Das Vorwort des Essays „Wir sind Krise“, Band I

Dies ist der erste Band des Wissenschaftsessays „Wir sind Krise“, der in zwei Bänden erscheint. Wozu eine weitere Arbeit zum Thema „Krise“? Um eine philosophische Position beizusteuern, die das große Ganze in den Blick nimmt und dementsprechend die  m o r a l b e d i n g t e  Dauerkrise thematisiert. Der Essay versteht sich als ein Beitrag zur Debatte um die Dauerkrise und die aktuelle Gesellschaftstransformation in Deutschland und Europa.
Wem der Buchtitel zu negativ ist oder wer diesen gar für deutschfeindlich hält, darf sich glücklich schätzen, daß ich den zuerst angedachten Titel „Wollt ihr die totale Krise?“ noch rechtzeitig vor Drucklegung verwarf. Aus Nachsicht. Und wer sich fragt, wer mit dem „wir“ im Titel gemeint ist, wende sich bitte an das bei der „Bild“-Zeitung mit der Erforschung des „Wir“ betrauten Expertenteams („Wir sind Papst!“ usw.).
Der Essay besteht aus fünf Kapiteln, von denen ich das fünfte wegen des Umfangs und Inhalts in einem zweiten Band veröffentlichen werde. Die Arbeit ist kulturwissenschaftlich, historisch und psychologisch fundiert, erfüllt aber, wie aus der Bezeichnung „Essay“ hervorgeht, nicht die Kriterien einer streng wissenschaftlichen Untersuchung. Es handelt sich vielmehr um eine philosophische Systemkritik und eine philosophische Deutung der „Krise“; um eine Arbeit, die auch als ein Kommentar zur Prosadichtung „Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie“ gelesen werden kann, die ebenfalls in der Reihe „Bücher für Alle & Keinen“ erscheinen wird.
Die Abhandlung setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen. Der erste veranschaulicht die geschichtsstiftende Dynamik des von mir so genannten „moralbedingten Dissoziationismus“. Was besagt dieser Begriff? Daß das europäische Patriarchat seit jeher durch die im Zeichen der herrschenden Moralen gesellschaftlich exekutierte Spaltung des Selbst in Über-Ich, Ich und Es im Innersten zusammengehalten und aufrechterhalten wird; und daß seine weitere Expansion durch die aus diesem Spaltungs- und Verdrängungsgeschehen notwendig erwachsenden psychischen Folgestörungen gewährleistet wird, etwa durch die gesellschaftliche Realität schaffenden Neurosen und Persönlichkeitsstörungen. Ausgehend von diesen Grundannahmen stelle ich folgende Hypothese auf: der Dauerzustand der Krise in der Moderne wird nicht zuletzt durch die fatale psychophysische Wirkung der von mir so genannten „Hybridformen der Moral“ verursacht – der aus Anteilen der „Herren- und Sklavenmoral“ (Nietzsche) gebildeten Zwitterformen der Moral –, die im Zuge der Reformation und der Aufklärung aus der doppelten Moral des „geschichtlichen Christentums“ (Nietzsche) hervorgingen – und in Form der bürgerlich-liberalen Moral erstmals zur Herrschaft gelangten.
Um die Dynamik des moralbedingten Dissoziationismus samt der Entstehung der Hybridformen der Moral umfassend darstellen und aus philosophisch-psychologischer Perspektive kritisch beleuchten zu können, hole ich kulturgeschichtlich weit aus. In einem ersten Schritt zeichne ich die sozialen Verhältnisse, die von den im Paläolithikum und Neolithikum ansässigen Kollektiven etabliert worden waren, sowie den kulturellen Umbruch nach, der mit der Einwanderung der Proto-Indoeuropäer in den „alteuropäischen“ (M. Gimbutas) Raum seinen Anfang nahm (vgl. zweites und fünftes Kapitel). Ausgehend davon veranschauliche ich die Entstehungs-, Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte der seit dem Ausgang der Antike herrschenden moralischen Struktur, die von der hellenischen und römischen Herrenschicht in Form von „Herren- und Sklavenmoral“ verfestigt (anders als Nietzsche verwende ich die Termini nicht wertend, sondern rein deskriptiv), in Form der doppelten Moral des Kirchenchristentums unter veränderten Vorzeichen fortgeführt und in Form der bürgerlich-liberalen Moral wiederum zementiert wurde (vgl. erstes, zweites und drittes Kapitel).
Es ist mein Anliegen, diese Vorgänge nicht nur zu beschreiben, sondern auch Wege aufzuzeigen, wie die moralbedingte Spaltung des Selbst überwunden oder wenigstens gemildert werden kann (vgl. Band II). Entsprechend wird die herrschende moralische Struktur, welche die dauerhafte Spaltung des Selbst verursacht, zum Gegenstand meiner Kritik.
Mit dem zweiten Erzählstrang leiste ich einen Beitrag zur „Debatte um den deutschen Sonderweg“. Ich weise darin auf einige historische Aspekte und soziopsychologische Zusammenhänge hin, die in der Debatte teils nur unzureichend, teils gar nicht berücksichtigt wurden.
Mehrere Nebenlinien komplettieren den Essay: Skizzen der kretisch-minoischen, mykenischen und germanischen Kultur; Kurzdarstellungen des griechischen Mythus und der griechischen Metaphysik; Skizzen der deutschen Romantik und des Deutschen Reichs nach 1800; Interpretationen essentieller Aussagen Descartes‘, Kants, Hegels und Nietzsches.

Im ersten Kapitel verfertige ich eine Kurzerörterung der Hypothese, die für sich alleine stehen kann, als eine eigenständige Abhandlung der Thematik angesehen werden kann und die Grundlage für die weitere Explikation der Hypothese im dritten Kapitel bildet.
Im zweiten Kapitel gehe ich zunächst auf die sozialen Verhältnisse ein, die für die paläolithischen (Wildbeuter-)Kollektive und für die im Neolithikum ansässigen Gemeinschaften kennzeichnend waren, um in einem zweiten Schritt die Entstehung und Verfestigung der Struktur der europäischen Moral nachzuzeichnen. Diese wurde durch die von der hellenischen Herrenschicht in Form von Herren- und Sklavenmoral gewaltsam exekutierte Entgegensetzung des indoeuropäischen „Vaterrechts“ und des umgewerteten alteuropäischen „Mutterrechts“ (Bachofen) zementiert! Aus der fatalen Wirkmacht dieser moralischen Struktur, die prinzipiell die Aufspaltung des Selbst in (mindestens) zwei feindlich entgegengesetzte Persönlichkeitsanteile nach sich zieht, in Über-Ich und Es, resultiert die Krisenanfälligkeit der westlichen Welt.
Das dritte Kapitel beschreibt, wie Herren- und Sklavenmoral in der doppelten Moral des geschichtlichen Christentums als „ideale und reale Dimension“ verknüpft wurden – und welche Folgen die Christianisierung Europas, vor allem auch im Hinblick auf die Psyche der Europäer, nach sich gezogen hat. Außerdem zeichne ich die „kulturelle Evolution“ der Doppelmoral des geschichtlichen Christentums nach, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Philosophie und (Geistes-)Geschichte. Das in diesem Kapitel Dargelegte dient sowohl dazu, die Hypothese ausführlich zu explizieren – etwa aufzuzeigen, daß die in der Neuzeit herrschende Moral aus der christlichen Doppelmoral hervorgegangen ist –, als auch dazu, meine Überlegungen zum Thema „deutscher Sonderweg“ zu veranschaulichen.
Das vierte Kapitel bereichert den Essay um eine hauptsächlich an Nietzsches und Bachofens Werk orientierte philosophische Moralkritik, in der ich unter anderem den Unterschied zwischen Fühlen und „moralischem Empfinden“ herausarbeite (vgl. Teil II, „Moral und Emotion“). Ich habe die Moralkritik aus zwei Gründen in den Essay integriert: zum einen aus inhaltlichen Erwägungen, weil dieser Text eine bereits in 2006 verfertigte Skizze des Buchprojekts „Wir sind Krise“ darstellt; zum anderen aus kompositorischen Gründen, weil die Arbeit aus Kurzessays und Aphorismen besteht und so für eine willkommene Abwechslung im Textfluß sorgt. Das vierte Kapitel ist die erweiterte und vollständig überarbeitete Fassung eines unter dem Titel „Auf Nietzsches Spuren“ erstmals im Friedrich Haller Verlag veröffentlichten Texts.
Im fünften Kapitel, dem fragwürdigen Kapitel – das auch aufgrund dieser „Fragwürdigkeit“ in einem zweiten Band erscheinen wird –, zeige ich einige grundlegende psychologische und soziopsychologische Positionen auf, etwa, indem ich mich in kritischer Weise mit der Theorie der Analytischen Tiefenpsychologie auseinandersetze. Dies in der Absicht, die Voraussetzungen zu eruieren, die zur Entstehung des Patriarchats und des patriarchalen Ichbewußtseinssystems führten.
Zudem fließen in dieses Kapitel Vorschläge ein, wie die moralbedingte Dauerkrise überwunden werden kann, also wie die individuell-psychische Transformation gemeistert und die Transformation der Gesellschaft, der philosophisch-psychologischen Vernunft gemäß, verwirklicht werden kann – jenseits von Neoliberalismus, Neofaschismus, Neosozialismus und allen anderen topmodernen „Ideologismen“.

2
Der Grund für die Niederschrift dieser Arbeit: sie hat gefehlt. Eine als Gesamtschau konzipierte philosophische Abhandlung nämlich, die bereits in der Vorgeschichte ansetzt und die wesentlichen Entwicklungen aufzeigt, die zur Konstellation der moralisch bedingten Dauerkrise in der Moderne führten.
In der, wo nötig, auch eine radikale Kritik am Bestehenden vorgetragen wird. Die aber bei aller Schärfe immer dem philosophischen Ideal verpflichtet bleibt, den Weg der goldenen Mitte zu gehen.
Eine Abhandlung, die nicht neuerungsgeil oder reaktionär konzipiert, nicht links oder rechts, materialistisch oder spiritualistisch ausgerichtet ist, sondern jenseits oder vielmehr „diesseits“ der sich auf politischer und akademischer Ebene vollziehenden ideologischen Grabenkämpfe verschiedene Denkansätze vereint und weiterführt.
Die einem originellen Konzept folgt, das den Menschen in seiner psychophysischen Ganzheit erfaßt, einem Konzept, anhand dessen ich im fünften Kapitel konkrete Lösungsansätze entwickle, wie die moralbedingte Dauerkrise individuell und politisch-gesellschaftlich bewältigt werden kann.

Es gehört zum formalen Buchkonzept, manche der Themen nicht in einem Zug abzuhandeln, sondern sie aufzunehmen und inhaltlich „durchzuspielen“, um den Erzählfaden zunächst abreißen zu lassen und ihn später, an anderer Stelle, wiederaufzunehmen und das Thema abzurunden (ein Konzept, das der in der Tonkunst herrschenden Konvention folgt, den musikalischen Grundgedanken im Verlauf des Stücks an verschiedenen Stellen aufzunehmen und – häufig in variierter Form – durchzuspielen). So beginne ich mit der Darstellung der sozialen Verhältnisse, die für die paläolithische und neolithische Kulturperiode kennzeichnend waren, im zweiten Kapitel, um das Thema im fünften Kapitel wiederaufzunehmen und abzuschließen. Und vielleicht weiß jemand so wie ich zu schätzen, daß sich die Themen „Hybridformen der Moral“ und „deutscher Sonderweg“ im dritten Kapitel zuletzt vollends überlagert haben? Zur Deckung bringen ließen?
Die entscheidenden Anregungen verdanke ich der Philosophie Nietzsches sowie Bachofens Meisterwerk „Das Mutterrecht“.
Die Tiefenpsychologin Clarissa Pinkola Estés listet im Buch „Die Wolfsfrau“ eine Fülle an Praktiken auf, mit denen sich Selbsterfahrungs- und Selbstwerdungsprozesse gezielt einleiten lassen. Obwohl sich die Autorin ausdrücklich nur an Frauen wendet, sind die im Buch dargestellten Praktiken auch für Männer von großem Wert. Als ebenso wertvoll und hilfreich hat sich das Werk von Alice Miller erwiesen, die aus der Masse an Autoren im Bereich Psychoanalyse und Psychotherapie als reflektierte und gesellschaftskritische Aufklärerin wohltuend herausragt. Das gilt auch für den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der mit dem Buch „Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“ ein von der Tiefenpsychologie bislang vernachlässigtes Thema aufgegriffen und abgehandelt hat. Wegweisend wurden für mich auch die vom Jung-Schüler Erich Neumann verfaßten Arbeiten „Ursprungsgeschichte des Bewußtseins“ und „Die Große Mutter“.
Die Forschungsergebnisse der Archäologin Marija Gimbutas bestärkten mich darin, den anfänglich eher intuitiv eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. Den aktuellen Stand der kulturwissenschaftlichen Forschung „auf den Gebieten der Religionssoziologie und der Herrschaftstheologie mit vor- und frühgeschichtlichem Schwerpunkt“ (aus dem Eintrag „Gerhard Bott“ in Wikipedia) hat der Gesellschaftswissenschaftler Gerhard Bott im Buch „Die Erfindung der Götter“ zusammengefaßt. Um meine Geschichtskenntnisse mit dem aktuellen Stand der Forschung abzugleichen, ließ ich mir geschichtswissenschaftliches Studienmaterial der Fernuniversität in Hagen zukommen.
Außerdem seien die philosophisch-metaphysische Arbeit „Metaphysik und Mensch. Das System der Philosophie von Hegel und die Eröffnung der Möglichkeit des Menschen“ von Michael Wende (†) sowie der philosophische Essay „Fragmente einer Sehnsucht in Blau“ des Denkers Jürgen Friedrich hier als Quellen genannt.
Eines ist mir während des Quellenstudiums nur zu deutlich geworden: das rationalistisch-materialistische Denken der modernen Wissenschaft – ganz gleich, in welches akademische Gewand es sich hüllt – ist für gewöhnlich ein Ausdruck der spezifisch menschlichen, ach, allzumenschlichen Inbesitznahme der Welt, einer sich im Zeichen von Verstand und Vernunft gnadenlos vollstreckenden Anthropozentrierung des Alls, die aus moralischen Gründen stets einen humanitären Anschein wahrt und im Namen des Guten für eine Sache Partei ergreift.
Wenn ich von „Werten“ spreche, dann in der Regel von „immateriellen“, moralischen; von solchen, die Moralisches oder Immoralisches bezeichnen. Und mit dem Begriff „moralische Aufspaltung“ verweise ich selbstverständlich nicht auf die hohe moralische Gesinnung einer Aufspaltung (ein Schelm, wer solches denkt), sondern bezeichne damit den Prozeß einer sich gemäß der herrschenden Moral vollziehenden Aufspaltung des Selbst in verschiedene Persönlichkeitsanteile.
Hochwerte Fehlerfexe, verehrter Grammatikrat des Satiremagazins Titanic, erhabener Hohepriester der deutschen Sprache Hermann L. Gremliza, liebe Genossinen und Genossen, daß ich Fehler im Text beließ, um euch eine Freude zu bereiten, wäre zuviel gesagt. Es ist aber gut möglich, daß ihr, zu eurer Genugtuung?, auf so manchen Fehler stoßen werdet, weil ich mich dem Regelwerk der Grammatik stets nur mit größtem Widerwillen unterwerfe.

3
Noch eine Bemerkung zu Nietzsche. Ich gebe zu, daß ich während der Wanderung durch sein philosophisches Gedankengebirge emotional fast erfroren bin. Sein Werk ist eine schwere Prüfung. Gibt es auch nur einen Winkel des Lebens, in den er sich nicht hineingedacht hat? Und wie verletzend die von ihm gezogenen Schlüsse sein können! – und doch führt an Nietzsche für Philosophen kein Weg vorbei. Um zu wissen, was heute noch möglich, einem selbst möglich ist, und was morgen möglich sein wird, muß man zuerst in sein Werk eingetaucht, vielleicht auch zeitweise zu ihm übergetreten sein, um schließlich zu sich zurückzukehren. Wer dann immer noch von etwas Eigenem erfüllt wird, das ins Werk drängt; oder sogar von einer geistigen Lebenshaltung beseelt und umgetrieben wird, die bislang noch ungegangene Wege geht – voilà! Was für ein Fest! –
Einem derart tiefsinnigen und vielseitigen Denker zu begegnen, ihm auf seinen Wegen und Umwegen zu folgen, ist ein Privileg, ein Glücksfall, ein Segen – aber auch ein Fluch. So wenigstens habe ich es empfunden, habe es während des Lesens und „Wider-Lesens“ und Wieder-Lesens seines Werks in mir getragen und ausgetragen und schließlich hinter mir gelassen, um mich ganz dem Eigenen zuzuwenden. Anders gesagt: erst hat es mich froh gestimmt und mit einem Gefühl des Triumphs erfüllt, bei einem herausragenden Denker und Erzieher wie Nietzsche in die Schule zu gehen; 15 Jahre später war es genau umgekehrt: jetzt stimmte es mich froh, diese Schule zu verlassen, sie verlassen zu können.
Der „Zarathustra“ war mir lange Zeit alles gewesen. Das Buch kam zu mir, als sich die Schwärze der Hoffnungslosigkeit und der Vereinsamung gerade um mich schloß – und ging wie ein Leitstern in mir auf: „(…) wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!“ Es war eine Offenbarung, freilich eine weltlicher Art. Ich war 21.
Um meine Integrität zu wahren, habe ich das Studium der Philosophie frühzeitig abgebrochen und mir die Kenntnisse und Fertigkeiten, die dazu nötig sind, philosophische Bücher zu konzipieren und zu verfassen, in autodidaktischer Weise angeeignet. Außerdem war ich über viele Jahre die treibende Kraft hinter dem Berliner „Forum für Philosophie und Kunst“ e.V. (Informationen über das Forum im Blog wir-sind-krise.de), in dem ich, unter anderem als Redakteur, das nötige Basiswissen im Bereich Buchproduktion erwarb. Fast alle Arbeiten, die nötig waren, um das Projekt „Bücher für Alle & Keinen“, über das Verfassen der Texte hinaus, zu verwirklichen, habe ich selber ausgeführt. Das Projekt wurde mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln auf den Weg gebracht.

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Ein weiterer Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Ein Kurzessay. Oder ein verdammt lang geratener Aphorismus?

Liebe Fangemeinde, dear followers, um die große Nachfrage nach weiteren Texten zu befriedigen, anbei ein weiterer Beitrag.

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In atemberaubender Geschwindigkeit werden auch noch die letzten widerständigen Refugien vom Krebsgeschwür des Kapitalismus befallen und zersetzt, wird auch noch der letzte nichtkommerzialisierte „Wert-Fitzel“ von der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie absorbiert und pulverisiert, frißt sich die längst zur Normalität gewordene Korruption durch alle gesellschaftlichen Bereiche.
In hektischem Hin und Her versucht das Establishment, versucht das bürgerlich-liberale Lager samt dem Beamtenapparat die Kräfte der Finanzmärkte, deren Freisetzung man ja durch Politik und Medien überhaupt erst ermöglicht und auf den Weg gebracht hat, irgendwie in den Griff zu bekommen und das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Zumindest dem Anschein nach. Denn die Dynamik der Wirtschafts- und Finanzkrise wird von den gleichen Kreisen auch zielgerichtet zur Profitmaximierung, zur Zertrümmerung der Sozialsysteme sowie zur Etablierung einer autoritären europäischen Zentralregierung genutzt: Die „Verkauften Staaten von Europa“ sollen einen neoliberal-kapitalistischen Machtblock bilden, der die Interessen der europäischen Wirtschaftseliten als starker Global Player weltweit durchsetzen kann, einer parlamentarischen Kontrolle möglichst ganz entzogen ist und – da sind sich wahrscheinlich nicht nur die deutschen Eliten einig – von Berlin aus gesteuert wird.
Gegen derartige Machenschaften protestiert in Deutschland standesgemäß die richtige Linke, die sich, sehr vereinfacht gesagt, seit jeher aus revolutionswilligen Hardlinern und revolutionsunwilligen Sozialreformern zusammensetzt, während das Kirchenpersonal zuverlässig Ewiggestriges verkündet, die Liberalen und Konservativen in geistiger Hinsicht nicht mehr als einen lauen Furz absondern, die Rechten wie gehabt gegen Ausländer hetzen und sich dazwischen, darunter, darüber das kunterbunte Heer all jener die politisch-ökonomischen Realitäten inzwischen vollends ausblendenden „irdischen Marsianer“ den Weg einer wie auch immer gearteten topmodernen spirituellen Selbstverwirklichung bahnt, Amen.
Was soll, was muß daraus erwachsen? – Zugegeben, das Bild ist grob skizziert; aber ist es deswegen falsch? – Also: Was muß daraus erwachsen? Doch nur eine weitere noch brutalere Phase der Herrschaft des Kapitals samt den auf Leben und Tod dazugehörigen Erscheinungen Faschismus und autoritärer Sozialismus, den „ideologischen Derivaten“ des liberalkapitalistischen Systems, was zu weiteren Krisen, Konflikten und Kriegen im Namen der Humanität und der Optimierung des Menschen führen wird. (Überraschend finde ich allerdings schon, mit welcher Selbstverständlichkeit, was sag‘ ich, Schamlosigkeit man sich in Europa erneut dem Nationalismus und Faschismus verschreibt.)
So weit, so schlecht. Was bleibt, sind verbrannte Erde und Fragen. Wurde der Beginn einer postdemokratischen Ära in Europa bereits unwiderruflich eingeläutet? Wird sich, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, schließlich doch noch der richtige Kommunismus in Deutschland oder sogar in Europa durchsetzen (was immer das auch sein mag)?
Oder kommt es vielleicht ganz anders? Weil etwas Unerwartetes, momentan noch Unvorhersehbares eintreten wird? Etwas, wovon man derzeit noch nicht mal zu träumen wagt?

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Weil man die moralischen Empfindungen mit den Gefühlen verwechselt, setzt man Fühlen und moralisches Empfinden gleich – und lebt vor sich hin, ohne von diesem Selbstbetrug auch nur etwas zu ahnen.

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Er befreite seine Gefühle. Entfaltete sie. Bildete sie aus – und entdeckte eine neue Welt.

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Angst und Wut, Freude und Trauer, Neid und Haß, Niedergeschlagenheit und Melancholie, Liebe und Verliebtheit: so lauten einige der Titel, mit denen man emotionale Vorgänge in einer grob vereinfachenden Weise bezeichnet. Dies in der Absicht, eine ungeheure, vom Ichbewußtsein nicht erfaßbare Komplexität wenigstens oberflächlich verstehbar, handhabbar, verhandelbar zu machen.
Tatsächlich beschränken sich unsere Erfahrungen bisher weitgehend auf die Wirkmacht jener durch eine moralische Dressur umfunktionierten Emotionen, weil diese unser Gemüt ungleich heftiger bewegen als die Gefühle, die unversehrt geblieben sind. Man weiß nur zu gut, wovon ich spreche: von den wertezentrierten Gefühlskomplexen wie den Obsessionen, Depressionen, Neurosen und narzißtischen Störungen, die ihre das Ich negativ tangierende Wirkung stets mit lärmender Brutalität entfalten. So daß man sagen kann, daß wir Modernen primär nur mit den Symptomen des Krankheitsverlaufs des inneren Empfindens Bekanntschaft schließen konnten und uns eingestehen müssen, das Reich der Gefühle bisher nur gestreift zu haben.
Die moralbedingte Umfunktionierung der Emotionen ist auch eine der Ursachen dafür, daß so viele wissenschaftliche Arbeiten als lebensferne Begriffskonstrukte daherkommen bzw. als Aneinanderreihungen sinnenfeindlicher Abstrakta, während manche Werke der Kunst, und insbesondere der Musik, oft das kreischende Gegenextrem dazu bilden: auf der einen Seite herrscht der Mangel an Gefühl, auf der anderen die Hypertrophie einer Leidenschaft.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Die moralbedingte Aufspaltung von Geist und Körper, Ich und Selbst, Verstand und Gefühl wurde von den Architekten der Metaphysik dadurch sanktioniert, sanktifiziert, daß sie die Metaphysik verabsolutierten, sie zur Königsdisziplin der Philosophie erhoben.
Wenn es auch nachvollziehbar ist, daß man damals, als Pionier des spekulativen Denkens, noch darauf hoffte und hoffen konnte, der Existenz einer wahren unveränderlichen „Hinterwelt“ (Nietzsche) auf der Spur zu sein, einem Paralleluniversum, in dem alle Ideen enthalten und Raum und Zeit, Werden und Vergehen entrissen sind, – so hat sich die Verabsolutierung der Metaphysik, wie man heute nur zu gut weiß, doch höchst fatal ausgewirkt. Hat jenes Jahrtausende währende, vollends grotesk anmutende Streben viel zu vieler Philosophen und Wissenschaftler nach der Aufdeckung der Wahrheit der Welt nach sich gezogen. Hat zu jener Tradition des spekulativen Denkens geführt, theologisch oder ontologisch respektive „onto-theo-logisch“ hergeleitete Systeme begrifflich immer höher aufzutürmen, bis die „Wahrheit der Welt“ zu einem unmenschlichen Abstraktum geworden war. Und hat letztlich nur der Vermehrung des Leids gedient, des Leids des Menschen an sich selbst und am Leben, weil das Versprechen, das Sein des Seienden bzw. die Wahrheit der Welt erkennen und begrifflich darstellen zu können, von den Apologeten des spekulativen Denkens natürlich niemals eingelöst werden konnte.

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Unsere Irrtümer tragen meist mehr zu unserer Entwicklung bei als unsere Wahrheiten – und erweisen sich zudem als bekömmlicher, weil sie uns nicht besetzen.

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Seltsam: Indem wir die Wirklichkeit erforschen, erfassen und erschaffen wir sie, beides zugleich. Wenn wir wenigstens um das prozentuale Verhältnis zwischen Erfaßtem und Erschaffenem in unseren Forschungsergebnissen wüßten!

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Mit dem Begriff „abstraktes Bewußtsein“ bezeichne ich eine Verstandestätigkeit, die auf Distanz beruht, nämlich auf der willentlich eingenommenen Distanz des bewußt Agierenden zu sich und der Welt. Ich spreche von jener Art des rationalen Ausgreifens und Aneignens, wenn sich ein Teil des Bewußtseins vom Ich abgesondert hat und um die Dinge wie ein Netz herumlegt, um darin den Abglanz der Welt einzufangen und vom Dinglichen abzulösen und in abstrakte Formen oder Begriffe zu überführen.
Kein Zweifel, dieses sich mittels der Vorstellungskraft des rationalen Denkens vollziehende Abstrahieren der Welt ist von ganz eigener Qualität, verfügt über einen eigenen Zauber und Glanz – und dennoch: Bleibt nicht immer das Unbehagen, daß der abgesonderte Teil des Bewußtseins vielleicht verlorengehen könnte? Den Weg zurück nicht mehr findet?
Und was geschieht zuletzt mit den Eindrücken und „Erkenntnissen“, die man auf diese Weise gewonnen hat? Verblassen sie nicht schon bald zu nichtssagenden Schemen? So daß man sich nach jedem derartigen „Außer-sich-gewesen-sein“ immer ein wenig ärmer fühlt? Als stünde man danach mit leeren Händen und mit leerem Herzen da?
Meine Instinkte und Gefühle jedenfalls warnen mich davor. Sie begreifen diese Art der Verstandestätigkeit, die etwas anderes ist als ein mit den Sinnen und Gefühlen verbundenes Denken, als einen gefährlichen Bruch im Prozeß meiner Selbstentfaltung, als etwas Auflösendes, Schwächendes, Ungesundes – und wie käme ich dazu, das Urteil meiner Instinkte anzuzweifeln? Würde ich dadurch nicht zur Beute des „abstrakten Bewußtseins“?

Eine Anmerkung aus aktuellem Anlaß (Marx-Jahr 2018). Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Die Ideologie des Marxismus (sic) – gemeint ist das politisch-gesellschaftliche Ideengebäude des Marxismus, nicht die Marxsche Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Systems – ist mithin nichts weiter als ein aus der bürgerlich-liberalen Ideologie abgeleitetes „Derivat“, die Fortsetzung und Zuspitzung nämlich jener vom revolutionären Bürgertum erst vehement propagierten und aber durch die gewaltsame Etablierung des kapitalistischen Herrschaftsapparats schon bald verratenen und verkauften sozialrevolutionären Ideale.
Die herrschende moralische Struktur spaltet die Welt grundsätzlich in zwei diametral entgegengesetzte Seinsdimensionen. In der bürgerlichen Doppelmoral etwa wurden einerseits die Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ verabsolutiert, während andererseits, in der „realen Dimension“, also in der realen Menschenwelt, die kapitalistische Klassengesellschaft etabliert wurde, um von den Profiteuren des Systems seitdem als beste Herrschaftsform aller Zeiten gepriesen zu werden. Es bietet sich mithin an, die herrschende moralische Struktur in Form eines gewöhnlichen Bruchs darzustellen. Im Zähler steht immer die ideale Welt: die Welt und der Mensch, wie sie den herrschenden Idealen nach sein sollen, im Nenner stets die reale Welt, die wirklichen gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.
Ich denke, der Widersinn, „Ohne-Sinn“ (Nietzsche) dieser Struktur leuchtet unmittelbar ein? Nicht nur die Unvereinbarkeit der Dimensionen mußte sich früher oder später verheerend auswirken, sondern vor allem auch die irrsinnige Annahme, daß die Verwirklichung der idealen Dimension tatsächlich möglich sei. Und eine derartige moralische Struktur liegt, wie billig, auch der Ideologie des Marxismus zugrunde. Auch hier haben wir im Zähler wieder die ideale Welt – hier: die „klassenlose Gesellschaft“ –, also das gesellschaftliche Endziel der marxistisch-kommunistischen Mission; und im Nenner die konkrete Herrschaftsform – hier: die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ bzw. die „Diktatur des Proletariats“ –, die gewaltsam durchgesetzt und so lange aufrechterhalten werden soll, bis der angestrebte gesellschaftliche Idealzustand eintritt.
Marx schrieb: „Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“35 Und der sozialistische Vordenker Antonio Gramsci ergänzte: „Im Interesse ihrer Existenz und ihrer Entwicklung muß die Proletarische Diktatur einen betont militärischen Charakter annehmen.“36

Und so ist man bekanntlich auch verfahren, sei es im Bolschewismus, im Stalin-Sozialismus oder im Maoismus. Immer wurde der Bevölkerung sonstwas versprochen, und fast immer lief die Herrschaft der staatskommunistischen Regimes in Wirklichkeit auf die Unterdrückung und (versuchte) Gleichschaltung der Bevölkerungsmehrheit hinaus, phasenweise auch auf Terror und auf die Ausübung blutiger Gewalt. Und das nicht allein deswegen, wie einige hoffnungslose Idealisten nicht müde werden zu beteuern, weil der real existierende Sozialismus ein Fehlversuch gewesen sei, ein unter ungünstigen Bedingungen aus dem Ruder gelaufenes Experiment; sondern, und das ist der springende Punkt, weil die marxistische Ideologie die Diktatur einer proletarischen Führungsriege als ein notwendiges gesellschaftliches Übergangsstadium auf dem Weg zur „klassenlosen Gesellschaft“ festgeschrieben und dadurch moralisch sanktioniert hat.
Damit gibt sich der Marxismus als eine Hybridform der Moral zu erkennen, weshalb der real existierende Sozialismus dem sozialen Fortschritt und der Emanzipation des Menschengeschlechts immer nur dem Ideal nach verpflichtet war und in Wirklichkeit die Unterdrückung der Bevölkerung sowie die Ausbeutung und Zerstörung der Natur betrieben hat: so daß viele der Vordenker und Führer des Kommunismus als scheinheilige Tyrannen eingestuft werden müssen, als Propagandisten und/oder Vollstrecker einer im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit geheiligten Diktatur.
Um es nochmals auf den Punkt zu bringen: weil die Hybridformen der Moral Auswüchse der christlichen Doppelmoral sind, dienen sie ihrer Struktur gemäß immer nur der Verwirklichung der „Apokalypse“, also der im Namen der Erzeugung eines Neuen Menschen oder im Namen der Schaffung einer angeblich besseren Gesellschaft exekutierten Verwüstung der Wirklichkeit (Erde, Natur) und des wirklichen Menschen. Ob im Liberalismus-Kapitalismus oder im real existierenden Sozialismus-Kommunismus, immer findet sich dieser Zusammenhang, immer wurde im Namen der Optimierung des Menschen und der (Menschen-)Welt sowohl ein auf die Unterdrückung und Gleichschaltung der Bevölkerung als auch auf die Ausbeutung und Zerstörung der Natur gleichermaßen perfekt abgestimmtes Herrschaftssystem etabliert und mit allen Mitteln am Laufen gehalten.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Mehr als 100 Jahre nach Nietzsches bahnbrechender Vorarbeit hat es sich sogar bis in die Reihen der akademischen Zunft herumgesprochen, daß in dem vorrangig aus Texten geknüpften „Bedeutungsgewebe“ der Philosophie und Wissenschaft Aussagen von rein objektivem Charakter nicht vorkommen – und daß die Fähigkeit, derartige Aussagen zu treffen, auch weiterhin nur den Göttern und verwandten Wesenheiten vorbehalten bleibt. Daher werden sich vermutlich auch nur wenige daran stoßen, daß ich im zweiten Kapitel keine geschichtswissenschaftliche Untersuchung vorlege, sondern eine auf den Ergebnissen der kulturwissenschaftlichen, tiefenpsychologischen und historischen Forschung basierende geschichtsphilosophische Abhandlung. Vorsichtshalber sei dennoch daran erinnert, daß ich mich als Philosoph der historisch-kritischen Methodik der Geschichtswissenschaft nicht unterwerfen darf, weil ich das Thema sonst aus der Winkelperspektive des Fachmanns betrachten und dadurch aufhören würde, Philosoph zu sein (dies ist keine Kritik der Wissenschaftsdisziplinen und ihrer methodischen Verfahren!).
Was ist ein Philosoph? Ein Erforscher, Interpret und Kritiker der Moral und ihrer Wirkungsgeschichte, der geschichtlich in Erscheinung getretenen Werte und Wertekonstellationen sowie der Machtverhältnisse, die durch sie zementiert wurden. Mitunter ist er auch ein Schöpfer von Werten oder ein Architekt der Moral oder ein im Reich der Psyche schweifender Krieger oder ein Komponist, der das Auf und Ab im herrschenden Wertegefüge kunstvoll in Sprache setzt (Goethe z.B.); niemals aber ist ein Philosoph bloß Gelehrter, Wissenschaftler, Theoretiker und Beobachter des Lebens, sondern, wie jeder echte Künstler auch, ein Schaffender aus innerer Notwendigkeit, Mund und Auge und Ohr und Hand des ihn ausfüllenden Lebens.
Was ist das Leben des geistig Schaffenden? Ein Kreislauf der Selbsterfahrung, des Eingeweihtwerdens ins Selbst.
Es sollte sich auch niemand groß daran stoßen, daß ich, im Unterschied zu den Vertretern der Postmoderne, am Begriff der „Hochkultur“ und dem damit verbundenen Privileg festhalte, Scheißdreck auch weiterhin als Scheißdreck zu bezeichnen – die Klangerzeugnisse der Gruppe Modern Talking etwa – und Schwachsinn auch weiterhin als Schwachsinn, etwa die dummdreiste Pseudopolitik der SPD, FDP, AfD. Gegen die in der Postmoderne vorgenommene Erweiterung des Kulturbegriffs ist selbstredend nichts einzuwenden; allerdings wird wohl niemand ernsthaft bestreiten, daß sich etwa auch im Bereich der „Jugendkultur“ große Qualitätsunterschiede bei künstlerischen Erzeugnissen feststellen lassen.
Doch zurück zur „Erwachsenenkultur“! Eine zeitlos gültige Unterscheidung der sich in der kapitalistischen Kultursurrogatproduktion Verdingenden von den Kulturschaffenden hat Heinrich Heine en passant in folgendem Satz fixiert: „(…) sie lassen ihr Schifflein ruhig fortschwimmen im Rinnstein des Lebens, und kümmern sich wenig um den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen kämpft; (…)“

Auszug III aus „Wir sind Krise“, Band I

Um dieser Aufgabe nachzukommen, skizziere ich zunächst das Wertegefüge der europäischen Moral. Dabei halte ich mich an die Ergebnisse Friedrich Nietzsches, der zum Bestand des europäischen Wertegefüges „Herren- und Sklavenmoral“ zählt (im Unterschied zu Nietzsche verwende ich die Begriffe nicht wertend, sondern rein deskriptiv).
Den Terminus „Herrenmoral“ verwendet Nietzsche dazu, die etwa in Persien, Hellas und Rom von der indogermanischen Eroberer- und Herrenschicht etablierten Wertesysteme zu bezeichnen. Der Begriff dient ihm außerdem dazu, das aristokratische Selbstverständnis, von dem die indogermanische Herrenschicht erfüllt war, zu kennzeichnen; das Selbstverständnis nämlich, eine zur Herrschaft berufene aristokratisch-soziale Elite zu sein, der die Aufgabe, die Welt zu gestalten und die Gesellschaft zu formen, wesensgemäß zukommt. Nietzsche begreift dieses Selbstverständnis als etwas durchaus Positives, Begrüßenswertes, weil die – in seinen Augen durch innere Machtfülle ausgezeichnete – indoeuropäische Herrenschicht die Bürde auf sich nahm, die Verantwortung für sich und alle anderen Mitglieder der Gesellschaft zu tragen und dafür zu sorgen, daß das geistig-moralische Niveau des Menschengeschlechts gehoben wird. Daher kam nach Nietzsche auch allein der zur Führung berufenen Herrenschicht, den indogermanischen Krieger- und Priesterbünden, das Recht zu, oberste Werte zu schaffen und diese mit allen dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen.
Geschichtlich gesehen haben viele verschiedene Gesellschaftsformen existiert, die im Zeichen der Herrenmoral zur Herrschaft gebracht wurden: etwa die von den Hellenen und Römern errichteten Staatsgebilde (Polis und Imperium Romanum) sowie die politisch weniger strukturierten Herrschaftsgebilde der Kelten- und Germanenstämme. Doch so unterschiedlich sie im einzelnen auch waren, es gab doch ein alle verbindendes Moment: das Selbstverständnis der indoeuropäischen Krieger- und Priesterbünde, zur gewaltsamen Führung der Gesellschaft berechtigt zu sein.
Unter dem Terminus „Sklavenmoral“ subsumiert Nietzsche kurz gesagt all jene den Wertschätzungen des indoeuropäischen Adels feindlich entgegengesetzten Gesinnungen und Glaubensrichtungen, die sich in der Antike über lange Zeiträume im Verborgenen und zuletzt vor allem in sichtbarer Entgegensetzung zur römischen Herrenmoral entwickelten und schließlich im Christentum bündelten, das zum Evangelium aller durch das Römische Imperium Unterworfenen, Unterdrückten und Entrechteten avancierte.
Wie eine Sklavenmoral entsteht, liegt auf der Hand (um die Aktualität der im folgenden beschriebenen Vorgänge hervorzuheben, verfasse ich diesen Abschnitt im Präsens): Sobald ein Volk oder eine andere Gruppe dauerhaft unter Fremdherrschaft gerät, wird sich der geballte Haß der Gruppe naturgemäß gegen die Herrenkaste richten und irgendwann eine Moral hervorbringen, die den Werten der Herrschenden diametral entgegengesetzt ist, weil sie auf den Umsturz der herrschenden Verhältnisse zielt. Eine Sklavenmoral ist mithin ein Instrument der geistigen Kriegsführung, dazu geschaffen, das Fundament der Herrenmoral Wert für Wert auszuhöhlen, um das Herrschaftssystem zu schwächen und über kurz oder lang zum Einsturz zu bringen. Umgekehrt werden die höchsten Werte, die von einer unter Fremdherrschaft geratenen Gruppe verehrt werden, von der Herrenkaste systematisch als das Schlechte, das naturgegeben Unterlegene und daher Verachtenswürdige, gebrandmarkt.
Grundsätzlich gilt: Was eine Herrenkaste als das Ideale und Gute und Wünschenswerte in Form oberster Werte verabsolutiert, wird von der Sklavenkaste als böse verteufelt. Und umgekehrt: Was die Sklavenkaste heiligt, wird von der Herrenkaste als schlecht und nichtswürdig abgetan. Der Fall des Imperium Romanum und des Christentums belegt das. Was von den in Rom Herrschenden begehrt und verehrt wurde – etwa weltliche Macht, oder auch Reichtum und Ruhm –, wird im Neuen Testament als das Böse verteufelt. Und alles, was die römische Aristokratie verachtet hat – Demut etwa und Mitleid, oder auch die Gleichheit aller vor Gott –, wird im Neuen Testament als das Höhere und Erstrebenswerte dargestellt.

Es ist klar, daß eine von der Herrenschicht systematisch betriebene geistige Abwertung und physische Herabwürdigung ihre Wirkung in der Regel nicht verfehlen und bei der unterworfenen Gruppe ein kollektives Empfinden der Mangelhaftigkeit, der Minderwertigkeit und des Ungenügens, ja mitunter sogar des Aussätzig- und Gezeichnet-Seins hervorrufen.
Um dieses schmerzhafte Empfinden dauerhaft unterdrücken bzw. das Brennen dieser psychischen „Wunde“ mildern zu können, bilden sich verschiedene Ressentiments und psychische Abwehrmechanismen aus: etwa ein glühender Kollektivhaß auf alles Lebensbejahende, Glückliche, Unschuldige, Machtvolle und Schöne samt dem dauernden Verlangen nach Genugtuung und Vergeltung, jener berauschenden Wirkung des Rachedursts, die als Stimulans genutzt und kultiviert wird. Oder auch das (unbewußte) Streben danach, die „Schmach“ des Unterdrücktwerdens unter immer neuen Rationalisierungen oder lebensfernen Idealen zu begraben bzw. durch eine dem Anschein nach ganz und gar uneigennützige, weil vordergründig der Liebe und Freundschaft und Tugend verpflichtete, Lebensweise vergessen zu machen. Diese Technik der psychischen Kompensation unerwünschter Anteile des Selbst wird zum Beispiel im Neuen Testament fortwährend in Szene gesetzt und als Mittel zur Linderung der (psychischen) Not anempfohlen.
Darüber hinaus entsteht in der Regel ein unbewußt einsetzender Reflex, dem es geschuldet ist, daß die Mitglieder eines unterdrückten Kollektivs nicht nur jegliche Selbstverantwortung im Namen einer höheren Macht, etwa im Namen Gottes, von sich weisen, sondern auch alle Schuld prinzipiell anderen zuweisen. Dieser „psychische Mechanismus“ sorgt zuverlässig dafür, daß aus den Opfern von gestern die Täter von heute werden, sobald ein Gegenüber gefunden ist, das sich als Feindbild bzw. als Sündenbock eignet, also als Projektionsfläche des eigenen psychischen „Schattenanteils“ (Schatten im C.G. Jungschen Sinn). Das ist das Gefährliche und Tückische an der Sache: Sowohl das kollektive Empfinden der Mangelhaftigkeit als auch die Techniken zur psychischen Abwehr und Kompensation dieses Empfindens bilden das immaterielle Erbe aller durch eine Herrenmoral dauerhaft Unterdrückten bzw. durch eine Sklavenmoral Konditionierten (das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung).
Nietzsche schreibt: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein nein zu einem „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“12
Die Sklavenmoral setzt sich absolut, indem sie alles außerhalb ihrer selbst negiert, – indem sie die Werte der Herrenmoral mit dem Stigma des Bösen versieht, gemäß der Logik: Was böse ist, darf nicht sein. Die Sklavenmoral ist die genaue Umkehrung der Herrenmoral, die Werte der Moralen sind diametral entgegengesetzt.
Herren- und Sklavenmoral bilden die Struktur des europäischen Wertesystems und sorgen durch ihren Widerstreit für den Fortgang der Geschichte. Im Vollzug ihres geschichtlichen Widerstreits ringen, nunmehr schon seit Jahrtausenden, Generationen von Herren- und Sklavenkasten, Herrschenden und Beherrschten, Recht-Setzenden und Rechtlosen, Freien und Unfreien, Besitzenden und Besitzlosen um Macht. Dieser Machtkampf, zu dem auch das (meist vergebliche) Ringen der durch eine Sklavenmoral Konditionierten um Emanzipation von der eigenen moralisch-psychischen Disposition gehört, wurde und wird von vielfachen Krisen, Konflikten, (Bürger-)Kriegen und, in der Neuzeit, auch von Revolutionen geprägt.

 

Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

„Ich verstehe unter ‚Moral‘ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Friedrich Nietzsche

„Moral“ ist ein von einer geistigen Elite oder von einzelnen zum Zweck der Gliederung der Gesellschaft und der Kontrollierbarkeit der Mehrheit geschaffenes, aus höchsten Werten und diesen diametral entgegengesetzten „Unwerten“ (Erich Neumann) hierarchisch konstruiertes Wertesystem; aus Werten, denen, sobald zur Herrschaft gebracht, normative Geltung zukommt, und deren Inhalt und Form durch die Lebensbedingungen eines Volks bzw. eines Individuums immer wesentlich mitbestimmt werden. Moralverursachte Krisen entstehen, sobald ein herrschender Wert, zum Beispiel ein Ideal, einer Veränderung im Wege steht – genauer: entgegenwirkt –, die für einen einzelnen oder für ein Kollektiv von existentieller Bedeutung ist; sie dauern, bis sich ein der eingetretenen Veränderung gemäßer Wertewandel vollzogen hat, in der Regel also ziemlich lange.
Wer vermag schon alte Überzeugungen und Gewohnheiten von heute auf morgen loszulassen, wer verzichtet schon auf vermeintlich unverzichtbare Privilegien? Nein, meistens hält man während eines Wertewandels, bewußt oder unbewußt, noch einige Zeit an dem Wert, der sich „überlebt“ hat, fest, obwohl die Bewältigung der Krisensituation dadurch verhindert, der Umbruch blockiert wird. Etwa, wenn sich bei einem reaktionären Geist ein Wandel der inneren Einstellung vollzogen hat und er an einer Tradition aus Angst oder Gewohnheit festhält, obwohl er an den Folgen psychisch erkrankt. Oder wenn ein Apologet des Fortschrittsglaubens in einer gesellschaftlichen Krisensituation wider besseres Wissen ausschließlich auf moderne Ideale als Mittel der Bewältigung setzt, obwohl die Krise dadurch nicht überwunden, sondern verlängert wird.
Dieses regelmäßig wiederkehrende Phänomen – das widersinnige Festhalten von einzelnen und Gruppen am Unzweckmäßigen, Dysfunktionalen – beruht nicht in erster Linie auf menschlichem Unvermögen, sondern auf der Wirkung der Moral. Ideale, Prinzipien, Tugenden sind ja nicht etwas, das man sich nach Belieben anschafft und ablegt. Im Gegenteil. Einmal zur Herrschaft gelangt, fordern sie unbedingten Gehorsam. Jede Moral befiehlt, alle herrschenden, moralisch sanktionierten Werte sind Imperative. Sie sind nicht relativierbar; sie tyrannisieren! –
Was sind moralisch sanktionierte Werte? Idealvorstellungen vom Menschen, die man jenseits von Werden und Vergehen als höchste unveränderliche Leitbilder eines richtigen und guten Lebens aufgestellt hat, als Sinn und Zweck des Lebens jedes einzelnen. Was sind moralisch sanktionierte Werte? Die um das herrschende Menschideal gruppierten Normen richtigen und falschen Verhaltens, die unbedingte Geltung beanspruchen und, einmal internalisiert, zu psychisch wirksamen Verhaltensimperativen „mutieren“ – zu den Geboten und Verboten des Über-Ichs –, die das Verhalten jedes einzelnen großteils ohne Mitwirkung des Bewußtseins steuern.
Was sind herrschende Werte? Verabsolutierte „Einzelaspekte des Gesamtaspekts Mensch“ (Nietzsche), die auf Kosten aller anderen Seinsmöglichkeiten des Menschen herrschen, bis sie durch andere Werte respektive „Werteplacebos“, die zur Herrschaft gelangen, gewaltsam verdrängt und ersetzt werden: sei es im Vollzug von Wirtschaftskriegen oder politisch-sozialen Revolutionen, sei es durch technische Neuerungen oder klimatische Veränderungen. (Unter „Werteplacebos“ verstehe ich alle gehaltlosen, weder Verstand noch Gefühl noch Instinkt nährenden „Glasperlen des Geistes“, zum Beispiel Börsenkurse.)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß moralbedingte Umwälzungen in der Regel große Erschütterungen auslösen und als Krisensituationen wahrgenommen werden. Ich präzisiere meine Definition: Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels. Sie dauern, bis sich eine (geschichtliche) Wende, ein Umbruch, eine Machtverschiebung im herrschenden Wertegefüge vollzogen hat und eine Neuordnung der Machtverhältnisse erfolgt ist.

Politische Krisen, an denen mehrere Konfliktparteien beteiligt sind, führen aber nicht immer zu einer Neuordnung der Macht, sondern mitunter zur Wiederherstellung des Status quo, wie er vor dem Ausbruch der Krise geherrscht hat. Daß eine Wiederherstellung des Status quo ante tatsächlich möglich ist, bezweifle ich aber. Meiner Einschätzung nach bedeutet eine Wiederherstellung des früheren Zustands immer auch die Inkaufnahme von Machtverschiebungen, die anfangs eventuell noch nicht sichtbar sind, aber nach und nach in Erscheinung treten und sich auf die eine oder andere, oftmals überraschende, Weise auswirken.
Aus machiavellistischer Perspektive ist es selbstverständlich Unsinn, Krisen nur als (politischen) Notstand, als etwas Negatives zu begreifen. Vielmehr stellt eine gezielt herbeigeführte innen- oder außenpolitische Krisensituation ein besonders effektives und von den Herrschenden daher gern eingesetztes Mittel dar, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten oder auszubauen, eine Veränderung der Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil herbeizuführen. Wirtschafts- und Finanzkrisen werden dazu genutzt, den Abbau sozialstaatlicher Strukturen voranzutreiben und strukturelle Veränderungen des politisch-industriellen Machtkomplexes durchzusetzen, die den Interessen der Bevölkerungsmehrheit zuwiderlaufen.
Die ökonomischen Zusammenhänge, wie sie etwa von Karl Marx analysiert und beschrieben worden sind, interessieren hier jedoch nur am Rande. Mein Thema ist die moralbedingte Krise. Ich lege dar, warum sie zu einem Dauerzustand in den modernen westlichen Gesellschaften geworden ist.

 

 

Auszug I aus „Wir sind Krise“, Band I

Erstes Kapitel · „Krise? Welche Krise?“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlin

I.
Die Krise der modernen westlichen Gesellschaften dauert an. Sie brach seit dem Ausgang der Reformation in immer kürzeren Abständen über die westliche Welt herein und hat sich schließlich in der bürgerlich-liberalen Welt festgesetzt, also im Machtbereich der von der Bourgeoisie jahrmarktartig betriebenen „Pluto-Demo-Kratie“. Sie bezeichnet das Endstadium einer langwierigen Auflösung des europäischen Wertegefüges, der Auflösung nicht nur der aristokratischen, sondern sämtlicher moralisch sanktionierten Werte. Sie gehört zur Hypermoderne, zur heutigen Phase der Moderne, wie das Amen zur Kirche. Sie ist gefräßig und allgegenwärtig.
Symptomatisch für den Dauerzustand der Krise in der Hypermoderne ist ein Empfinden, das sich in den westlichen Gesellschaften hartnäckig hält: das kollektive Empfinden, geschichtlich an ein Ende gelangt zu sein. An einen geschichtlichen Wendepunkt, über den man nicht hinauskommt. Es ist das Ahnen eines entscheidenden Umbruchs, der spürbar, aber noch nicht greifbar ist; der sich dem Begreifen noch entzieht und daher unbewältigbar erscheint.
Andererseits hat die „Krise“ schon etliche Ausdeutungen erfahren und trägt viele Überschriften. Eine Auswahl: das „Versagen der metaphysischen Sicherungssysteme“1; das „Ende der Geschichte“2; „Das wird jetzt zunehmend eine Welt, die nicht mehr regierbar ist“3; „Gott ist tot“4; „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“5; „(…) eine völlige Unsicherheit hinsichtlich Moral“6; „Endzeit? Die Zukunft der Geschichte“7; „Unser Boden ist nicht der Rechtsboden, es ist der revolutionäre Boden“8; „Logik der Rettung“9; „Der Untergang des Abendlandes“10; und natürlich darf auch die Überschrift „Die letzte Krise“11 in dieser Aufzählung nicht fehlen.
So unterschiedlich die Befunde und Schlußfolgerungen im einzelnen auch ausfallen; und unabhängig davon, ob die Verfasser einen gesellschaftlichen Wertewandel konstatieren oder zu einem gewaltsamen Umsturz aufrufen, um die Überwindung der ihrer Einschätzung nach überkommenen respektive verkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse in Aussicht zu stellen, – in einem entscheidenden Punkt stimmen sie doch überein: in der Diagnose nämlich, daß sich die modernen bzw. die postmodernen westlichen Gesellschaften in einem Krisenzustand befinden.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise wird diese Diagnose, auch wenn sich die Deutungen zum Teil widersprechen, heute in der Regel als zutreffend angesehen und nur noch von unbelehrbaren Technokraten, Pseudopolitikern, Pseudojournalisten und allen anderen Profiteuren des Kapitalismus in Frage gestellt und bestritten. Von den Hardlinern des herrschenden Systems mit einem Wort, die sich dem Phänomen Gesellschaftskrise bzw. Gesellschaftswandel durch die „Magie der Verdrängung“ auch heute noch entziehen können – und das Offensichtliche daher aus innerer Betriebsblindheit leugnen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit den Anschein erwecken, sachlichen Argumenten zugänglich zu sein.

Daß eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation von der Bevölkerung in der Regel als etwas Bedrohliches und Gefährliches wahrgenommen wird und nur selten als eine willkommene Chance, positive Veränderungen herbeizuführen, resultiert nicht nur aus den schlechten Gewohnheiten und der geistigen Passivität der „Masse“ (vgl. Aph. 95, S. 284), sondern auch aus dem Wissen, daß sich Gesellschaftskrisen auf das Leben der meisten bislang eher negativ ausgewirkt haben.
Man denke nur an die Wirtschaftskrisen des kapitalistischen Systems, deren Auswirkungen – ganz im Sinn der Profiteure – meist zu massenhafter Verarmung, mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen (z.B. in der Gründungsphase der Weimarer Republik) oder auch zu gewalttätigen Konflikten führten, sobald die Herrscherelite einer krisengebeutelten Nation ihr Heil in einer aggressiven Außenpolitik suchte. Manchmal führte eine Krise auch direkt in die Katastrophe, wie die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigt.
Trotzdem eröffnet sich in Krisensituationen immer auch die Chance, eine für den einzelnen bzw. für die Gesellschaft günstige Wendung oder heilsame Veränderung herbeizuführen (auch den politisch-sozialen Revolutionen ist ja immer eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation vorausgegangen, nicht wahr?). Alles kommt darauf an, wie eine Krise gedeutet und von wem ihre Überwindung organisiert wird, ob die dafür adäquaten Mittel gefunden und eingesetzt werden oder nicht.
Ich versuche eine Definition: Krisen gehören zur Struktur des westlichen Wertesystems und bezeichnen geschichtliche Wendepunkte; jene Phasen eines (moralischen) Umbruchs – eines Wertewandels –, in denen sich weitreichende Veränderungen im herrschenden Wertegefüge vollziehen.
Der Satz läßt sich auch auf Finanzkrisen anwenden, weil Wirtschafts- und Finanzsysteme immer nur ein ins Materielle verlagerter Ausdruck der herrschenden Moral bzw. Unmoral sind: weshalb der gewaltige Verlust oder eine gewaltige Umverteilung materieller Werte nichts anderes als eine Erschütterung der bestehenden Werteordnung bedeutet (so gesagt, um die Sichtweise der Anhänger des historischen Materialismus mal auf den Kopf zu stellen).

Ein Kennzeichen der allgemeinen Auflösung der Werte ist das Aufkommen von Nihilismus und Pessimismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis heute weit verbreitet sind. Allerdings muß man den Nihilismus in seiner positiven Ausprägung – als eine individuelle Lebenshaltung, die alle Werte heroisch verneint – natürlich streng vom defätistischen „Nihilisieren“ aller Dinge sowie vom passiven Erleiden der ätzenden Wirkung des „europäischen Nihilismus“ (Nietzsche), als den typischen Verhaltensweisen der großen Menge in Sachen Nihilismus, unterscheiden, sofern sie von diesem überhaupt berührt wird. (Unheimlich, aber wahr: das europäische Jahrtausendereignis, der „Tod Gottes“ (Nietzsche), wird von vielen bis heute nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn, daß man sich darüber Gedanken gemacht hätte, welche Folgen dieser innerpsychische „Verlust“ nach sich zieht.)
Wie sich zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 als „Bankenkrise“ (deutsche Medien) ihren Ausgang nahm, anschaulich beobachten ließ, lösen gesellschaftliche Krisensituationen bei vielen zunächst nichts als reflexartige Abwehr und großes Wehgeschrei aus. Nach der Erholung vom ersten Schock tut man dann alles dafür, das flüchtig Erfaßte so schnell wie möglich zu vergessen oder vielmehr zu verdrängen und geht zur Tagesordnung über, also zur kadavergehorsamsmäßigen Erfüllung der Alltagspflichten oder auch zur ritualisierten „Selbstauslöschung“ – etwa durch steten Fernsehkonsum (Fußball!). Gleichzeitig beginnt man, nach geeigneten Sündenböcken Ausschau zu halten („die faulen Griechen“), denen man die Schuld ganz bequem vom Fernsehsessel aus in die Schuhe schieben kann, ohne das eigene vollends irrationale Verhalten zu erfassen oder, sofern es dem einen oder anderen bewußt wird, in Frage zu stellen.
Daß man dadurch den Brand der Dauerkrise schürt, sich ihm gleichsam als Brennmaterial in den Rachen wirft, kommt diesen Leuten daher nicht in den Sinn. Mir schon. Das ist auch ein Grund dafür, daß ich über das Phänomen „Krise“ schreibe; ein anderer, wichtigerer Grund dafür ist, daß ich mich als Teil der moralbedingten Krise begreife. Ich bekenne, daß mein Leben phasenweise ein einziger ununterbrochener Krisenzustand war, ein Zerrissen-gewesen-sein zwischen den Anteilen meines Selbst: zwischen Verstand und Gefühl, Ichbewußtsein und Unbewußtem, Liebes- und Haßgefühlen. Obwohl es mitunter unerträglich war, habe ich den Zustand bis zur bitteren Neige ausgekostet. Bis zur Selbstzerfleischung habe ich ihn ausgehalten, kroch immer tiefer in ihn oder vielmehr in mich hinein und wühlte mich wie ein Maulwurf durch mein Selbst, bis ich eines Tages auf der anderen Seite glücklich herausgekommen bin.