Wendepunkt, an dem wir aufs neue erwachen, nehmen wir uns bei der Hand und verlassen das Auge des träumenden Gottes, um unsern eigenen, rein menschlichen Mythus unter einem götterfreien Himmel ins Leben zu rufen: wir, die selbstgewordenen Söhne und Töchter von Himmel und Erde.

Die Weite der Welt ist noch da. „Weite der Welt“, bete ich, und sie öffnet sich. Nimmt mich zu sich. Dann ist Erfüllung in einem ewigen Ja. Reine Glückseligkeit. Doch die Zeit holt Geist und Seele ein und zwingt sie zurück: in die scheußliche Enge jenes Stücks, das der kranke Mensch ersann. „Wirklichkeit“, nennt er diese von ihm kreierte Schattenwelt, und ist ihr verfallen: mit allem, was er denkt und tut. Doch es ist gut. Denn in allem wohnt die Weite der Welt.

Wie eine milde Sonne, wie ein Vorbote des Frühlings ging das Selbst auf und verharrte im Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde, von Indra und Gaia, die sich in angemessener Distanz umkreisten, bis sie wie Nebelschwaden zerrannen.

Noch vor Morgengrauen verschmolzen die Elemente, verschmolzen Wasser und Feuer und Erde und Luft, und der Gesang der Nachtigall verdichtete sich: „Was aufgeht, geht unter, was stirbt, das entsteht; was sein wird, ist gewesen, und verborgen, was erscheint.“

Das Selbst verschmolz mit der Welt. Alles in ihr war Gefühl, Gespür, Stimmung, war: gefühltes Vernehmen der Welt. War Empfängnis von Eindrücken, von Bild und Klang, und sie wurde: klang- und bildgestimmtes Selbst. Weil sie bei Regen ganz Regen wurde; bei Wind ganz Wind; beim Ruf des Adlers ganz Adler, wurde sie ungekrönte „Königin“. Dazu berufen, die Zeichen des Mysteriums zu vernehmen und zu deuten; – und sie berührte, indem sie sich berühren ließ, und sie erschuf Welt, indem sie sich erschaffen ließ, mit jedem Atemzug.

Der weiße Schlangenvater sang, den Kopf bedächtig wiegend. Er konnt‘ mit dem Gesang ganze Gedankenarmeen besiegen. Auch konnt‘ er Schatten locken und bezirzen, so daß sie lauschend ihn umringten, bis er sich auf einen stürzte, um ihn einvernehmlich zu verschlingen und so ins Licht zurückzuzwingen. Dann begann erneut das Singen, das unwiderstehliche Schatten-Bezwingen. Mein Geist aber reiste auf Zauberschwingen.

Das Selbst zieht heilige Kreise, weil es schöpferisch ist. Weil es das All noch einmal ist, in immer anderer Weise.

Wie die Blätter einer Baumkrone eine Fülle an Klängen erzeugen, je nachdem, wie der Wind auf ihnen spielt, so auch die Zellen der in Kontemplation Versunkenen, als der Geist durch sie fuhr.

Der Körper ist ein Schwingen im Wind: aufwärts, abwärts, hin und her. In ihm gibt es keine Schwere mehr, denn er wurde Weltenkind. Der Geist trieb Wurzeln in die Erde, so daß sie sanft das Herz umfaßt; und er stieg empor zum Himmel, so daß dieser sich verbinde mit der Erde und ums Herz sich lege, – nun ist der Körper Weltenkind. Ein Schwingen im Wind. Eine allverbundene Seele.

Vorbei ist, was im Innern Heimat war und starb. Was im Herzen Wurzeln schlug, blühte, verwelkt, – und Trauer nach sich zieht. Regen, in dem die Zukunft wohnt, weil er ins Innere fällt.

Tanzen ist Beten. Ich ruhte am Rand der Welt in tiefer Stille, bis aus der Stille Bewegung erstand. Eine Fülle innerer Bewegung, die durch den Körper floß und Arme, Beine, Schultern beseelte, so daß sich der Körper regte und Ausdruck wurde, Tanz. Durch Hingabe wirkte der Körper auf die Welt, und der Abglanz der Welt wirkte auf ihn zurück, aufs Selbst: Da wurden Welt und Selbst ganz, vermittelt durch den Tanz.

Sich überlebt hat, wer die eigenen Gefühle gering schätzt und achtlos über sie hinweggeht, statt den Schatz zu bergen und sich in den Gefühlen, und sie in sich zu entfalten und die entfalteten Gefühle mit dem Denken zu verknüpfen, um eines Morgens überrascht festzustellen: Das war ja die Bedingung für das Entstehen-Können einer neuen Kultur!

Das Heilige ist herrlich. Es führt das Ich hinein in ein Sein, das wie ein zeitloser Tempel ist und wo alles Leid entbehrlich. Wo das Ich sich mit den Hohen vereint und aufsteigt zu wilder Ekstase; zu einer Phase lustvollsten Wehs, in der es liebestrunken lacht und weint und mit der Welt verschmilzt auf innigste Weise.

Noch vor Sonnenaufgang erreiche ich ein Felsplateau und wage mich vor bis an den äußersten Rand. Dort halte ich Ausschau und verwurzle mich Regung für Regung im Gestein. Der Geist durchmißt den Horizont, das Zwischenreich von Himmel und See, wo er sich glücklich verliert und untergeht und geläutert aus den Wellen steigt. Zelle für Zelle stimmt der Körper ein Dankeslied an und wiegt sich sanft im Wind. Halb Rehbock, halb Weltenkind, stehe ich am Rand der Welt, warte auf das Morgenrot und feiere das Leben.

 

 

Der Essay „Wir sind Krise“. Auszüge

Was ist ein Philosoph? Ein Erforscher, Interpret und Kritiker der Moral und ihrer Wirkungs-geschichte, der geschichtlich in Erscheinung getretenen Werte und Wertekonstellationen sowie der Machtverhältnisse, die durch sie zementiert wurden.

Der hypermoderne westliche Mensch ist das durch den Prozeß umfassender, am Leitfaden der herrschenden Moral vorgenommener Konditionierungen dauerhaft dissoziierte Tier, das die eigene Auslöschung betreibt.

Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels.

Nachdem sich das christlich-liberale Bürgertum, von Dünkel erfüllt, viel zu lange im Spiegel betrachtet hatte, blickte Dionysos aus dem Spiegel zurück.

Der Umbruch von der heidnisch-polytheistischen zur christlich-monotheistischen Welt steht für den Erfolg eines Werte- und Ichbewußtseinssystems, das – von den Mitgliedern dauerhaft unterdrückter Gruppen entwickelt – die effektiveren Mittel zur Bewältigung generationenübergreifender Traumata bereitstellte, als das polytheistische. Davon zeugt die vollends abstrakte Konzeption des einen Schöpfergottes, die einem traumabedingt extrem dissoziierten Persönlichkeitssystem prinzipiell mehr entgegenkommt, als die viel weltlichere der heidnischen Götter. Denn ein vollends ins Metaphysische verlagertes göttliches Zentrum ermöglicht dem einzelnen auch den vollständigen Rückzug des Ichbewußtseins aus dem Körpergefühl, was die dauerhafte Abspaltung von Traumata erleichtert.

Die Art und Weise der Verschränkung der „ idealen und realen Dimension“, wie sie von der herrschenden moralischen Struktur in der Moderne vorgegeben und auf psychischer Ebene durch die Aufspaltung des Selbst in einen idealisierten und unerwünschten Persönlichkeitsteil verfestigt wird, sorgt zuverlässig dafür, daß der hypermoderne Mensch die (eigene) Natur fortwährend wie eine ansteckende Krankheit angreift und bekämpft.

Die Diktatur der Banken, Konzerne und Finanzmärkte – unter deren Befehlsgewalt die Nationalstaaten gleichsam wie Schlachtschiffe über das Meer des globalen Kapitalismus manövriert werden – ist ebenso Ursache wie Symptom der gesellschaftlichen Dauerkrise, je nachdem, welchen perspektivischen Standpunkt man einnimmt.

Die psychophysische Wirksamkeit der herrschenden moralischen Imperative beruht auf der im Namen der Erziehung gesellschaftlich durchgeführten Massentraumatisierung und Massendissoziierung von Kindern.

Die Ideale der christlichen Sklavenmoral zeigen die Wiederkehr jener einst im neolithischen Mutterrecht geheiligten Werte an, und zwar in ihrer metaphysisch-idealen, also einer vom Körpergefühl abgespaltenen Form. Das Erscheinen der christlichen Heilslehre bezeichnet, so gesehen, den Höhepunkt eines kollektivpsychischen Auf- und Abspaltungsprozesses, der im Spätneolithikum seinen Ausgang genommen hatte und – nachdem bereits viele Generationen der (alt-)europäischen Bevölkerung von der hellenischen und römischen Herrenschicht unterdrückt und versklavt und dadurch traumatisiert worden waren – mit der metaphysisch-idealen Neuausrichtung der zuvor im alteuropäischen Mutterrecht geheiligten Werte in der Antike endete.

An dieser Stelle sei das große Ganze, meine philosophisch-psychologische Vision, vorgestellt: die Schaffung einer nachpatriarchalen und nachkapitalistischen Kultur kann unter der Voraussetzung gelingen, daß das in der westlichen Welt kultivierte patriarchale Ichbewußtseinssystem mit Inhalten des vorpatriarchalen Bewußtseinssystems angereichert und dadurch grundlegend modifiziert wird.

Blog „Wir sind Krise“. Auszüge aus „Wandlung“

Die Angst geht um.

Die Jagd. Mit der Aufdeckung von Lügen hatte sie begonnen. Mit der Aufdeckung der Lügen, hinter denen sich Täter und Mitläufer wie hinter Stahlbeton verschanzten. Wie jene Greisin, die wir tagsüber bei der Gartenarbeit antrafen und befragten, und die zunächst alles abstritt. Nachts kehrten wir zurück und überraschten sie bei einer anderen Arbeit: beim Zuschneiden und Vernähen von Menschenhaut. Da offenbarte sie sich und erklärte, sie müsse das Werk ihres gefallenen Gatten vollenden. „Damit das alles nicht umsonst war“, und wies uns den Weg.

Sah einen rastlos umgetriebenen Schatten von menschlicher Gestalt, der durch das Labyrinth des Unbewußten zieht und die Herzen der Menschen mit Angst und Schuld erfüllt; der jeden unaufhörlich vorwärts drängt und peitscht und in eine Art maschinenhaftes Getriebensein zwingt, in die Wiederholung des ewiggleichen zerstörerischen und selbstzerstörerischen Verhaltens.

Schon bald wird man den eigenen Abgründen mehr als den eigenen Gründen vertrauen.

Ich singe, umgeben von Leichen. Von den Toten, die ein ungelebtes Leben führten und vergingen, wie sie existiert hatten: ohne Liebe und Anteilnahme, ohne jeden Sinn, ausgefüllt von Leere. Um mich herum liegen sie, kreisförmig aufgebahrt, am Rande einer schwarzen See.

So erschöpft und Nacht und das Drängen der Zeichen! Mit dem Wind eilen sie heran, ihm ihre Botschaften zu verkünden. Eilen und drängen hinein in die Augen, hinein in den trockenen Mund und in die Ohren, – und schlagen sich wie Goldstaub nieder auf die Poren.

Das Schlagen der Flügel trägt mich wie ein bläuliches Schimmern; wie hoch? Ich kann es nicht sagen, weiß nur: Wolf und Schmetterling durchströmen und tragen mich, jagen mich nach oben wie einen singenden Pfeil.

Das Leben spricht: „Tausendfach erscheine ich, bin tausendfach nur absolut; und allein durch Vielfalt wahr, und allein durch Vielfalt gut.“ Und lacht.

Da hält sie an und wirbelt herum! und der Stier wie eine weiße Wand! und ein Druck, der ihr den Atem raubt! und eine Hand, die ihr das Heiligste entreißt! und das Grauen, das sie schüttelt! und ein Läufer wie aus Gold! und Augen, die den Geist durchtrennen! und dann das Anhalten der Zeit! und dann nichts mehr.

Bin ich ein Mensch? Ein Schemen? Ein Geist? – Überall hebt und senkt sich weißer Dunst, erfüllt vom Vorangetriebensein menschähnlicher Automaten. – Wo bin ich? Bin ich noch Teil der Wirklichkeit? – Marionetten-, maschinenhaft formieren sie sich auf der Bühne der Welt, um alles und nichts im Namen des Guten zu richten und zu vernichten.

Dringe immer weiter vor, bis ich vor dem konditionierten Selbst stehe, das sich drohend vor mir erhebt. Es sieht aus, als bestehe es aus rot-braunem Gewebe, aus Muskeln und aus Haut, und besteht doch aus der Substanz der Gefühle und Instinkte, die von Geboten wie von Stahlseilen zusammengeschnürt werden.

An der Wirbelsäule leckt eine goldgrüne Flammenzunge empor. Verbrennt moralische Ablagerungen, entfernt alte Besetzungen. – Sind das die Überreste des falschen Selbst, die wie Asche in den Himmel steigen? – Schicht für Schicht dringt die Flamme vor und trifft auf das Feld, das von der Atmosphäre, von der Macht der Großen Mutter gebildet und zusammengehalten wird. Was bleibt von mir, wenn auch dieser Teil aufgelöst, aus der Innenwelt herausgelöst ist? – Am Grund und Abgrund der größten psychischen Schwerkraft springt die Flamme von Zelle zu Zelle, damit in mir eine umfassende Geistesfreiheit entstehen kann, die Geistesfreiheit der Gedanken und der Gefühle.

Wie kann ein richtiges demokratisches System aussehen? Ein Gedankenanstoß

Falls sich an den herrschenden politisch-ökonomischen Verhältnissen nichts ändert …

Dieser Text stammt aus dem zweiten Band des Wissenschaftsessays Wir sind Krise, der zu gegebener Zeit in der Reihe Bücher für Alle & Keinen erscheinen wird.

(…) Weil es mein Anliegen ist, auch in politischer Hinsicht einen Beitrag zur Debatte um die aktuelle Gesellschaftstransformation beizusteuern, entwickle ich im folgenden eine politische Konzeption, die der Aufklärung verpflichtet ist. Da ich kein Jurist bin und meine Bemühungen, mit Experten über die Konzeption ins Gespräch zu kommen, fruchtlos blieben – diesbezügliche Anfragen an freie Träger, etwa an solche im Berliner „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ ansässige, verliefen ins Leere –, möge man mir etwaige handwerkliche Mängel nachsehen. Als Philosoph sah ich es ohnehin nicht als meine Hauptaufgabe an, ein juristisch wasserdichtes Traktat abzuliefern, das dem Anspruch versierter Paragraphenreiter genügt; mir ging es in erster Linie darum, diese Konzeption im Geist jener Aufbruchstimmung zu verfassen, die zwischen 1990 und 2000 im Ostteil Berlins um sich griff und von der wir, Intellektuelle und Künstler aus Ost und West, umgetrieben wurden. Auch wenn aus dem geistigen Neubeginn bekanntlich nichts wurde und es rückblickend sogar irrational erscheint, daß wir einen solchen verfolgten: – In dieser kurzen Zeitspanne schien er greifbar zu sein.

Zur Einstimmung und Erinnerung: Die philosophisch-psychologische und politisch-ökonomische Vernunft fordert die Etablierung eines neuen ökonomischen Systems, weil das kapitalistische die Verwirklichung dringend erforderlicher Maßnahmen fortlaufend hintertreibt: etwa das Austrocknen der Steueroasen, die Regulierung der Finanzmärkte oder auch die Durchsetzung effektiver Umweltschutzmaßnahmen. Soviel sollte inzwischen selbst den „Vollideologen“ unter den Politikern klargeworden sein, und es darf auch als gegeben angesehen werden, daß der wissenschaftlich fundierte Bericht Die Grenzen des Wachstums, der vom „Club of Rome“ herausgegeben wurde, vielen der Herrschaften bekannt ist.
Wie auch immer, ist der unauflösliche Zusammenhang zwischen der nationenübergreifend dauerhaft vollstreckten Steigerung des Wirtschaftswachstums und der totalen Verwüstung der Umwelt erst einmal erkannt, ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Einsicht, daß ein Miteinander von Kapitalismus und richtiger Demokratie nicht möglich ist. Was geschieht, wenn man Kapitalismus und Demokratie verbindet, zeigt sich anschaulich am jämmerlichen Zustand der heutigen repräsentativen Demokratie in den westlichen Gesellschaften. Dieses politische System taugt erwiesenermaßen weder dazu, die in der Verfassung verankerten Grundrechte politisch durchzusetzen, noch dazu, den Willen der Gesamtbevölkerung zu erfassen und zu berücksichtigen, diesem politisch Ausdruck zu verleihen. Fataler noch, es dient letztlich der Durchsetzung und Aufrechterhaltung eines Ungleichheit und Unfreiheit erzeugenden, die Profitmaximierung über alles andere stellenden ökonomischen Systems.

Das wissen natürlich auch viele der heute Regierenden – Spitzenpolitiker und hohe Beamte etwa –, und lassen dennoch alles so weiterlaufen wie bisher. Aus Kalkül, sicherlich. Aber eben nicht nur aus Kalkül. Denn etwas anderes, Abgründigeres, ist vielen dieser Leute eben nicht bewußt: Daß sie, moral- und erziehungsbedingt, psychisch Gespaltene sind (vgl. Wir sind Krise, Band I)! Daß ihr Verhalten, psychologisch gesehen, als irrational eingestuft werden muß, weil ihr Machtstreben und krampfhaftes Anhaften an der Macht vor allem der dauerhaften Verdrängung der von ihnen in der Kindheit erlittenen Traumata sowie der Kompensation der Traumafolgestörungen dient. Wüßten sie, daß ihr Machtstreben der Aufrechterhaltung ihres „falschen Selbst“ auf Kosten ihres „wahren Selbst“ (A. Miller) dient; wüßten sie, fühlten sie, daß sie nur die „ausführenden Organe“ der Imperative eines durch umfangreiche Prozesse der Konditionierung in ihnen verankerten Über-Ichs sind, das die Entfaltung ihres wahren Selbst dauernd gewaltsam verhindert – sie würden vor Wut und Schmerz aufheulen, all ihre Privilegien augenblicklich fahren lassen und sich ganz der Befreiung ihres wahren Selbst widmen. Aber ach, die meisten wissen es nicht, ahnen es nicht einmal, aus schon genannten Gründen: Sie haben den Verlust ihres wahren Selbst verdrängt.
Die wissenschaftliche Arbeit Alice Millers ergänzend, führt der Psychotherapeut Heinz Peter Röhr aus: „(…) Wurde das Herz des Kindes gebrochen, wurden seine Gefühle geraubt, besteht nun sein Dasein darin, eine funktionierende Marionette sein zu müssen, die auch dann den Vorgaben der Eltern gehorchen muß, wenn diese längst nicht mehr anwesend sind. Die frühe, extrem prägende Zeit, während der die Verletzung stattfand, verursacht nämlich eine verhängnisvolle Dynamik: Das Drama besteht darin, daß Menschen das, was die Eltern ihnen antaten, zukünftig sich selbst antun. Die Kälte, mit der die Eltern ihnen begegneten, die Mißachtung wahrer Bedürfnisse, das Verbergen von echten Gefühlen werden zum erworbenen Bestandteil der Persönlichkeit. Nur was gelebt werden kann und darf, kann sich auch entwickeln. Gefühle, die nicht gelebt werden dürfen, bei der narzißtischen Störung sind es insbesondere Wut- und Ärgergefühle, möglicherweise auch Angst und Schmerz, aber auch Lust und Freude, können sich nicht entwickeln und können auch nicht ,kultiviert‘ werden. Anstelle des wahren Selbst entsteht das falsche Selbst.(…)“64

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Auch auf die Gefahr hin, als ein hoffnungsloser Idealist oder Schlimmeres abgestempelt zu werden, und zwar von Vertretern aller politischen Lager, lege ich eine politische Konzeption vor, die eine Umstrukturierung des in der BRD herrschenden politischen Systems vorsieht. Die entscheidende, in der Konzeption geforderte Neuerung besteht darin, ein weiteres politisches Organ – ich nenne es „Bundessenat“ – auf dem Spielfeld der hiesigen Demokratie zu etablieren, um ein Gegengewicht zum Parlament und zur Regierung zu schaffen; ein politisches Organ, das dazu verpflichtet wäre, Regierung und Parlament bei der Ausübung ihrer gesetzgebenden Macht fortwährend zu kontrollieren und zu einer vernünftigen demokratischen Kompromißbildung zu zwingen.
Die wichtigste Aufgabe des Bundessenats bestünde darin, die Verabschiedung demokratisch unausgewogener und verfassungsrechtlich fragwürdiger Gesetzesentwürfe augenblicklich zu blockieren und dem Parlament umstandslos zur weiteren Bearbeitung aufzuzwingen (für diese Zwecke reichte es aus, den Bundessenat mit einem Vetorecht auszustatten). Dadurch wären die Parlamentarier gezwungen, ihre Entscheidungen stets auf der Grundlage der Verfassung zu treffen und der Idee der richtigen Demokratie zu dienen, d.h. grundsätzlich so lange um eine Entscheidung zu ringen, bis ein politischer Kompromiß zustande kommt, der soweit wie nur irgend möglich die Totalität aller gesellschaftlichen Momente abbildet, also die Interessen aller Bevölkerungsschichten in ein möglichst ausgewogenes Verhältnis bringt.
Um das Ganze zu veranschaulichen: Die Basis dieses politischen Systems bildeten die indirekte Demokratie – Wahl des Parlaments – und die direkte Demokratie – Wahl des Bundessenats –; die Mitte bildete eine Oligarchie, die aus all den nach Einfluß strebenden Interessengruppen und Einzelinteressen bestünde (aus Unternehmen, Verbänden, mächtigen Personen usw.); die Spitze aber bildete der Bundessenat, also eine durch direkte Wahlen demokratisch legitimierte Geistesaristokratie (vgl. M. Wende, Metaphysik und Mensch, Das System der Philosophie von Hegel und die Eröffnung der Möglichkeit des Menschen, III. Spezielle Metaphysik, 19. Grundlegung der philosophischen Rechts- und Staatstheorie, Aletheia-Verlag Berlin 1994, S. 259 unter 3.).
Damit das System der richtigen Demokratie funktionierte, würde der Bevölkerung vom Bundessenat und vom Parlament eine sichere Internetseite zur Verfügung gestellt, auf der jeder Stimmberechtigte fortlaufend über gesellschaftlich relevante Themen, die im Parlament verhandelt werden, abstimmen kann. Auf diese Weise wäre gewährleistet, daß der Wille der Bevölkerung den Abgeordneten stets bekannt ist.

Das Aufgabengebiet des Bundessenats ließe sich, falls erforderlich und von der Bevölkerung für richtig befunden, zum Zweck der Stärkung der Demokratie selbstredend erweitern. Man könnte den Bundessenat etwa dazu verpflichten, folgende weitere Aufgaben anzugehen:
a) jede demokratiefeindliche Konzentration von Macht, wie die „Herrschaft des Kapitals“, öffentlich anzuprangern und Regierung und Parlament dazu zu zwingen, die rechtliche(n) Voraussetzung(en) dafür zu schaffen, daß der Mißstand beseitigt werden kann (wie die „Corona“-Pandemie lehrt, muß dem Bundessenat auch die Möglichkeit offenstehen, es zuzulassen, daß bestehende Grundrechte in Krisenzeiten wie der heutigen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden);
b) dafür Sorge zu tragen, daß in Deutschland ein nachkapitalistisches Wirtschaftssystem eingeführt werden kann, in dem nicht die Profitmaximierung an oberster Stelle steht, das gänzlich ohne Spekulation funktioniert und ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht (den Finanzsektor könnte man als virtuelle Welt in Gänze ins Internet überführen, so daß jene, die davon nicht lassen können oder wollen, sich dort weiter betätigen und um virtuelles Geld spielen können, dem ein vorher festgelegter Realwert zugewiesen wird);
c) den Weg dafür zu bahnen, daß eine internationale Expertenkommission damit beauftragt werden kann, einen „Marshallplan zur Rettung der Erde“ zu entwickeln;
d) darauf hinzuwirken, daß auf europäischer Ebene ein mit ähnlichen Rechten und Pflichten wie der Bundessenat ausgestatteter „EU-Senat“ institutionalisiert werden kann;
e) Regierung und Parlament dazu zu zwingen, die Bürger durch die Schaffung einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage vor (staatlicher) Überwachung zu schützen;
f) R.u.P. dazu zu zwingen, die gesetzliche Grundlage dafür zu schaffen, daß deutschlandweit mindestens zwei „autofreie Tage“ in der Woche eingeführt werden können (für Rettungsdienste, Feuerwehren, Baustellenfahrzeuge, Lieferfahrzeuge usw. müssen natürlich Sonderregelungen geschaffen werden); denkbar wäre, allen, die an einem solchen Tag partout nicht aufs Autofahren verzichten wollen, die Möglichkeit zu schaffen, eine Sondererlaubnis für 1500 €/24 h zu erwerben;
g) dafür zu sorgen, daß der Tierschutz ausgeweitet wird, Tierversuche möglichst ganz verboten werden und die durch Massentierhaltung und Massentierschlachtung industriell betriebene Fleischproduktion deutlich reduziert wird;
h) R.u.P. zu einer gerechten, demokratisch ausgewogenen Steuergesetzgebung zu zwingen;
i) dafür zu sorgen, daß die Steueroasen ausgetrocknet und effektive Umweltschutzmaßnahmen durchgesetzt werden können. (Die Aufzählung ist unvollständig.)

(Darüber hinaus wäre es auch denkbar, den Bundessenat mit der Aufgabe zu betrauen, eine noch weitergehende Umstrukturierung des politischen Systems vorzunehmen, falls dies von der Bevölkerung gefordert wird. Man könnte etwa die momentan etablierte demokratisch-parlamentarische Praxis dahingehend verändern, in diese als leitendes Prinzip der Kompromißbildung die Dialektik zu integrieren, so daß die Parlamentarier zukünftig dazu gezwungen wären, aus den im Parlament verhandelten, notwendig einseitig verfaßten Thesen und Antithesen stets Synthesen zu generieren: – dies immer auf der Grundlage der Menschenrechte und der in der Verfassung garantierten Grundrechte. [In welcher Weise die Dialektik als leitendes Prinzip in die heute bestehende parlamentarische Praxis integriert würde, ließe sich vorab im Rahmen eines Modellprojekts konkretisieren.] Eine solche Umstrukturierung bedeutete aber eine so weitreichende Veränderung, daß ich darauf erst mal nicht weiter eingehe.)

Um diese Aufgaben verwirklichen zu können, müßte der Bundessenat vom „Souverän“, der Bevölkerung, mit folgenden Rechten und Befugnissen ausgestattet werden:
a) mit einem Vetorecht, durch das er jeglichen demokratisch unausgewogenen und verfassungsrechtlich fragwürdigen Regierungs- und Parlamentsbeschluß – auch vom Parlament beschlossene Verfassungsänderungen! – abschmettern, diese dem Parlament umstandslos zur weiteren Bearbeitung aufzwingen kann;
b) mit dem Recht, dem Parlament zu gestatten, bestehende Grundrechte in Krisenzeiten wie der heutigen „Corona“-Pandemie vorübergehend außer Kraft zu setzen;
c) mit dem Recht, Regierung und Parlament für die Dauer zweier Legislaturperioden verbindliche Vorgaben zu machen, die der gesellschaftlichen Verwirklichung der richtigen Demokratie dienen und von R.u.P. innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums zu erfüllen sind;
d) mit dem Recht zur Verhängung von Sanktionen, sofern R.u.P. die Vorgaben innerhalb des gesetzten Zeitraums nicht erfüllen. Denkbar wäre etwa, Parteien oder einzelne Abgeordnete für den Versuch, die Verwirklichung dieser Vorgaben zu hintertreiben, von der parlamentarischen Arbeit und Mitbestimmung für einen jeweils festzulegenden Zeitraum auszuschließen oder, bei besonders dreisten Verletzungen, für die gesamte Legislaturperiode. (Die Härte der Sanktionen bemißt sich an der Wichtigkeit einer Vorgabe für das Gemeinwohl. Wenn zum Beispiel die Überwindung des kapitalistischen Systems und die Einführung eines neuen Wirtschaftssystems von den Mitgliedern des Bundessenats mit dem Etikett „höchste Priorität“ versehen wird, müssen auch die Sanktionen für die versuchte Hintertreibung der Verwirklichung der Vorgabe(n) am höchsten ausfallen);
und e) mit der Befugnis, eine Stiftung aus steuerlichen Mitteln zu unterhalten, die der Finanzierung der Bezüge des Bundessenats dient.

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Daß man für die Verwirklichung dieser Konzeption einige Korrekturen und Ergänzungen in der Verfassung vornehmen müßte, spricht nicht gegen die Konzeption: Denn das Grundgesetz der BRD wurde ja von den Urhebern ausdrücklich nicht als unveränderlicher monolithischer Block geschaffen. Es muß vielmehr als eine in Teilen änderbare Fassung verstanden werden, sofern die vorgenommenen Änderungen die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ stärken.
Dieses Recht zur Änderung des GG wird daher durch den Art. 79 auch verbürgt. Der Art. 146 sieht außerdem vor, daß über eine Neufassung des GG durch eine Volksabstimmung entschieden werden kann. Die unter 2) dargestellte Umstrukturierung des politischen Systems könnte also unter der Voraussetzung, daß alle weiteren in der Verfassung festgelegten Vorgaben erfüllt sind, durch einen bundesweiten Volksentscheid in Kraft gesetzt werden.
(Es ist mir natürlich bewußt, daß man diese Konzeption angesichts der politisch-ökonomischen Weltlage als das Werk eines hoffnungslosen Idealisten abqualifizieren wird. Mir geht es aber darum, in dieser scheißreaktionären Zeit eine Lanze für die Demokratie zu brechen und dadurch zugleich eine konstruktive Kritik an den in Deutschland und Europa zementierten Machtverhältnissen auszuformulieren. Ich hoffe, daß der eine oder die andere durch die Konzeption inspiriert und vielleicht sogar dazu motiviert wird, sie zu verbessern oder eine bessere Konzeption zu entwickeln.)

Ich gehe davon aus, daß in einer richtigen Demokratie ein vernünftiges und den heutigen Gegebenheiten Rechnung tragendes In-Relation-Setzen der Grundrechte vorgenommen werden wird. So ist es zum Beispiel aus ökologischer Sicht längst unabdingbar, die massenhafte Autofahrerei in Deutschland, gerade auch in Großstädten und Ballungszentren, deutlich zu reduzieren. Nur wie? Auf welcher rechtlichen Grundlage? Ich denke, daß das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher einzustufen ist als das Recht, jederzeit Auto fahren zu dürfen. Und zwar, weil es evident ist, daß mehr Menschen in Deutschland an der Aufrechterhaltung ihrer Gesundheit interessiert sind, als Menschen existieren, die jederzeit Auto fahren wollen (das genaue Verhältnis ließe sich durch eine bundesweite Abstimmung eruieren). Abgesehen davon ist der Staat laut Verfassung ohnehin dazu verpflichtet, die körperliche Unversehrtheit der in der BRD lebenden Menschen zu gewährleisten. Entsprechend müßten in einer richtigen Demokratie mindestens zwei autofreie Tage in der Woche eingeführt werden.
An diesem Beispiel wird einmal mehr deutlich, daß die Etablierung einer richtigen Demokratie im Kapitalismus ausgeschlossen ist. Denn unter den Bedingungen der Herrschaft des kapitalistischen Systems ist eine vernünftige Auslegung und Anwendung des GG, wie soeben beschrieben, unmöglich, weil Politik und Staat in erster Linie den Interessen der Wirtschaft dienen, etwa denen der Automobilindustrie.
Man mag dies als eine unausweichliche Gegebenheit ansehen, ich tue es nicht. Vielmehr halte ich die Einbettung des Staats in das kapitalistische System seit der Einführung des GG für fragwürdig, weil es jenem Grundsatz widerspricht, der verlangt, daß der Staat „um des Menschen willen da sein“ muß (z.B. JöR 1951, 48; ebenso Herdegen MD 1; Starck MKS 12). Genauer gesagt: Da die Garantie der Menschenwürde samt dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit vom Staat gewährleistet werden müssen, müßte sich dieser, strenggenommen, für die Etablierung eines ökonomischen Systems einsetzen, das mit den genannten Grundrechten ohne Wenn und Aber vereinbar ist (diese Feststellung wird man als Verfassungslyrik abtun).

Die vorgeschlagene Umstrukturierung des politischen Systems widerspricht auch nicht der im GG vorgenommenen Normierung der Abgeordneten als „Vertreter des ganzen Volkes“. Denn das Repräsentationsprinzip würde durch die Etablierung des Bundessenats nicht etwa eingeschränkt oder gar abgeschafft, sondern optimiert. Erstmals wäre gewährleistet, daß die Abgeordneten nicht nur den Interessen einiger weniger einflußreicher Institutionen dienen, sondern ihrer Verpflichtung nachkommen, der gesamten Bevölkerung zu dienen. Das „Übergewicht der Regierung bei der Gesetzgebung“65 bliebe zwar erhalten, doch wäre die Regierung erstmals gezwungen, die Gesetzesvorlagen inhaltlich nicht nur am Willen der Regierungsmehrheit zu orientieren, sondern in diesen immer die Interessen der Gesamtbevölkerung zu berücksichtigen (die, versteht sich, im Zweifel stets durch eine bundesweite Abstimmung ermittelt werden können).
Und eine derartige Stärkung des demokratischen Systems erscheint heute, angesichts der politisch-ökologisch-ökonomischen Krisensituation und dem Umstand, daß die Interessen eines Großteils der Bevölkerung unter den Bedingungen der Herrschaft der repräsentativen Demokratie erwiesenermaßen nicht oder nur bedingt durchgesetzt werden können, von um so größerer Dringlichkeit, ja als unumgänglich. Oder will jemand irgendwann die Verantwortung dafür übernehmen, der Etablierung eines autoritären Herrschaftssystems in Deutschland durch Ignoranz und Untätigkeit Vorschub geleistet zu haben?

Abschließend noch einige grundsätzliche Erwägungen zum Thema „direkte Demokratie“. Da es sich bei den Artikeln unserer Verfassung nicht um Empfehlungen irgendeiner Ethikkommission handelt, sondern um verbindliche Normen und Grundrechte, müssen sie auch als solche verstanden und befolgt und entsprechend in politisches und staatliches Handeln umgesetzt werden.
Ich denke, daß aus der starken Betonung der Grundrechte, der in Art. 20 verbürgten Volkssouveränität, also der „freien Selbstbestimmung aller Bürger“ (BverfGE 44, 125/142; 107, 59/92), sowie aus dem Grundsatz, daß die Staatsgewalt nur vom Volk ausgeht und nur vom Volk ausgeübt werden darf, die Verpflichtung abzuleiten ist, der Bevölkerung eine möglichst weitreichende politische Einflußnahme zu ermöglichen. Und hierzu gehört in einer (richtigen) Demokratie eben auch die Möglichkeit direkter Willensäußerungen.
Daher sind Staat und Politik gehalten, der Bevölkerung auch auf Bundesebene eine politische Struktur zur Verfügung zu stellen, die Wahlen und Abstimmungen auf direktem Weg ermöglicht. Nur, wenn die Bevölkerung im Rahmen einer Volksabstimmung ausdrücklich auf die Inanspruchnahme direkter Willensäußerungen verzichtet, dürfen Staat und Politik eine politische Struktur etablieren, die den Weg direkter Willensäußerungen ausspart.

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Ob der Bundessenat als neues politisches Organ samt den unter 2) aufgelisteten Rechten und Pflichten in Deutschland ins Leben gerufen werden soll, kann und darf also als verfassunggebende Gewalt in letzter Instanz nur die deutsche Bevölkerung entscheiden – durch einen bundesweit durchgeführten Volksentscheid. Stimmt die Mehrheit dafür (einfache Stimmenmehrheit genügt), muß der Gesetzgeber die rechtlichen und politischen Voraussetzungen dafür schaffen, daß der Bundessenat als neues politisches Organ mit allen Rechten institutionalisiert werden kann.
Der Bundessenat besteht aus acht Mitgliedern, vier Frauen und vier Männern, die für die Dauer von acht Jahren von allen Wahlberechtigten direkt gewählt werden. Die Voraussetzungen für eine Kandidatur sind: Partei- und Konfessionslosigkeit; ein hohes geistiges Niveau sowie eine große persönliche Integrität; keine Schulden oder andere Verpflichtungen gegenüber Dritten; ein Mindestalter von 35 Jahren.
Außerdem müssen alle Bewerber für dieses Amt ein studium speciale absolviert haben, in dem sie a) in Grundlagen der Philosophie, Psychologie, Ökonomie und Geschichte geschult werden; b) in den Bereichen Politik und Verfassungsrecht geschult werden; c) die Kunst der Rede erlernen, u.a. Stegreifrede und Debating; d) gutes Deutsch und Englisch erlernen; e) sich einer Gruppentherapie mit körpertherapeutischer Ausrichtung unterziehen (Sinn und Zweck dieser Maßnahme ist es, die soziale Kompetenz, das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit der Teilnehmer, Konflikte gewaltfrei und konstruktiv zu lösen, zu verbessern).
Über die Aufnahme der Bewerber entscheidet ein Eignungstest (ein IQ- und EQ-Test sowie ein psychologischer Test). Das Studium ist kostenfrei, geeignete Bewerber können ein Stipendium beantragen. Um Transparenz zu gewährleisten, müssen die Mitglieder des Bundessenats jeden dritten Monat in einer Sondersendung auf ARD oder ZDF Rechenschaft ablegen und sich den Fragen der „vierten Gewalt“ stellen.
Nach der politisch-gesellschaftlichen Verwirklichung einer der von ihnen gemachten Vorgaben setzen sie einen anderen „Punkt“ auf die politische Agenda, der im Sinn der demokratischen Gerechtigkeit verbesserungswürdig ist. Sobald sie ein politisches Konzept ausgearbeitet haben, in dem aufgezeigt wird, auf welche Weise der gesellschaftliche Mißstand behoben werden soll, übergeben sie es dem Bundesverfassungsgericht, das die Verfassungsgemäßheit prüft. Das Bundesverfassungsgericht fungiert nicht nur als Kontrollinstanz, sondern arbeitet dem Bundessenat bei Bedarf auch zu.

Bevor man gleich mit Einwänden kommt, erwäge man zuerst die Vorteile der hier vorgeschlagenen Umstrukturierung des politischen Systems (die Einsicht, daß das kapitalistische System ausgedient hat, setze ich hier voraus).
A) Alle demokratischen Grundprinzipien und Grundrechte blieben erhalten; man hätte das System von innen her „revolutioniert“, ohne die vielen Unwägbarkeiten in Kauf nehmen zu müssen, die ein revolutionärer Umsturz mit sich bringt.
B) Indem man indirekte Demokratie – Wahl des Parlaments – und direkte Demokratie – Wahl des Bundessenats – kombinierte, stärkte man das demokratische System.
C) Erstmals in der Geschichte der BRD würde der Art.1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ politisch verwirklicht, hätte der Staat die ihm durch das Grundgesetz zugewiesene Aufgabe, „um des Menschen willen da zu sein“66, wenigstens strukturell eingelöst. Die Herrschenden stünden somit von Anfang an vor dem Problem, mit welchem Recht sie eine Umstrukturierung des Systems ablehnen und bekämpfen sollen, die faktisch der Stärkung der „freiheitlich-demokratischen Ordnung“ dient.
D) Viele der Fähigsten, zur politischen Vertretung der Gesellschaft Geeignetsten, würden sich mit der Institutionalisierung des Bundessenats erstmals der Politik zuwenden, ein Amt als Bundessenator anstreben. (Es wird immer einzelne geben, die wegen ihrer geistigen Ausstattung und anderer glücklicher Umstände besonders geeignet sind, die Mehrheit nach innen und außen politisch zu vertreten und Vorbildfunktion zu übernehmen.)
E) Durch die Etablierung des Bundessenats würde das Ideal der geistigen Selbstverwirklichung wieder aufgerichtet, der Individualismus gestärkt und der scheußlichen Vermassung des hypermodernen Menschen entgegengewirkt.
F) Mit dem Beginn einer vernunftgemäßen politisch-ökonomischen Gesellschaftstransformation würden sich viele moral- und politikbedingte Depressionen der Bevölkerung, etwa die vielzitierte „Politikverdrossenheit“, in Luft auflösen, weil eine (zumindest teilweise) Identifikation mit Politik – der Kunst, ein Gemeinwesen oder eine Organisation zu führen und zu vertreten – wieder möglich, das politische Feld wieder interessant würde. Auch die sich im Zuge der neoliberalen Globalisierung immer weiter beschleunigende Zersplitterung der Gesellschaft in gänzlich apolitische (Interessen-)Gruppen und abstruse Parallelwelten würde verlangsamt oder sogar ganz aufgehalten, vielleicht entstünde sogar so etwas wie eine kollektive Aufbruchstimmung.
G) Wer als erster damit beginnt, ein nachkapitalistisches ökonomisches System politisch-gesellschaftlich zu etablieren, kommt auch als erster aus der dadurch zunächst notwendig entstehenden „ökonomischen Talsohle“ heraus.

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Das Ganze bedarf einiger Erläuterungen und Ergänzungen. Zur Erinnerung: Die Konzeption ist an erster Stelle als eine konstruktive Kritik an den hierzulande bestehenden Machtverhältnissen zu verstehen.
Um einen Wandel hin zu mehr Demokratie zu verwirklichen, reichte es aus, ein politisches Organ wie den oben beschriebenen „Bundessenat“ zu etablieren und dieses mit einem Vetorecht auszustatten; alles weitere ist nicht zwingend erforderlich, um eine wesentliche Verbesserung des hiesigen politischen Systems zu gewährleisten.
Man mag einwenden, daß es den Mitgliedern des Bundessenats zwangsläufig am nötigen Fachwissen mangeln werde, um alle Gesetzesvorschläge hinreichend beurteilen zu können. Ein solcher Einwand griffe zu kurz, weil der Bundessenat nicht über inhaltliche Details abstimmen soll, sondern ausschließlich über die demokratische Ausgewogenheit und Verfassungsgemäßheit der Gesetzesbeschlüsse.
Man wird einwenden, daß das politische System mit der Etablierung des Bundessenats lahmgelegt würde, weil der politische Entscheidungsspielraum dann viel zu eng bemessen sein wird, so daß, unter anderem, Mehrheitsbeschlüsse nicht mehr durchsetzbar seien. Das ist nur insofern richtig, als demokratisch unausgewogene Beschlüsse dann nicht mehr durchsetzbar sein werden. Es fällt sicher schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß das demokratische Grundprinzip der „Berücksichtigung der Interessen der Gesamtbevölkerung“ in einer richtigen Demokratie über allem steht, auch über den Interessen der Industrie.
Darüber hinaus wird man noch viele weitere „gute Gründe“ anführen, die gegen die politische Konzeption sprechen: die ökonomischen Zwänge etwa, die Gefahr des Terrorismus, die Politik der USA usw. usf.: Gründe lassen sich schließlich für alles finden (Hegel)!

Eine der Ursachen dafür, daß auch dieser Vorschlag auf großen Widerstand stoßen wird, ist psychologischer Natur. Es liegt daran, daß die Bevölkerungsmehrheit – gerade auch der Teil, der nur wenig oder nichts besitzt – von einer tiefsitzenden Angst vor Veränderung beherrscht wird. Weshalb? Begegnete man politischen Konzepten, die eine größere Selbstbestimmung des einzelnen in Aussicht stellen, unvoreingenommen, bestünde auch die Gefahr, daß die mühsam errichteten psychischen Abwehrmechanismen geschwächt würden und man mit den verdrängten Traumata in Berührung kommt – und genau das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern! Und wenn man an den Folgen erstickt!
Diese Dynamik der psychischen Abwehr vollzieht sich in allen gesellschaftlichen Schichten, also unabhängig davon, ob man etwas besitzt und in welche Klasse man hineingeboren wurde. „(…) Doch wer ist es eigentlich, der eifrig dafür sorgt, daß die Normen der Gesellschaft eingehalten werden, der die Andersdenkenden verfolgt, ans Kreuz schlägt – wenn nicht die richtig erzogenen Menschen? Es sind Menschen, die ihren seelischen Tod schon in ihrer Kindheit zu akzeptieren lernten und ihn erst spüren, wenn sie in den Kindern oder Jugendlichen dem Leben begegnen. Dann muß dieses Lebendige umgebracht werden, damit es sie nicht an ihren eigenen Verlust erinnert.(…)“67
Dieses „Umbringen des Lebendigen“ – das „Umbringen“ gesellschaftlich unerwünschter Gefühle, Gedanken, Ideen – wird von den Wächtern und Vollstreckern der herrschenden Moral – den Eltern, Erziehern und anderen Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Gewalt – fortwährend an allem verübt, was der herrschenden Meinung und den herrschenden Interessen widerspricht. Aus dieser Dynamik speist sich der irrationale Widerstand, der jedem noch so sinnvollen Veränderungsvorschlag seit jeher entgegensteht, entgegenwirkt.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Angesichts dessen ist die moralbedingte Dauerkrise gar nichts Negatives, sondern etwas durchaus Positives! Der gewaltige Arschtritt nämlich, der die Bevölkerung aus ihrem Dämmerzustand reißen könnte, der jeden mahnt und dazu ermuntert, sich endlich um die Befreiung des wahren Selbst zu kümmern, den Ausbruch aus dem inneren, aus Werten unsichtbar geschmiedeten Gefängnis – dem „Gehäuse der Krise“ (vgl. Wir sind Krise, Band I), dem Über-Ich, dem falschen Selbst – in die Tat umzusetzen.
Was ist die Dauerkrise? Das unübersehbare Zeichen dafür, daß das patriarchal geprägte Wertesystem ausgedient hat, daß es allerhöchste Zeit ist, mit der Überwindung der herrschenden moralischen Struktur und mit der Überwindung des Kapitalismus zu beginnen. Sie ist die dauernde Mahnung und Warnung, die jeden vor die Wahl stellt: Umkehr – oder Untergang. Selbstbestimmung – oder Knechtschaft. Aufbau einer lebensbejahenden und naturbewahrenden Kultur und Gesellschaft – oder Verwüstung der Natur und Menschennatur.
So gesehen, erfüllt die Dauerkrise einen tiefen, überlebenswichtigen Sinn; und vielleicht versteht man jetzt auch, wozu es einen Bundessenat geben soll? Geben muß? Es sind im westlichen Kulturkreis seit jeher einzelne gewesen, die der großen Zahl vorangegangen sind. Und es wäre in der heutigen politisch-ökonomisch-ökologisch äußerst prekären Situation höchst wünschenswert, wenn die zur politischen Vertretung und Führung der Gesellschaft Geeignetsten das Ruder in die Hand nähmen, es wenigstens nicht in Gänze den Unberufenen überließen. (…)

HEGEL & JAZZ. Eine experimentelle Performance

Die Performance Hegel & Jazz gehört zur Veranstaltungsreihe WECHSELSPIEL

 Konzept

Die Veranstaltung Hegel & Jazz ist die erste Veranstaltung aus der Veranstaltungsreihe WECHSELSPIEL. In dieser Veranstaltung wird ein experimentelles Wechselspiel von Philosophie und Tonkunst zur Aufführung gebracht, nämlich das Wechselspiel von Hegel-Textvortrag und Free Jazz. „Free Jazz“: „Weder Form noch harmonische Abläufe sind festgelegt, der Rhythmus wird völlig frei gestaltet.“ (Quelle: wissen.de/lexikon/jazz)

Die Performance beginnt mit dem Vortrag des Texts. Der Vortrag wird an mehreren Stellen abgebrochen, an denen Musik einsetzt, und zwar ein musikalischer Teil, der vom Musiker oder von den Musikern frei improvisiert wird. Dadurch entsteht ein künstlerisches Wechselspiel, das von den Vortragenden und Musizierenden getragen und gestaltet wird und das dadurch fasziniert, daß die strenge Form der Texte immer wieder – und immer wieder auf eine für das Publikum überraschende Weise – durch freie musikalische Improvisationen aufgebrochen wird, die sich dennoch immer auf den Vortrag beziehen.

Mit einem Wort: Die Texte und der Textvortrag geben das Thema vor, das von den Musikern aufgenommen und variiert wird und, falls sinnvoll, von ihnen auch gebrochen werden kann.

Eines sollten der/die Musiker jedoch beherzigen: Es ist ein erklärtes Ziel dieser Performance, die schwierigen Hegel-Texte sinnlich erfahrbar – und sie so einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Die Performance besteht aus zwei Akten, die jeweils etwa 30 Minuten dauern (der genaue zeitliche Ablauf wird erst im Rahmen der Proben festgelegt). Zwischen der Aufführung der Akte gibt es 15 Minuten Pause.

Warum Hegel & Jazz? Weil diese Kombination schlichtweg hochinteressant ist. Wie wird das Ganze im Ergebnis aussehen? Kann es überhaupt funktionieren? Das sind Fragen, die sich fast unmittelbar einstellen, wenn man versucht, sich das Ganze vorzustellen. So wird gleich in zweierlei Hinsicht ein Spannungsfeld geschaffen: erstens durch die sich einstellenden Fragen und durch die Erwartungshaltung des Publikums, die ja nicht zuletzt auch eine kritische sein wird; und zweitens durch das sich schließlich vor den Ohren und Augen des Publikums real entwickelnde Wechselspiel von Text- und Musikvortrag, von Hegel und Free Jazz.

(Folgende Frage könnte man dem Publikum als Gedankenanstoß an die Hand geben: Drückt sich in dem sich zwischen Textvortrag und Musikvortrag, zwischen streng formalen Hegel-Begriffen und Free-Jazz-Tönen vollziehenden Wechselspiel ein dialektisches Verhältnis aus? Trifft es zu, daß sich Hegelsche Begriffe und Free-Jazz-Klänge, als zwei Formen des Geistes (Hegel), durch ihr Sich-Aufeinander-Beziehen fortwährend sowohl negieren als auch zu neuer, beide Geistformen umfassender Form vereinen, so daß im Ergebnis ein dynamisches Wechselspiel zustande kommt, das aus These, Antithese und Synthese besteht und mithin darauf verweist, daß Gegensätze (und Antinomien) in Hegels Dialektik stets auch eine Identität bilden? Wäre es also, um zum Schluß zu kommen, richtig, zu konstatieren, daß die Performance Hegel & Jazz dem Hegelschen Grundbegriff der Identität der Identität und der Nichtidentität Ausdruck verleiht?)

Um diese Performance zu verwirklichen, braucht es Profis. Zum einen Jazz-Musiker, die sich auf Freie Improvisation verstehen, zum anderen einen die Hegel-Texte Vortragenden, der dem Hegelschen Niveau gerecht wird, zumindest sprachlich, zum dritten einen Regisseur, der die Proben leitet und das Wechselspiel des Hegel- und Musik-Vortrags aufeinander abstimmt. Letztlich bestimmen aber die Musiker selbst darüber, wie sie die Performance gestalten, da es ja um Free Jazz geht.

Sicherlich läßt sich ein Hegel-Experte, der Aufschluß darüber gibt, wie Hegel gearbeitet hat, in Bamberg leicht finden. Anhand der Aussagen dieses Experten ließe sich konkretisieren, wie man das Bühnenbild und den Vortrag in einer Weise gestaltet, die dem nahe kommt, wie Hegel seine Texte tatsächlich entwickelt hat.

Schließlich muß die schwierige Frage, welche Hegel-Texte sich für eine derartige Performance am besten eignen, beantwortet werden. Auch hierzu könnte man einen Hegel-Experten zu Rate ziehen.

Es bietet sich an, Hegels Texte über den Staat zu verwenden, weil diese relativ gut verständlich sind und das Thema „Staat“ sicherlich für ein breites Publikum interessant ist. Es wäre natürlich naheliegend, Hegels Texte über Musik zu verwenden, aber auch sehr absehbar und daher vielleicht zu platt. Man könnte auch ausgewählte Briefe Hegels vortragen – am besten welche, die aus Hegels Bamberger Zeit stammen –, weil diese noch leichter verständlich sind und sich an einen Adressaten wenden. Am besten scheint mir, beides zu verbinden, Auszüge aus den Hegelschen Briefen und Auszüge aus Hegels Werken. Die Texte müssen zusammengestellt und in der Praxis erprobt werden.

Bei Interesse bitte bei mir melden. Danke.

Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

Um dieser Aufgabe nachzukommen, skizziere ich zunächst das Wertegefüge der europäischen Moral. Dabei halte ich mich an die Ergebnisse Friedrich Nietzsches, der zum Bestand des europäischen Wertegefüges „Herren- und Sklavenmoral“ zählt (im Unterschied zu Nietzsche verwende ich die Begriffe nicht wertend, sondern rein deskriptiv).
Den Terminus „Herrenmoral“ verwendet Nietzsche dazu, die etwa in Persien, Hellas und Rom von der indogermanischen Eroberer- und Herrenschicht etablierten Wertesysteme zu bezeichnen. Der Begriff dient ihm außerdem dazu, das aristokratische Selbstverständnis, von dem die indogermanische Herrenschicht erfüllt war, zu kennzeichnen; das Selbstverständnis nämlich, eine zur Herrschaft berufene aristokratisch-soziale Elite zu sein, der die Aufgabe, die Welt zu gestalten und die Gesellschaft zu formen, wesensgemäß zukommt. Nietzsche begreift dieses Selbstverständnis als etwas durchaus Positives, Begrüßenswertes, weil die – in seinen Augen durch innere Machtfülle ausgezeichnete – indoeuropäische Herrenschicht die Bürde auf sich nahm, die Verantwortung für sich und alle anderen Mitglieder der Gesellschaft zu tragen und dafür zu sorgen, daß das geistig-moralische Niveau des Menschengeschlechts gehoben wird. Daher kam nach Nietzsche auch allein der zur Führung berufenen Herrenschicht, den indogermanischen Krieger- und Priesterbünden, das Recht zu, oberste Werte zu schaffen und diese mit allen dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen.
Geschichtlich gesehen haben viele verschiedene Gesellschaftsformen existiert, die im Zeichen der Herrenmoral zur Herrschaft gebracht wurden: etwa die von den Hellenen und Römern errichteten Staatsgebilde (Polis und Imperium Romanum) sowie die politisch weniger strukturierten Herrschaftsgebilde der Kelten- und Germanenstämme. Doch so unterschiedlich sie im einzelnen auch waren, es gab doch ein alle verbindendes Moment: das Selbstverständnis der indoeuropäischen Krieger- und Priesterbünde, zur gewaltsamen Führung der Gesellschaft berechtigt zu sein.
Unter dem Terminus „Sklavenmoral“ subsumiert Nietzsche kurz gesagt all jene den Wertschätzungen des indoeuropäischen Adels feindlich entgegengesetzten Gesinnungen und Glaubensrichtungen, die sich in der Antike über lange Zeiträume im Verborgenen und zuletzt vor allem in sichtbarer Entgegensetzung zur römischen Herrenmoral entwickelten und schließlich im Christentum bündelten, das zum Evangelium aller durch das Römische Imperium Unterworfenen, Unterdrückten und Entrechteten avancierte.
Wie eine Sklavenmoral entsteht, liegt auf der Hand (um die Aktualität der im folgenden beschriebenen Vorgänge hervorzuheben, verfasse ich diesen Abschnitt im Präsens): Sobald ein Volk oder eine andere Gruppe dauerhaft unter Fremdherrschaft gerät, wird sich der geballte Haß der Gruppe naturgemäß gegen die Herrenkaste richten und irgendwann eine Moral hervorbringen, die den Werten der Herrschenden diametral entgegengesetzt ist, weil sie auf den Umsturz der herrschenden Verhältnisse zielt. Eine Sklavenmoral ist mithin ein Instrument der geistigen Kriegsführung, dazu geschaffen, das Fundament der Herrenmoral Wert für Wert auszuhöhlen, um das Herrschaftssystem zu schwächen und über kurz oder lang zum Einsturz zu bringen. Umgekehrt werden die höchsten Werte, die von einer unter Fremdherrschaft geratenen Gruppe verehrt werden, von der Herrenkaste systematisch als das Schlechte, das naturgegeben Unterlegene und daher Verachtenswürdige, gebrandmarkt.
Grundsätzlich gilt: Was eine Herrenkaste als das Ideale und Gute und Wünschenswerte in Form oberster Werte verabsolutiert, wird von der Sklavenkaste als böse verteufelt. Und umgekehrt: Was die Sklavenkaste heiligt, wird von der Herrenkaste als schlecht und nichtswürdig abgetan. Der Fall des Imperium Romanum und des Christentums belegt das. Was von den in Rom Herrschenden begehrt und verehrt wurde – etwa weltliche Macht, oder auch Reichtum und Ruhm –, wird im Neuen Testament als das Böse verteufelt. Und alles, was die römische Aristokratie verachtet hat – Demut etwa und Mitleid, oder auch die Gleichheit aller vor Gott –, wird im Neuen Testament als das Höhere und Erstrebenswerte dargestellt.

Es ist klar, daß eine von der Herrenschicht systematisch betriebene geistige Abwertung und physische Herabwürdigung ihre Wirkung in der Regel nicht verfehlen und bei der unterworfenen Gruppe ein kollektives Empfinden der Mangelhaftigkeit, der Minderwertigkeit und des Ungenügens, ja mitunter sogar des Aussätzig- und Gezeichnet-Seins hervorrufen.
Um dieses schmerzhafte Empfinden dauerhaft unterdrücken bzw. das Brennen dieser psychischen „Wunde“ mildern zu können, bilden sich verschiedene Ressentiments und psychische Abwehrmechanismen aus: etwa ein glühender Kollektivhaß auf alles Lebensbejahende, Glückliche, Unschuldige, Machtvolle und Schöne samt dem dauernden Verlangen nach Genugtuung und Vergeltung, jener berauschenden Wirkung des Rachedursts, die als Stimulans genutzt und kultiviert wird. Oder auch das (unbewußte) Streben danach, die „Schmach“ des Unterdrücktwerdens unter immer neuen Rationalisierungen oder lebensfernen Idealen zu begraben bzw. durch eine dem Anschein nach ganz und gar uneigennützige, weil vordergründig der Liebe und Freundschaft und Tugend verpflichtete, Lebensweise vergessen zu machen. Diese Technik der psychischen Kompensation unerwünschter Anteile des Selbst wird zum Beispiel im Neuen Testament fortwährend in Szene gesetzt und als Mittel zur Linderung der (psychischen) Not anempfohlen.
Darüber hinaus entsteht in der Regel ein unbewußt einsetzender Reflex, dem es geschuldet ist, daß die Mitglieder eines unterdrückten Kollektivs nicht nur jegliche Selbstverantwortung im Namen einer höheren Macht, etwa im Namen Gottes, von sich weisen, sondern auch alle Schuld prinzipiell anderen zuweisen. Dieser „psychische Mechanismus“ sorgt zuverlässig dafür, daß aus den Opfern von gestern die Täter von heute werden, sobald ein Gegenüber gefunden ist, das sich als Feindbild bzw. als Sündenbock eignet, also als Projektionsfläche des eigenen psychischen „Schattenanteils“ (Schatten im C.G. Jungschen Sinn). Das ist das Gefährliche und Tückische an der Sache: Sowohl das kollektive Empfinden der Mangelhaftigkeit als auch die Techniken zur psychischen Abwehr und Kompensation dieses Empfindens bilden das immaterielle Erbe aller durch eine Herrenmoral dauerhaft Unterdrückten bzw. durch eine Sklavenmoral Konditionierten (das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung).
Nietzsche schreibt: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein nein zu einem „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“12
Die Sklavenmoral setzt sich absolut, indem sie alles außerhalb ihrer selbst negiert, – indem sie die Werte der Herrenmoral mit dem Stigma des Bösen versieht, gemäß der Logik: Was böse ist, darf nicht sein. Die Sklavenmoral ist die genaue Umkehrung der Herrenmoral, die Werte der Moralen sind diametral entgegengesetzt.
Herren- und Sklavenmoral bilden die Struktur des europäischen Wertesystems und sorgen durch ihren Widerstreit für den Fortgang der Geschichte. Im Vollzug ihres geschichtlichen Widerstreits ringen, nunmehr schon seit Jahrtausenden, Generationen von Herren- und Sklavenkasten, Herrschenden und Beherrschten, Recht-Setzenden und Rechtlosen, Freien und Unfreien, Besitzenden und Besitzlosen um Macht. Dieser Machtkampf, zu dem auch das (meist vergebliche) Ringen der durch eine Sklavenmoral Konditionierten um Emanzipation von der eigenen moralisch-psychischen Disposition gehört, wurde und wird von vielfachen Krisen, Konflikten, (Bürger-)Kriegen und, in der Neuzeit, auch von Revolutionen geprägt.