Wie kann ein richtiges demokratisches System aussehen? Ein Gedankenanstoß

Daß ich mich, nunmehr bereits seit Monaten, mit zahlreichen gegen mich gerichteten Attacken einer im Bereich „rituelle Gewalt“ tätigen schwerkriminellen Organisation herumschlagen muß, die, versteht sich,  ihre infamen Aktivitäten fast ganz ohne Risiko durchführen kann, ist der Anlaß dafür, daß ich den folgenden Textauszug veröffentliche. Dieser stammt aus dem zweiten Band des Wissenschaftsessays Wir sind Krise, der zu gegebener Zeit in der Reihe Bücher für Alle & Keinen erscheinen wird.

(…) Weil es mein Anliegen ist, auch in politischer Hinsicht einen Beitrag zur Debatte um die aktuelle Gesellschaftstransformation beizusteuern, entwickle ich im folgenden eine politische Konzeption, die der Aufklärung verpflichtet ist. Da ich kein Jurist bin und meine Bemühungen, mit Experten über die Konzeption ins Gespräch zu kommen, fruchtlos blieben – diesbezügliche Anfragen an freie Träger, etwa an solche im Berliner „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ ansässige, verliefen ins Leere –, möge man mir etwaige handwerkliche Mängel nachsehen. Als Philosoph sah ich es ohnehin nicht als meine Hauptaufgabe an, ein juristisch wasserdichtes Traktat abzuliefern, das dem Anspruch versierter Paragraphenreiter genügt; mir ging es in erster Linie darum, diese Konzeption im Geist jener Aufbruchstimmung zu verfassen, die zwischen 1990 und 2000 im Ostteil Berlins um sich griff und von der wir, Intellektuelle und Künstler aus Ost und West, umgetrieben wurden. Auch wenn aus dem geistigen Neubeginn bekanntlich nichts wurde und es rückblickend sogar irrational erscheint, daß wir einen solchen verfolgten: – In dieser kurzen Zeitspanne schien er greifbar zu sein.

Zur Einstimmung und Erinnerung: Die philosophisch-psychologische und politisch-ökonomische Vernunft fordert die Etablierung eines neuen ökonomischen Systems, weil das kapitalistische die Verwirklichung dringend erforderlicher Maßnahmen fortlaufend hintertreibt: etwa das Austrocknen der Steueroasen, die Regulierung der Finanzmärkte oder auch die Durchsetzung effektiver Umweltschutzmaßnahmen. Soviel sollte inzwischen selbst den „Vollideologen“ unter den Politikern klargeworden sein, und es darf auch als gegeben angesehen werden, daß der wissenschaftlich fundierte Bericht Die Grenzen des Wachstums, der vom „Club of Rome“ herausgegeben wurde, vielen der Herrschaften bekannt ist.
Wie auch immer, ist der unauflösliche Zusammenhang zwischen der nationenübergreifend dauerhaft vollstreckten Steigerung des Wirtschaftswachstums und der daraus resultierenden totalen Verwüstung der Umwelt erst einmal erkannt, ist es nur noch ein kleiner Schritt, einzusehen, daß ein Miteinander von Kapitalismus und richtiger Demokratie nicht möglich ist. Was geschieht, wenn man Kapitalismus und Demokratie verbindet, zeigt sich anschaulich am jämmerlichen Zustand der heutigen repräsentativen Demokratie in den westlichen Gesellschaften. Dieses politische System taugt erwiesenermaßen weder dazu, die in der Verfassung verankerten Grundrechte politisch durchzusetzen, noch dazu, den Willen der Gesamtbevölkerung zu erfassen und zu berücksichtigen, diesem politisch Ausdruck zu verleihen. Fataler noch, es dient letztlich der Durchsetzung und Aufrechterhaltung eines Ungleichheit und Unfreiheit erzeugenden, die Profitmaximierung über alles andere stellenden ökonomischen Systems.

Das wissen natürlich auch viele der heute Regierenden – Spitzenpolitiker und hohe Beamte etwa –, und lassen dennoch alles so weiterlaufen wie bisher. Aus Kalkül, sicherlich. Aber eben nicht nur aus Kalkül. Denn etwas anderes, Abgründigeres, ist vielen dieser Leute eben nicht bewußt: Daß sie, moralbedingt, psychisch Gespaltene sind (vgl. Wir sind Krise, Band I)! Daß ihr Verhalten, psychologisch gesehen, als irrational eingestuft werden muß, weil ihr Machtstreben und krampfhaftes Anhaften an der Macht vor allem der dauerhaften Verdrängung der von ihnen in der Kindheit erlittenen Traumata sowie der Kompensation der Traumafolgestörungen dient. Wüßten sie, daß ihr Machtstreben der Aufrechterhaltung ihres „falschen Selbst“ auf Kosten ihres „wahren Selbst“ (A. Miller) dient; wüßten sie, fühlten sie, daß sie nur die „ausführenden Organe“ der Imperative eines durch umfangreiche Prozesse der Konditionierung in ihnen verankerten Über-Ichs sind, das die Entfaltung ihres wahren Selbst dauernd gewaltsam verhindert – sie würden vor Wut und Schmerz aufheulen, all ihre Privilegien augenblicklich fahren lassen und sich ganz der Befreiung ihres wahren Selbst widmen. Aber ach, die meisten wissen es nicht, ahnen es nicht einmal, aus schon genannten Gründen: Sie haben den Verlust ihres wahren Selbst verdrängt.
Die wissenschaftliche Arbeit Alice Millers ergänzend, führt der Psychotherapeut Heinz Peter Röhr aus: „(…) Wurde das Herz des Kindes gebrochen, wurden seine Gefühle geraubt, besteht nun sein Dasein darin, eine funktionierende Marionette sein zu müssen, die auch dann den Vorgaben der Eltern gehorchen muß, wenn diese längst nicht mehr anwesend sind. Die frühe, extrem prägende Zeit, während der die Verletzung stattfand, verursacht nämlich eine verhängnisvolle Dynamik: Das Drama besteht darin, daß Menschen das, was die Eltern ihnen antaten, zukünftig sich selbst antun. Die Kälte, mit der die Eltern ihnen begegneten, die Mißachtung wahrer Bedürfnisse, das Verbergen von echten Gefühlen werden zum erworbenen Bestandteil der Persönlichkeit. Nur was gelebt werden kann und darf, kann sich auch entwickeln. Gefühle, die nicht gelebt werden dürfen, bei der narzißtischen Störung sind es insbesondere Wut- und Ärgergefühle, möglicherweise auch Angst und Schmerz, aber auch Lust und Freude, können sich nicht entwickeln und können auch nicht ,kultiviert‘ werden. Anstelle des wahren Selbst entsteht das falsche Selbst.(…)“64

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Auch auf die Gefahr hin, als ein hoffnungsloser Idealist oder Schlimmeres abgestempelt zu werden, und zwar von Vertretern aller politischen Lager, lege ich eine politische Konzeption vor, die eine Umstrukturierung des in der BRD herrschenden politischen Systems vorsieht. Die entscheidende, in der Konzeption geforderte Neuerung besteht darin, ein weiteres politisches Organ – ich nenne es „Bundessenat“ – auf dem Spielfeld der hiesigen Demokratie zu etablieren, um ein Gegengewicht zum Parlament und zur Regierung zu schaffen; ein politisches Organ, das dazu verpflichtet ist, Regierung und Parlament bei der Ausübung ihrer gesetzgebenden Macht fortwährend zu kontrollieren und zu einer vernünftigen demokratischen Kompromißbildung zu zwingen.
Die wichtigste Aufgabe des Bundessenats bestünde darin, die Verabschiedung demokratisch unausgewogener und verfassungsrechtlich fragwürdiger Gesetzesentwürfe augenblicklich zu blockieren und dem Parlament umstandslos zur weiteren Bearbeitung aufzuzwingen (für diese Zwecke reichte es aus, den Bundessenat mit einem Vetorecht auszustatten). Dadurch wären die Parlamentarier gezwungen, ihre Entscheidungen stets auf der Grundlage der Verfassung zu treffen und der Idee der richtigen Demokratie zu dienen, d.h. grundsätzlich so lange um eine Entscheidung zu ringen, bis ein politischer Kompromiß zustande kommt, der soweit wie nur irgend möglich die Totalität aller gesellschaftlichen Momente abbildet, also die Interessen aller Bevölkerungsschichten in ein möglichst ausgewogenes Verhältnis bringt.
Um das Ganze zu veranschaulichen: Die Basis dieses politischen Systems bildeten die indirekte Demokratie – Wahl des Parlaments – und die direkte Demokratie – Wahl des Bundessenats –; die Mitte bildete eine Oligarchie, die aus all den nach Einfluß strebenden Interessengruppen und Einzelinteressen bestünde (aus Unternehmen, Verbänden, mächtigen Personen usw.); die Spitze aber bildete der Bundessenat, also eine durch direkte Wahlen demokratisch legitimierte Geistesaristokratie (vgl. M. Wende, Metaphysik und Mensch, Das System der Philosophie von Hegel und die Eröffnung der Möglichkeit des Menschen, III. Spezielle Metaphysik, 19. Grundlegung der philosophischen Rechts- und Staatstheorie, Aletheia-Verlag Berlin 1994, S. 259 unter 3.).
Damit das System der richtigen Demokratie funktionierte, würde der Bevölkerung vom Bundessenat und vom Parlament eine sichere Internetseite zur Verfügung gestellt, auf der jeder Stimmberechtigte fortlaufend über gesellschaftlich relevante Themen, die im Parlament verhandelt werden, abstimmen kann. Auf diese Weise wäre gewährleistet, daß der Wille der Bevölkerung den Abgeordneten stets bekannt ist.

Das Aufgabengebiet des Bundessenats ließe sich, falls erforderlich und von der Bevölkerung für richtig befunden, zum Zweck der Stärkung der Demokratie selbstredend erweitern. Man könnte den Bundessenat etwa dazu verpflichten, folgende weitere Aufgaben anzugehen:
a) jede demokratiefeindliche Konzentration von Macht, wie die „Herrschaft des Kapitals“, öffentlich anzuprangern und Regierung und Parlament dazu zu zwingen, die rechtliche(n) Voraussetzung(en) dafür zu schaffen, daß der Mißstand beseitigt werden kann (wie die „Corona“-Pandemie lehrt, muß dem Bundessenat auch die Möglichkeit offenstehen, es zuzulassen, daß bestehende Grundrechte in Krisenzeiten wie der heutigen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden);
b) dafür Sorge zu tragen, daß in Deutschland ein nachkapitalistisches Wirtschaftssystem eingeführt werden kann, in dem nicht die Profitmaximierung an oberster Stelle steht, das gänzlich ohne Spekulation funktioniert und ein ökologisch nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht (den Finanzsektor könnte man als virtuelle Welt in Gänze ins Internet überführen, so daß jene, die davon nicht lassen können oder wollen, sich dort weiter betätigen und um virtuelles Geld spielen können, dem ein vorher festgelegter Realwert zugewiesen wird);
c) den Weg dafür zu bahnen, daß eine internationale Expertenkommission damit beauftragt werden kann, einen „Marshallplan zur Rettung der Erde“ zu entwickeln;
d) darauf hinzuwirken, daß auf europäischer Ebene ein mit ähnlichen Rechten und Pflichten wie der Bundessenat ausgestatteter „EU-Senat“ institutionalisiert werden kann;
e) Regierung und Parlament dazu zu zwingen, die Bürger durch die Schaffung einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage vor (staatlicher) Überwachung zu schützen;
f) R.u.P. dazu zu zwingen, die gesetzliche Grundlage dafür zu schaffen, daß deutschlandweit mindestens zwei „autofreie Tage“ in der Woche eingeführt werden können (für Rettungsdienste, Feuerwehren, Baustellenfahrzeuge, Lieferfahrzeuge usw. müssen natürlich Sonderregelungen geschaffen werden); denkbar wäre, allen, die an einem solchen Tag partout nicht aufs Autofahren verzichten wollen, die Möglichkeit zu schaffen, eine Sondererlaubnis für 1500 €/24 h zu erwerben;
g) dafür zu sorgen, daß der Tierschutz ausgeweitet wird, Tierversuche möglichst ganz verboten werden und die durch Massentierhaltung und Massentierschlachtung industriell betriebene Fleischproduktion deutlich reduziert wird;
h) R.u.P. zu einer gerechten, demokratisch ausgewogenen Steuergesetzgebung zu zwingen;
i) dafür zu sorgen, daß die Steueroasen ausgetrocknet und effektive Umweltschutzmaßnahmen durchgesetzt werden können. (Die Aufzählung ist unvollständig.)

(Darüber hinaus wäre es auch denkbar, den Bundessenat mit der Aufgabe zu betrauen, eine noch weitergehende Umstrukturierung des politischen Systems vorzunehmen, falls dies von der Bevölkerung gefordert wird. Man könnte etwa die momentan etablierte demokratisch-parlamentarische Praxis dahingehend verändern, in diese als leitendes Prinzip der Kompromißbildung die Dialektik zu integrieren, so daß die Parlamentarier zukünftig dazu gezwungen wären, aus den im Parlament verhandelten, notwendig einseitig verfaßten Thesen und Antithesen stets Synthesen zu generieren: – dies immer auf der Grundlage der Menschenrechte und der in der Verfassung garantierten Grundrechte. [In welcher Weise die Dialektik als leitendes Prinzip in die heute bestehende parlamentarische Praxis integriert würde, ließe sich vorab im Rahmen eines Modellprojekts konkretisieren.] Eine solche Umstrukturierung bedeutete aber eine so weitreichende Veränderung, daß ich darauf erst mal nicht weiter eingehe.)

Um diese Aufgaben verwirklichen zu können, müßte der Bundessenat vom „Souverän“, der Bevölkerung, mit folgenden Rechten und Befugnissen ausgestattet werden:
a) mit einem Vetorecht, durch das er jeglichen demokratisch unausgewogenen und verfassungsrechtlich fragwürdigen Regierungs- und Parlamentsbeschluß – auch vom Parlament beschlossene Verfassungsänderungen! – abschmettern, diese dem Parlament umstandslos zur weiteren Bearbeitung aufzwingen kann;
b) mit dem Recht, dem Parlament zu gestatten, bestehende Grundrechte in Krisenzeiten wie der heutigen „Corona“-Pandemie vorübergehend außer Kraft zu setzen;
c) mit dem Recht, Regierung und Parlament für die Dauer zweier Legislaturperioden verbindliche Vorgaben zu machen, die der gesellschaftlichen Verwirklichung der richtigen Demokratie dienen und von R.u.P. innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums zu erfüllen sind;
d) mit dem Recht zur Verhängung von Sanktionen, sofern R.u.P. die Vorgaben innerhalb des gesetzten Zeitraums nicht erfüllen. Denkbar wäre etwa, Parteien oder einzelne Abgeordnete für den Versuch, die Verwirklichung dieser Vorgaben zu hintertreiben, von der parlamentarischen Arbeit und Mitbestimmung für einen jeweils festzulegenden Zeitraum auszuschließen oder, bei besonders dreisten Verletzungen, für die gesamte Legislaturperiode. (Die Härte der Sanktionen bemißt sich an der Wichtigkeit einer Vorgabe für das Gemeinwohl. Wenn zum Beispiel die Überwindung des kapitalistischen Systems und die Einführung eines neuen Wirtschaftssystems von den Mitgliedern des Bundessenats mit dem Etikett „höchste Priorität“ versehen wird, müssen auch die Sanktionen für die versuchte Hintertreibung der Verwirklichung der Vorgabe(n) am höchsten ausfallen);
und e) mit der Befugnis, eine Stiftung aus steuerlichen Mitteln zu unterhalten, die der Finanzierung der Bezüge des Bundessenats dient.

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Daß man für die Verwirklichung dieser Konzeption einige Korrekturen und Ergänzungen in der Verfassung vornehmen müßte, spricht nicht gegen die Konzeption: Denn das Grundgesetz der BRD wurde ja von den Urhebern ausdrücklich nicht als unveränderlicher monolithischer Block geschaffen. Es muß vielmehr als eine in Teilen änderbare Fassung verstanden werden, sofern die vorgenommenen Änderungen die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ stärken.
Dieses Recht zur Änderung des GG wird daher durch den Art. 79 auch verbürgt. Der Art. 146 sieht außerdem vor, daß über eine Neufassung des GG durch eine Volksabstimmung entschieden werden kann. Die unter 2) dargestellte Umstrukturierung des politischen Systems könnte also unter der Voraussetzung, daß alle weiteren in der Verfassung festgelegten Vorgaben erfüllt sind, durch einen bundesweiten Volksentscheid in Kraft gesetzt werden.
(Es ist mir natürlich bewußt, daß man diese Konzeption angesichts der politisch-ökonomischen Weltlage als das Werk eines hoffnungslosen Idealisten abqualifizieren wird. Mir geht es aber darum, in dieser scheißreaktionären Zeit eine Lanze für die Demokratie zu brechen und dadurch zugleich eine konstruktive Kritik an den in Deutschland und Europa zementierten Machtverhältnissen auszuformulieren. Ich hoffe, daß der eine oder die andere durch die Konzeption inspiriert und vielleicht sogar dazu motiviert wird, sie zu verbessern oder eine bessere Konzeption zu entwickeln.)

Ich gehe davon aus, daß in einer richtigen Demokratie ein vernünftiges und den heutigen Gegebenheiten Rechnung tragendes In-Relation-Setzen der Grundrechte vorgenommen werden wird. So ist es zum Beispiel aus ökologischer Sicht längst unabdingbar, die massenhafte Autofahrerei in Deutschland, gerade auch in Großstädten und Ballungszentren, deutlich zu reduzieren. Nur wie? Auf welcher rechtlichen Grundlage? Ich denke, daß das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher einzustufen ist als das Recht, jederzeit Auto fahren zu dürfen. Und zwar, weil es evident ist, daß mehr Menschen in Deutschland an der Aufrechterhaltung ihrer Gesundheit interessiert sind, als Menschen existieren, die jederzeit Auto fahren wollen (das genaue Verhältnis ließe sich durch eine bundesweite Abstimmung eruieren). Abgesehen davon ist der Staat laut Verfassung ohnehin dazu verpflichtet, die körperliche Unversehrtheit der in der BRD lebenden Menschen zu gewährleisten. Entsprechend müßten in einer richtigen Demokratie mindestens zwei autofreie Tage in der Woche eingeführt werden.
An diesem Beispiel wird einmal mehr deutlich, daß die Etablierung einer richtigen Demokratie im Kapitalismus ausgeschlossen ist. Denn unter den Bedingungen der Herrschaft des kapitalistischen Systems ist eine vernünftige Auslegung und Anwendung des GG, wie soeben beschrieben, unmöglich, weil Politik und Staat in erster Linie den Interessen der Wirtschaft dienen, etwa denen der Automobilindustrie.
Man mag dies als eine unausweichliche Gegebenheit ansehen, ich tue es nicht. Vielmehr halte ich die Einbettung des Staats in das kapitalistische System seit der Einführung des GG für fragwürdig, weil es jenem Grundsatz widerspricht, der verlangt, daß der Staat „um des Menschen willen da sein“ muß (z.B. JöR 1951, 48; ebenso Herdegen MD 1; Starck MKS 12). Genauer gesagt: Da die Garantie der Menschenwürde samt dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit vom Staat gewährleistet werden müssen, müßte sich dieser, strenggenommen, für die Etablierung eines ökonomischen Systems einsetzen, das mit den genannten Grundrechten ohne Wenn und Aber vereinbar ist (diese Feststellung wird man als Verfassungslyrik abtun).

Die vorgeschlagene Umstrukturierung des politischen Systems widerspricht auch nicht der im GG vorgenommenen Normierung der Abgeordneten als „Vertreter des ganzen Volkes“. Denn das Repräsentationsprinzip würde durch die Etablierung des Bundessenats nicht etwa eingeschränkt oder gar abgeschafft, sondern optimiert. Erstmals wäre gewährleistet, daß die Abgeordneten nicht nur den Interessen einiger weniger einflußreicher Institutionen dienen, sondern ihrer Verpflichtung nachkommen, der gesamten Bevölkerung zu dienen. Das „Übergewicht der Regierung bei der Gesetzgebung“65 bliebe zwar erhalten, doch wäre die Regierung erstmals gezwungen, die Gesetzesvorlagen inhaltlich nicht nur am Willen der Regierungsmehrheit zu orientieren, sondern in diesen immer die Interessen der Gesamtbevölkerung zu berücksichtigen (die, versteht sich, im Zweifel stets durch eine bundesweite Abstimmung ermittelt werden können).
Und eine derartige Stärkung des demokratischen Systems erscheint heute, angesichts der politisch-ökologisch-ökonomischen Krisensituation und dem Umstand, daß die Interessen eines Großteils der Bevölkerung unter den Bedingungen der Herrschaft der repräsentativen Demokratie erwiesenermaßen nicht oder nur bedingt durchgesetzt werden können, von um so größerer Dringlichkeit, ja als unumgänglich. Oder will jemand irgendwann die Verantwortung dafür übernehmen, der Etablierung eines autoritären Herrschaftssystems in Deutschland durch Ignoranz und Untätigkeit Vorschub geleistet zu haben?

Abschließend noch einige grundsätzliche Erwägungen zum Thema „direkte Demokratie“. Da es sich bei den Artikeln unserer Verfassung nicht um Empfehlungen irgendeiner Ethikkommission handelt, sondern um verbindliche Normen und Grundrechte, müssen sie auch als solche verstanden und befolgt und entsprechend in politisches und staatliches Handeln umgesetzt werden.
Ich denke, daß aus der starken Betonung der Grundrechte, der in Art. 20 verbürgten Volkssouveränität, also der „freien Selbstbestimmung aller Bürger“ (BverfGE 44, 125/142; 107, 59/92), sowie aus dem Grundsatz, daß die Staatsgewalt nur vom Volk ausgeht und nur vom Volk ausgeübt werden darf, die Verpflichtung abzuleiten ist, der Bevölkerung eine möglichst weitreichende politische Einflußnahme zu ermöglichen. Und hierzu gehört in einer (richtigen) Demokratie eben auch die Möglichkeit direkter Willensäußerungen.
Daher sind Staat und Politik gehalten, der Bevölkerung auch auf Bundesebene eine politische Struktur zur Verfügung zu stellen, die Wahlen und Abstimmungen auf direktem Weg ermöglicht. Nur, wenn die Bevölkerung im Rahmen einer Volksabstimmung ausdrücklich auf die Inanspruchnahme direkter Willensäußerungen verzichtet, dürfen Staat und Politik eine politische Struktur etablieren, die den Weg direkter Willensäußerungen ausspart.

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Ob der Bundessenat als neues politisches Organ samt den unter 2) aufgelisteten Rechten und Pflichten in Deutschland ins Leben gerufen werden soll, kann und darf also als verfassunggebende Gewalt in letzter Instanz nur die deutsche Bevölkerung entscheiden – durch einen bundesweit durchgeführten Volksentscheid. Stimmt die Mehrheit dafür (einfache Stimmenmehrheit genügt), muß der Gesetzgeber die rechtlichen und politischen Voraussetzungen dafür schaffen, daß der Bundessenat als neues politisches Organ mit allen Rechten institutionalisiert werden kann.
Der Bundessenat besteht aus acht Mitgliedern, vier Frauen und vier Männern, die für die Dauer von acht Jahren von allen Wahlberechtigten direkt gewählt werden. Die Voraussetzungen für eine Kandidatur sind: Partei- und Konfessionslosigkeit; ein hohes geistiges Niveau sowie eine große persönliche Integrität; keine Schulden oder andere Verpflichtungen gegenüber Dritten; ein Mindestalter von 35 Jahren.
Außerdem müssen alle Bewerber für dieses Amt ein studium speciale absolviert haben, in dem sie a) in Grundlagen der Philosophie, Psychologie, Ökonomie und Geschichte geschult werden; b) in den Bereichen Politik und Verfassungsrecht geschult werden; c) die Kunst der Rede erlernen, u.a. Stegreifrede und Debating; d) gutes Deutsch und Englisch erlernen; e) sich einer Gruppentherapie mit körpertherapeutischer Ausrichtung unterziehen (Sinn und Zweck dieser Maßnahme ist es, die soziale Kompetenz, das Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit der Teilnehmer, Konflikte gewaltfrei und konstruktiv zu lösen, zu verbessern).
Über die Aufnahme der Bewerber entscheidet ein Eignungstest (ein IQ- und EQ-Test sowie ein psychologischer Test). Das Studium ist kostenfrei, geeignete Bewerber können ein Stipendium beantragen. Um Transparenz zu gewährleisten, müssen die Mitglieder des Bundessenats jeden dritten Monat in einer Sondersendung auf ARD oder ZDF Rechenschaft ablegen und sich den Fragen der „vierten Gewalt“ stellen.
Nach der politisch-gesellschaftlichen Verwirklichung einer der von ihnen gemachten Vorgaben setzen sie einen anderen „Punkt“ auf die politische Agenda, der im Sinn der demokratischen Gerechtigkeit verbesserungswürdig ist. Sobald sie ein politisches Konzept ausgearbeitet haben, in dem aufgezeigt wird, auf welche Weise der gesellschaftliche Mißstand behoben werden soll, übergeben sie es dem Bundesverfassungsgericht, das die Verfassungsgemäßheit prüft. Das Bundesverfassungsgericht fungiert nicht nur als Kontrollinstanz, sondern arbeitet dem Bundessenat bei Bedarf auch zu.

Bevor man gleich mit Einwänden kommt, erwäge man zuerst die Vorteile der hier vorgeschlagenen Umstrukturierung des politischen Systems (die Einsicht, daß das kapitalistische System ausgedient hat, setze ich hier voraus).
A) Alle demokratischen Grundprinzipien und Grundrechte blieben erhalten; man hätte das System von innen her „revolutioniert“, ohne die vielen Unwägbarkeiten in Kauf nehmen zu müssen, die ein revolutionärer Umsturz mit sich bringt.
B) Indem man indirekte Demokratie – Wahl des Parlaments – und direkte Demokratie – Wahl des Bundessenats – kombinierte, stärkte man das demokratische System.
C) Erstmals in der Geschichte der BRD würde der Art.1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ politisch verwirklicht, hätte der Staat die ihm durch das Grundgesetz zugewiesene Aufgabe, „um des Menschen willen da zu sein“66, wenigstens strukturell eingelöst. Die Herrschenden stünden somit von Anfang an vor dem Problem, mit welchem Recht sie eine Umstrukturierung des Systems ablehnen und bekämpfen sollen, die faktisch der Stärkung der „freiheitlich-demokratischen Ordnung“ dient.
D) Viele der Fähigsten, zur politischen Vertretung der Gesellschaft Geeignetsten, würden sich mit der Institutionalisierung des Bundessenats erstmals der Politik zuwenden, ein Amt als Bundessenator anstreben. (Es wird immer einzelne geben, die wegen ihrer geistigen Ausstattung und anderer glücklicher Umstände besonders geeignet sind, die Mehrheit nach innen und außen politisch zu vertreten und Vorbildfunktion zu übernehmen.)
E) Durch die Etablierung des Bundessenats würde das Ideal der geistigen Selbstverwirklichung wieder aufgerichtet, der Individualismus gestärkt und der scheußlichen Vermassung des hypermodernen Menschen entgegengewirkt.
F) Mit dem Beginn einer vernunftgemäßen politisch-ökonomischen Gesellschaftstransformation würden sich viele moral- und politikbedingte Depressionen der Bevölkerung, etwa die vielzitierte „Politikverdrossenheit“, in Luft auflösen, weil eine (zumindest teilweise) Identifikation mit Politik – der Kunst, ein Gemeinwesen oder eine Organisation zu führen und zu vertreten – wieder möglich, das politische Feld wieder interessant würde. Auch die sich im Zuge der neoliberalen Globalisierung immer weiter beschleunigende Zersplitterung der Gesellschaft in gänzlich apolitische (Interessen-)Gruppen und abstruse Parallelwelten würde verlangsamt oder sogar ganz aufgehalten, vielleicht entstünde sogar so etwas wie eine kollektive Aufbruchstimmung.
G) Wer als erster damit beginnt, ein nachkapitalistisches ökonomisches System politisch-gesellschaftlich zu etablieren, kommt auch als erster aus der dadurch zunächst notwendig entstehenden „ökonomischen Talsohle“ heraus.

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Das Ganze bedarf einiger Erläuterungen und Ergänzungen. Zur Erinnerung: Die Konzeption ist an erster Stelle als eine konstruktive Kritik an den hierzulande bestehenden Machtverhältnissen zu verstehen.
Um einen Wandel hin zu mehr Demokratie zu verwirklichen, reichte es aus, ein politisches Organ wie den oben beschriebenen „Bundessenat“ zu etablieren und dieses mit einem Vetorecht auszustatten; alles weitere ist nicht zwingend erforderlich, um eine wesentliche Verbesserung des hiesigen politischen Systems zu gewährleisten.
Man mag einwenden, daß es den Mitgliedern des Bundessenats zwangsläufig am nötigen Fachwissen mangeln werde, um alle Gesetzesvorschläge hinreichend beurteilen zu können. Ein solcher Einwand griffe zu kurz, weil der Bundessenat nicht über inhaltliche Details abstimmen soll, sondern ausschließlich über die demokratische Ausgewogenheit und Verfassungsgemäßheit der Gesetzesbeschlüsse.
Man wird einwenden, daß das politische System mit der Etablierung des Bundessenats lahmgelegt würde, weil der politische Entscheidungsspielraum dann viel zu eng bemessen sein wird, so daß, unter anderem, Mehrheitsbeschlüsse nicht mehr durchsetzbar seien. Das ist nur insofern richtig, als demokratisch unausgewogene Beschlüsse dann nicht mehr durchsetzbar sein werden. Es fällt sicher schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß das demokratische Grundprinzip der „Berücksichtigung der Interessen der Gesamtbevölkerung“ in einer richtigen Demokratie über allem steht, auch über den Interessen der Industrie.
Darüber hinaus wird man noch viele weitere „gute Gründe“ anführen, die gegen die politische Konzeption sprechen: die ökonomischen Zwänge etwa, die Gefahr des Terrorismus, die Politik der USA usw. usf.: Gründe lassen sich schließlich für alles finden (Hegel)!

Eine der Ursachen dafür, daß auch dieser Vorschlag auf großen Widerstand stoßen wird, ist psychologischer Natur. Es liegt daran, daß die Bevölkerungsmehrheit – gerade auch der Teil, der nur wenig oder nichts besitzt – von einer tiefsitzenden Angst vor Veränderung beherrscht wird. Weshalb? Begegnete man politischen Konzepten, die eine größere Selbstbestimmung des einzelnen in Aussicht stellen, unvoreingenommen, bestünde auch die Gefahr, daß die mühsam errichteten psychischen Abwehrmechanismen geschwächt würden und man mit den verdrängten Traumata in Berührung kommt – und genau das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern! Und wenn man an den Folgen erstickt!
Diese Dynamik der psychischen Abwehr vollzieht sich in allen gesellschaftlichen Schichten, also unabhängig davon, ob man etwas besitzt und in welche Klasse man hineingeboren wurde. „(…) Doch wer ist es eigentlich, der eifrig dafür sorgt, daß die Normen der Gesellschaft eingehalten werden, der die Andersdenkenden verfolgt, ans Kreuz schlägt – wenn nicht die richtig erzogenen Menschen? Es sind Menschen, die ihren seelischen Tod schon in ihrer Kindheit zu akzeptieren lernten und ihn erst spüren, wenn sie in den Kindern oder Jugendlichen dem Leben begegnen. Dann muß dieses Lebendige umgebracht werden, damit es sie nicht an ihren eigenen Verlust erinnert.(…)“67
Dieses „Umbringen des Lebendigen“ – das „Umbringen“ gesellschaftlich unerwünschter Gefühle, Gedanken, Ideen – wird von den Wächtern und Vollstreckern der herrschenden Moral – den Eltern, Erziehern und anderen Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Gewalt – fortwährend an allem verübt, was der herrschenden Meinung und den herrschenden Interessen widerspricht. Aus dieser Dynamik speist sich der irrationale Widerstand, der jedem noch so sinnvollen Veränderungsvorschlag seit jeher entgegensteht, entgegenwirkt.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Angesichts dessen ist die moralbedingte Dauerkrise gar nichts Negatives, sondern etwas durchaus Positives! Der gewaltige Arschtritt nämlich, der die Bevölkerung aus ihrem Dämmerzustand reißen könnte, der jeden mahnt und dazu ermuntert, sich endlich um die Befreiung des wahren Selbst zu kümmern, den Ausbruch aus dem inneren, aus Werten unsichtbar geschmiedeten Gefängnis – dem „Gehäuse der Krise“ (vgl. Wir sind Krise, Band I), dem Über-Ich, dem falschen Selbst – in die Tat umzusetzen.
Was ist die Dauerkrise? Das unübersehbare Zeichen dafür, daß das patriarchal geprägte Wertesystem ausgedient hat, daß es allerhöchste Zeit ist, mit der Überwindung der herrschenden moralischen Struktur und mit der Überwindung des Kapitalismus zu beginnen. Sie ist die dauernde Mahnung und Warnung, die jeden vor die Wahl stellt: Umkehr – oder Untergang. Selbstbestimmung – oder Knechtschaft. Aufbau einer lebensbejahenden und naturbewahrenden Kultur und Gesellschaft – oder Verwüstung der Natur und Menschennatur.
So gesehen, erfüllt die Dauerkrise einen tiefen, überlebenswichtigen Sinn; und vielleicht versteht man jetzt auch, wozu es einen Bundessenat geben soll? Geben muß? Es sind im westlichen Kulturkreis seit jeher einzelne gewesen, die der großen Zahl vorangegangen sind. Und es wäre in der heutigen politisch-ökonomisch-ökologisch äußerst prekären Situation höchst wünschenswert, wenn die zur politischen Vertretung und Führung der Gesellschaft Geeignetsten das Ruder in die Hand nähmen, es wenigstens nicht in Gänze den Unberufenen überließen. (…)

„Ritual abuse and mind control is happening.“

„Ritual abuse and mind control is happening. (…) Each case is a mini-Holocaust of torture.“ Joseph Schwartz, training therapist and supervisor at „The Bowlby Centre“, London

Die reaktionären, antiaufklärerischen Kräfte in Deutschland gewinnen, wie man weiß, immer mehr an Boden, so daß das gesellschaftliche Klima immer rauer wird. Davon profitieren natürlich auch all jene Organisationen und Kreise, die dafür verantwortlich sind, daß organisierte Formen der Gewalt wie „Mind-Control“ (Definition weiter unten im Essay) und „rituelle Gewalt“ auch hierzulande existieren. Sie profitieren davon, weil es in einem Klima der Angst und des Hasses leichter ist, die Erfahrungsberichte Betroffener in der Öffentlichkeit zu diskreditieren – etwa, indem sie behaupten, es handle sich bei diesen Berichten um nichts weiter als um die Einbildungen phantasiebegabter Irrer – und den Prozeß der Aufklärung über diese organisierten Formen der Gewalt, die dazu dienen, „Menschen mental zu versklaven“ (H.U. Gresch), zu verlangsamen.
Und nicht nur das. Es erleichtert diesen Kreisen leider auch das heimliche und unmittelbare Vorgehen gegen Betroffene. Durch die systematische Ausübung von Psychoterror beabsichtigen sie zum Beispiel, die Betroffenen zu retraumatisieren und so für immer zum Schweigen zu bringen.

Ich gebe hiermit  bekannt, daß ich zur Zeit selbst von einer solchen schwerkriminellen Gruppe terrorisiert werde. Sollten meinen Freunden oder Familienangehörigen in Zukunft irgendwelche unschönen Dinge widerfahren, oder sollten sie sogar bedroht oder terrorisiert werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß dies von eben jenem Personenkreis verursacht wird, der mir – als einem, der selbst einer Mind-Control-Programmierung unterzogen wurde -, nunmehr schon seit geraumer Zeit zusetzt. Diese Bekanntmachung habe ich an all jene Institutionen versendet, die an der Aufklärung über rituelle Gewalt beteiligt sind. Zudem habe ich die Hintergrundinformationen über „meinen Fall“ bei verschiedenen Personen hinterlegt.

Allen, die mehr über „Mind-Control“ und „rituelle Gewalt“ wissen wollen, seien folgende Seiten empfohlen: die Seite des Vereins Lichtstrahlen Oldenburg e.V. , die Seite des Infoportals Rituelle Gewalt und die Seite endritualabuse der US-amerikanischen Psychologin Ellen P. Lacter.
Zudem füge ich einen Essay an, in dem ich die Phänomene rituelle Gewalt und Mind-Control in einen Zusammenhang mit dem in der westlichen Welt seit Jahrtausenden gesellschaftlich sanktionierten Kindesmißbrauch stelle. Ich beziehe mich in diesem Essay auf drei wissenschaftlich fundierte Arbeiten: 1) auf das Buch Hypnose. Bewußtseinskontrolle. Manipulation des Psychologen Hans Ulrich Gresch, dessen in diesem Buch getroffene Kernaussage ich voll und ganz bestätigen kann, 2) auf Alice Millers Arbeit Du sollst nicht merken und 3) auf das Buch Ritual Abuse and Mind Control, The Manipulation of Attachment Needs, das vom renommierten „Bowlby Centre“ herausgegeben wurde und in wissenschaftlicher Hinsicht wohl mit zum besten gehört, was über diese Thematik veröffentlicht wurde.

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„(…) Damit bin ich bei einem zentralen Punkt für mein Thema angelangt: dem allgegenwärtigen, im Namen der Erziehung gesellschaftlich sanktionierten Kindesmißbrauch in der westlichen Welt.
Wer glaubt, daß die Methoden der „Schwarzen Pädagogik“ der Vergangenheit angehören, irrt gewaltig. Nie zuvor gab wissenschaftlich ausgefeiltere Methoden als heute, Kinder zu dressieren, also ihren Willen zu brechen und ihr „wahres Selbst“ durch ein „falsches Selbst“ (A. Miller) zu ersetzen. Zunächst eine Begriffsklärung. Alice Miller schreibt: „Unter der Schwarzen Pädagogik verstehe ich eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen.“
Das trifft es im Kern genau, auch wenn die Ziele mancher Organisationen darüber hinausgehen, zum Beispiel jene des Militärs, der Geheimdienste oder auch jene verschiedener destruktiver (Psycho-)Sekten und Kulte. Denn mit der Art von Dressur, die man im angelsächsischen Sprachraum torture-based mind control nennt, folterbasierte Bewußtseinskontrolle, will man aus Menschen nicht „bloß“ gehorsame Untertanen machen, sondern hörige Sklaven, die derart „programmiert“ sind, daß sie den in ihr Unbewußtes eingepflanzten Befehlen auch dann marionettengleich gehorchen, wenn es sie das Leben kostet oder wenn sie dafür ihre Integrität opfern müssen.
Es versteht sich von selbst, daß alle Organisationen und Institutionen, die Mind-Control-Experimente an Menschen durchgeführt haben und auch weiterhin durchführen, vehement abstreiten, derlei getan zu haben und zu tun; tatsächlich geschieht es aber, stets unter Ausschluß der Öffentlichkeit und häufig auch im Namen der „nationalen Sicherheit“!
Und weshalb geschieht es? Es existieren viele Motive, die solche Gruppen antreiben; ich will hier nur auf eines näher eingehen. Während des Kalten Krieges war das Militär überaus interessiert daran, auf ein Kontingent willenloser Befehlsempfänger zurückgreifen zu können, die man bei Bedarf auch in ein nuklear kontaminiertes Gebiet entsenden kann. Überhaupt das Militär: Seitdem man im Ersten Weltkrieg die Erfahrung gemacht hatte, daß viele Soldaten den Belastungen der modernen Kriegsführung an der Front nervlich nicht standhalten, weil sie binnen kurzem traumatisiert werden, ging man dazu über, militärische Spezialeinheiten zu entwickeln – die „SS“ war eine solche Spezialeinheit -, die auch noch unter den unmenschlichsten Bedingungen zuverlässig funktionieren soll(t)en (ausführliche Informationen zum Thema Mind-Control im Buch Hypnose, Bewußtseinskontrolle, Manipulation von Hans Ulrich Gresch, Teil 5: „Bewußtseinskontrolle im Kalten Krieg“).

Da es alles andere als einfach ist, ein Individuum in einen hörigen Sklaven zu verwandeln, beginnt man mit der Durchführung der folterbasierten Mind-Control so früh wie möglich, meint: Man setzt dieser brutalsten aller Dressurformen in der Regel bereits Kinder im Kleinkindalter aus. Was das für die Betroffenen bedeutet, kann man sich unschwer vorstellen: die Hölle auf Erden, das Über-sie-Hereinbrechen einer ununterbrochenen Abfolge schwerster psychophysischer Traumatisierungen.
Die „Bewußtseinskontrolleure“ (Gresch) – Ärzte, Psychiater und andere „Psychospezialisten“ – brechen in den Geist ihrer Opfer ein und zersplittern bzw. spalten das erst rudimentär entwickelte Selbst des Kindes in verschiedene Persönlichkeitsfragmente – „ego-states oder self-states“ genannt -, um diese ihren Wünschen entsprechend zu dressieren. Anschließend werden die dressierten Persönlichkeitsfragmente durch amnestische Barrieren vor der Entdeckung durch das Wach- bzw. durch das Ichbewußtsein des Kindes und späteren Erwachsenen geschützt. Dadurch wird sichergestellt, daß die bewußte Alltags- oder „Frontpersönlichkeit“ (Gresch) des Opfers von der an ihr vorgenommenen Mind-Control-Programmierung nichts ahnt und dem Anschein nach ein ganz „normales Leben“ führt.
In Wirklichkeit wird das Verhalten der Opfer aber von den dressierten und im Unbewußten verborgenen Persönlichkeitsfragmenten bestimmt, den schwertraumatisierten, gänzlich von Angst beherrschten Anteilen, die den Opfern in der Regel nur ein Leben auf Sparflamme erlauben, weil sie diese etwa dazu nötigen , einen Teil ihrer Gefühle fortwährend zu unterdrücken. Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Mind-Control-Programmierung besitzen diese Anteile außerdem die Macht, das Kommando über die Front- bzw. Ichpersönlichkeit an sich zu reißen und diese dazu zu zwingen, die von den Bewußtseinskontrolleuren im Zuge der Dressur eingepflanzten Befehle auszuführen, ohne daß sich die Ichpersönlichkeit daran später erinnern kann.

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Weil die Bewußtseinskontrolleure bei der Dressur eine Vielzahl ausgeklügelter Foltermethoden anwenden (vgl. die Definition der Mind-Control weiter unten), ist es keine Übertreibung, Mind-Control-Programmierungen in ihrer Grausamkeit mit den Menschenversuchen der Nazis zu vergleichen. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben die Nazis sogar selbst Mind-Control-Experimente an Kindern und Erwachsenen durchgeführt. Wenn dem so ist, dann darf es als sicher gelten, daß das amerikanische Militär die Aufzeichnungen der Nazis über diese Experimente an sich gebracht und ausgewertet hat. Darauf aufbauend, hat die CIA seit den 50ern dann selbst umfangreiche Mind-Control-Experimente durchgeführt – etwa im Rahmen des „Gehirnwäscheprojekts“ MKULTRA -, setzt diese höchstwahrscheinlich bis heute fort.
Viele der Mind-Control-Spezialisten – Psychowissenschaftler, Ärzte, Führungsoffiziere -, die hochrangige Funktionen bekleiden, halten sich nicht nur für eine auserwählte Elite, sondern stufen die Mind-Control-Programmierung auch als das beste, weil effektivste „Traingsprogramm“ der Welt ein, um aus dem schwachen und unbeständigen „Tier Mensch“ eine knallharte, sich jeder Situation blitzschnell anpassen könnende „Kampf- und Tötungsmaschine“ oder, je nach Eignung und Bedarf, einen vollends emphatielosen „Herrenmenschen“ – etwa einen skrupellosen Führungsoffizier – zu machen (wer die Dressur nicht durchsteht, der taugt halt nichts). Einige sind sogar stolz darauf, ihren Kindern die „Teilnahme“ an einem solchen Programm ermöglichen zu können (ja, so krank kann man sein!).
Derartige Gruppen existieren selbstverständlich nicht nur in den USA, sondern fast überall in der westlichen Welt. Sie spielen Gott und lieben es, im Geheimen zu operieren, obskure Geheimgesellschaften und destruktive Kulte zu gründen, sich in dunkle Roben zu hüllen, blutige Rituale durchzuführen. Ernst Jünger hat diesen Typus treffend charakterisiert: „(…) Ihm war die kalte, wurzellose Intelligenz eigen und auch die Neigung zur Utopie. Er faßte wie alle seinesgleichen das Leben als ein Uhrwerk auf, und er erblickte in Gewalt und Schrecken die Antriebsräder der Lebensuhr. Zugleich erging er sich in Begriffen einer zweiten und künstlichen Natur, er berauschte sich am Dufte nachgemachter Blumen und den Genüssen einer vorgespielten Sinnlichkeit. Die Schöpfung war in seiner Brust getötet und wie ein Spielwerk wiederaufgebaut. Eisblumen blühten auf seiner Stirn. Wenn man ihn sah, mußte man an den tiefen Ausspruch seines Meisters denken: ,Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!‘(…)“
Eisblumen blühen auf ihrer Stirn! Und man darf hinzufügen: Das eigentliche Ziel dieser Unmenschen ist die totale Verwüstung der menschlichen Natur, um auf den Trümmern ein von ihnen kreiertes vollends destruktives inneres Kontrollsystem zu errichten, durch das der Geist in Ketten gelegt werden soll.

Eines der Opfer vertritt die Ansicht, daß die meisten Techniken noch nicht ausgereift seien, sich noch im Versuchs- und Entwicklungsstadium befänden – und bezeichnet sich und die anderen Opfer daher als menschliche Versuchskaninchen. Wie weit die Mind-Control-Methodik inzwischen gediehen ist, wie erfolgreich die Bewußtseinskontrolleure heute darin sind, aus einem Menschen einen hörigen Sklaven zu machen – wer vermag das schon einzuschätzen? Eines sei jedoch zur Beruhigung gesagt: Den Persönlichkeitskern ihrer Opfer können sie nicht zerstören! Gresch führt aus: „(…) Das Opfer einer Bewußtseinskontrolle durch Persönlichkeitsspaltung ist also kein Roboter im technischen, sondern nur im fiktiven Sinn. Es unterwirft sich der Fiktion, ein Sklave ohne eigenen Willen zu sein, weil dies subjektiv die einzige Möglichkeit ist, lebenslänglicher Folter zu entgehen.“
Das Thema torture-based mind control würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen; daher sei abschließend die folgende umfassende Definition der US-amerikanischen Psychologin Ellen P. Lacter wiedergegeben, einer Expertin auf dem Gebiet komplexer Traumatherapie (ich bitte um Verständnis dafür, daß ich den Text im Original wiedergebe). „I define torture-based mind control as the systematic application of 1) acute torture, including pain, terror, drugs, electroshock, sensory deprivation, oxygen deprivation, cold, heat, spinning, brain stimulation, and near-death, and 2), conditioning, including coercive hypnosis, directives, illusions (staged tricks, film, stories), spiritual threats, manipulation of attachment needs, and classical, operant, and fear conditioning, to coerce victims to form altered mental states, including a) hyper-attentive blank slate (tabula rasa) mental states that arise spontaneously in response to perceived threat to physical survival, and are completely attuned to external stimuli, ready to do what-ever is needed to survive; b) self-states that spontaneously form in response to threat to psychic survival, that is, levels of mental anguish that exceed the tolerance of all previously existing ego-states, and that are mentally registered apart (dissociated) from previously existing ego-states; c) ego-states that develop more gradually through conditioning, all three of which are subjected to programmer strategies to define, control, and install within them perceptions, beliefs, fear, pain, directives, information, triggers, and behaviours, to force victims to do, feel, think, and perceive things for the purposes of the programmer, including execution of acts that violate the victims volition, principles, and instinct for self-preservation, and to cause ego-states that usually have executive control of mental functions (the host, front, or apparently normal personality) to have no conscious memory for the torture, conditioning, programming, controlled ego-states, or executed programmed behaviours. (…)“

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Vielleicht wundert sich jemand darüber, weshalb ich ein scheinbar abseitiges Gebiet wie die Mind-Control in diesem Buch überhaupt thematisiere? Aus verschiedenen Gründen. Um darauf hinzuweisen, daß Institutionen wie die Geheimdienste geltendes Recht im Namen der nationalen Sicherheit fortwährend brechen, auch im Inland. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie weit die Methoden inzwischen gediehen sind, die menschliche Natur wissenschaftlich-technisch zu manipulieren und zu verwüsten und durch eine künstliche „zweite Natur“ zu ersetzen.
Um zu zeigen, daß manche der Menschenversuche, wie sie von den Nazis in den KZs durchgeführt wurden, nicht etwa der Vergangenheit angehören, sondern unter veränderten Vorzeichen in den westlichen Zivilisationen fortgeführt werden, auch an Kindern! Um zu veranschaulichen, welch einen ungeheuren Aufwand gewisse Organisationen betreiben, gerade auch in finanzieller Hinsicht!, um Menschen in empathielose Killermaschinen – sog. Manchurian Candidates – zu verwandeln.
Vor allem aber, um darauf aufmerksam zu machen, daß es sich bei den Mind-Control-Experimenten nicht etwa um die Machenschaften einiger durchgeknallter Dunkelmänner handelt, also um eine vernachlässigbare Ausnahmeerscheinung in unserer Gesellschaft, wie man vielleicht glauben oder hoffen mag; sondern um die ekle Spitze des gesellschaftlich organisierten Kindesmißbrauchs in der Hypermoderne, um einen der vielen Auswüchse jenes seit Jahrtausenden im Namen der Erziehung gesellschaftlich sanktionierten und exekutierten Kindesmißbrauchs in der westlichen Welt.
Wie grausam die Mind-Control-Techniken auch sind, wie unvorstellbar sadistisch und geradezu abartig das alles auch ist, diese Art des Kindesmißbrauchs ist, im großen ganzen gesehen, nicht mehr als die konsequente Fortsetzung, Systematisierung, Perfektionierung all jener in unserem Kulturkreis von Anfang an tief verwurzelten Erziehungs- oder vielmehr Dressurmethoden, die dazu anleiten, „(…) so früh wie möglich dem Kind seinen Willen zu nehmen, seinen Eigensinn zu bekämpfen, und es immer im Gefühl der eigenen Schuldigkeit und Schlechtigkeit zu belassen (…)“; denn, wie es in einer „Erziehungsschrift“ von 1748! ganz unverblümt heißt: „(…) Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, daß sie einen Willen gehabt haben.“
Bei diesen Worten treten auch dem heutigen Bewußtseinskontrolleur vor Freude die Tränen in die Augen.

Um es zuzuspitzen: Der im Namen der Erziehung gesellschaftlich sanktionierte und organisierte Kindesmißbrauch gehört zur westlichen Zivilisation wie das Amen zur Kirche, wurde in der von Philosophen und Historikern traditionell verklärten „abendländischen Kultur“ von Anfang an kultiviert und bildet gleichsam den häßlichen „Bodensatz“, auf dem sich das europäische Patriarchat überhaupt erheben konnte (daß dies auch für andere Kulturkreise gilt, ist sonnenklar, interessiert hier aber nicht).
Auch wenn man es nicht wahrhaben, nicht ertragen will, es hilft nichts: der gesellschaftlich exekutierte Kindesmißbrauch – also die Opferung des Kindes für die Bedürfnisse, Zwecke und Interessen der Eltern und der Gesellschaft (für gewöhnlich stimmen die Wertvorstellungen und Interessen der Eltern mit den Wertvorstellungen und Interessen einer spezifischen Gesellschaftsschicht überein) – war und bleibt die psychophysische Grundvoraussetzung für das reibungslose Funktionieren der in der westlichen Hemisphäre zur Herrschaft gebrachten Moralen. Ob man die Wertesysteme der hellenisch-römischen Herrenmoral, der christlichen Doppelmoral oder der Hybridformen der Moral (vgl. Wir sind Krise, Band I) heranzieht, psychologisch gesehen setzte bzw. setzt ihr Funktionieren immer den organisierten Kindesmißbrauch voraus, weil nur dadurch gewährleistet wird, daß das „wahre Selbst“ – das Ganzheitsempfinden des Kindes, „die Ganzheit seiner Gefühle“ (Alice Miller) – zuverlässig in mindestens zwei feindlich entgegengesetzte psychische Dimensionen aufgespalten wird, ins Über-Ich und ins Es bzw., in krasseren Fällen, in mehrere ego-states. Nur so konnte es gelingen und gelingt es, derart widernatürliche Wertvorstellungen wie „das Weibliche ist schlecht“ (hellenisch-römische Herrenmoral) oder gar „die wirkliche Welt ist böse“ (christliche Doppelmoral) dauerhaft in der Psyche eines Individuums zu verankern und in diesem die Überzeugung hervorzurufen, daß diese gewaltsam eingepflanzten Wertvorstellungen zu seiner Natur gehören.
Es gilt: Der gesellschaftlich organisierte Kindesmißbrauch ist das Gleitmittel für das Funktionieren des Patriarchats und des kapitalistischen Systems. Denn die psychophysische Wirksamkeit der in unserem Kulturkreis zur Herrschaft gelangten moralischen Imperative/Werte/sozialen Normen beruht immer schon auf der im Namen der Erziehung vom Kollektiv auf psychischer Ebene vollzogenen Traumatisierung und dauerhaften Dissoziierung von Kindern.

Wir sind Krise I. Vorwort

Dies ist der erste Band des Wissenschaftsessays „Wir sind Krise“, der in zwei Bänden erscheint. Wozu eine weitere Arbeit zum Thema „Krise“? Um eine philosophische Position beizusteuern, die das große Ganze in den Blick nimmt und dementsprechend die moralbedingte Dauerkrise thematisiert. Der Essay versteht sich als ein Beitrag zur Debatte um die Dauerkrise und die aktuelle Gesellschaftstransformation in Deutschland und Europa. (…)
Die Abhandlung setzt sich aus zwei Erzählsträngen zusammen. Der erste veranschaulicht die geschichtsstiftende Dynamik des von mir so genannten „moralbedingten Dissoziationismus“. Was besagt dieser Begriff? Daß das europäische Patriarchat seit jeher durch die im Zeichen der herrschenden Moralen gesellschaftlich exekutierte Spaltung des Selbst in Über-Ich, Ich und Es im Innersten zusammengehalten und aufrechterhalten wird; und daß seine weitere Expansion durch die aus diesem Spaltungs- und Verdrängungsgeschehen notwendig erwachsenden psychischen Folgestörungen gewährleistet wird, etwa durch die gesellschaftliche Realität schaffenden Neurosen und Persönlichkeitsstörungen. Ausgehend von diesen Grundannahmen stelle ich folgende Hypothese auf: der Dauerzustand der Krise in der Moderne wird nicht zuletzt durch die fatale psychophysische Wirkung der von mir so genannten „Hybridformen der Moral“ verursacht – der aus Anteilen der „Herren- und Sklavenmoral“ (Nietzsche) gebildeten Zwitterformen der Moral –, die im Zuge der Reformation und der Aufklärung aus der doppelten Moral des „geschichtlichen Christentums“ (Nietzsche) hervorgingen – und in Form der bürgerlich-liberalen Moral erstmals zur Herrschaft gelangten.
Um die Dynamik des moralbedingten Dissoziationismus samt der Entstehung der Hybridformen der Moral umfassend darstellen und aus philosophisch-psychologischer Perspektive kritisch beleuchten zu können, hole ich kulturgeschichtlich weit aus. In einem ersten Schritt zeichne ich die sozialen Verhältnisse, die von den im Paläolithikum und Neolithikum ansässigen Kollektiven etabliert worden waren, sowie den kulturellen Umbruch nach, der mit der Einwanderung der Proto-Indoeuropäer in den „alteuropäischen“ (M. Gimbutas) Raum seinen Anfang nahm (vgl. zweites und fünftes Kapitel). Ausgehend davon veranschauliche ich die Entstehungs-, Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte der seit dem Ausgang der Antike herrschenden moralischen Struktur, die von der hellenischen und römischen Herrenschicht in Form von „Herren- und Sklavenmoral“ verfestigt (anders als Nietzsche verwende ich die Termini nicht wertend, sondern rein deskriptiv), in Form der doppelten Moral des Kirchenchristentums unter veränderten Vorzeichen fortgeführt und in Form der bürgerlich-liberalen Moral wiederum zementiert wurde (vgl. erstes, zweites und drittes Kapitel).
Es ist mein Anliegen, diese Vorgänge nicht nur zu beschreiben, sondern auch Wege aufzuzeigen, wie die moralbedingte Spaltung des Selbst überwunden oder wenigstens gemildert werden kann (vgl. Band II). Entsprechend wird die herrschende moralische Struktur, welche die dauerhafte Spaltung des Selbst verursacht, zum Gegenstand meiner Kritik.
Mit dem zweiten Erzählstrang leiste ich einen Beitrag zur „Debatte um den deutschen Sonderweg“. Ich weise darin auf einige historische Aspekte und soziopsychologische Zusammenhänge hin, die in der Debatte teils nur unzureichend, teils gar nicht berücksichtigt wurden.
Mehrere Nebenlinien komplettieren den Essay: Skizzen der kretisch-minoischen, mykenischen und germanischen Kultur; Kurzdarstellungen des griechischen Mythus und der griechischen Metaphysik; Skizzen der deutschen Romantik und des Deutschen Reichs nach 1800; Interpretationen essentieller Aussagen Descartes‘, Kants, Hegels und Nietzsches.

Im ersten Kapitel verfertige ich eine Kurzerörterung der Hypothese, die für sich alleine stehen kann, als eine eigenständige Abhandlung der Thematik angesehen werden kann und die Grundlage für die weitere Explikation der Hypothese im dritten Kapitel bildet.
Im zweiten Kapitel gehe ich zunächst auf die sozialen Verhältnisse ein, die für die paläolithischen (Wildbeuter-)Kollektive und für die im Neolithikum ansässigen Gemeinschaften kennzeichnend waren, um in einem zweiten Schritt die Entstehung und Verfestigung der Struktur der europäischen Moral nachzuzeichnen. Diese wurde durch die von der hellenischen Herrenschicht in Form von Herren- und Sklavenmoral gewaltsam exekutierte Entgegensetzung des indoeuropäischen „Vaterrechts“ und des umgewerteten alteuropäischen „Mutterrechts“ (Bachofen) zementiert! Aus der fatalen Wirkmacht dieser moralischen Struktur, die prinzipiell die Aufspaltung des Selbst in (mindestens) zwei feindlich entgegengesetzte Persönlichkeitsanteile nach sich zieht, in Über-Ich und Es, resultiert die Krisenanfälligkeit der westlichen Welt.
Das dritte Kapitel beschreibt, wie Herren- und Sklavenmoral in der doppelten Moral des geschichtlichen Christentums als „ideale und reale Dimension“ verknüpft wurden – und welche Folgen die Christianisierung Europas, vor allem auch im Hinblick auf die Psyche der Europäer, nach sich gezogen hat. Außerdem zeichne ich die „kulturelle Evolution“ der Doppelmoral des geschichtlichen Christentums nach, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Philosophie und (Geistes-)Geschichte. Das in diesem Kapitel Dargelegte dient sowohl dazu, die Hypothese ausführlich zu explizieren – etwa aufzuzeigen, daß die in der Neuzeit herrschende Moral aus der christlichen Doppelmoral hervorgegangen ist –, als auch dazu, meine Überlegungen zum Thema „deutscher Sonderweg“ zu veranschaulichen.
Das vierte Kapitel bereichert den Essay um eine hauptsächlich an Nietzsches und Bachofens Werk orientierte philosophische Moralkritik, in der ich unter anderem den Unterschied zwischen Fühlen und „moralischem Empfinden“ herausarbeite (vgl. Teil II, „Moral und Emotion“). Ich habe die Moralkritik aus zwei Gründen in den Essay integriert: zum einen aus inhaltlichen Erwägungen, weil dieser Text eine bereits in 2006 verfertigte Skizze des Buchprojekts „Wir sind Krise“ darstellt; zum anderen aus kompositorischen Gründen, weil die Arbeit aus Kurzessays und Aphorismen besteht und so für eine willkommene Abwechslung im Textfluß sorgt. Das vierte Kapitel ist die erweiterte und vollständig überarbeitete Fassung eines unter dem Titel „Auf Nietzsches Spuren“ erstmals im Friedrich Haller Verlag veröffentlichten Texts.
Im fünften Kapitel, dem fragwürdigen Kapitel – das auch aufgrund dieser „Fragwürdigkeit“ in einem zweiten Band erscheinen wird –, zeige ich einige grundlegende psychologische und soziopsychologische Positionen auf, etwa, indem ich mich in kritischer Weise mit der Theorie der Analytischen Tiefenpsychologie auseinandersetze. Dies in der Absicht, die Voraussetzungen zu eruieren, die zur Entstehung des Patriarchats und des patriarchalen Ichbewußtseinssystems führten.
Zudem fließen in dieses Kapitel Vorschläge ein, wie die moralbedingte Dauerkrise überwunden werden kann, also wie die individuell-psychische Transformation gemeistert und die Transformation der Gesellschaft, der philosophisch-psychologischen Vernunft gemäß, verwirklicht werden kann – jenseits von Neoliberalismus, Neofaschismus, Neosozialismus und allen anderen topmodernen „Ideologismen“.

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Der Grund für die Niederschrift dieser Arbeit: sie hat gefehlt. Eine als Gesamtschau konzipierte philosophische Abhandlung nämlich, die bereits in der Vorgeschichte ansetzt und die wesentlichen Entwicklungen aufzeigt, die zur Konstellation der moralisch bedingten Dauerkrise in der Moderne führten.
In der, wo nötig, auch eine radikale Kritik am Bestehenden vorgetragen wird. Die aber bei aller Schärfe immer dem philosophischen Ideal verpflichtet bleibt, den Weg der goldenen Mitte zu gehen.
Eine Abhandlung, die nicht neuerungsgeil oder reaktionär konzipiert, nicht links oder rechts, materialistisch oder spiritualistisch ausgerichtet ist, sondern jenseits oder vielmehr „diesseits“ der sich auf politischer und akademischer Ebene vollziehenden ideologischen Grabenkämpfe verschiedene Denkansätze vereint und weiterführt.
Die einem originellen Konzept folgt, das den Menschen in seiner psychophysischen Ganzheit erfaßt, einem Konzept, anhand dessen ich im fünften Kapitel konkrete Lösungsansätze entwickle, wie die moralbedingte Dauerkrise individuell und politisch-gesellschaftlich bewältigt werden kann.

Es gehört zum formalen Buchkonzept, manche der Themen nicht in einem Zug abzuhandeln, sondern sie aufzunehmen und inhaltlich „durchzuspielen“, um den Erzählfaden zunächst abreißen zu lassen und ihn später, an anderer Stelle, wiederaufzunehmen und das Thema abzurunden (ein Konzept, das der in der Tonkunst herrschenden Konvention folgt, den musikalischen Grundgedanken im Verlauf des Stücks an verschiedenen Stellen aufzunehmen und – häufig in variierter Form – durchzuspielen). So beginne ich mit der Darstellung der sozialen Verhältnisse, die für die paläolithische und neolithische Kulturperiode kennzeichnend waren, im zweiten Kapitel, um das Thema im fünften Kapitel wiederaufzunehmen und abzuschließen. Und vielleicht weiß jemand so wie ich zu schätzen, daß sich die Themen „Hybridformen der Moral“ und „deutscher Sonderweg“ im dritten Kapitel zuletzt vollends überlagert haben? Zur Deckung bringen ließen?
Die entscheidenden Anregungen verdanke ich der Philosophie Nietzsches sowie Bachofens Meisterwerk „Das Mutterrecht“.
Die Tiefenpsychologin Clarissa Pinkola Estés listet im Buch „Die Wolfsfrau“ eine Fülle an Praktiken auf, mit denen sich Selbsterfahrungs- und Selbstwerdungsprozesse gezielt einleiten lassen. Obwohl sich die Autorin ausdrücklich nur an Frauen wendet, sind die im Buch dargestellten Praktiken auch für Männer von großem Wert. Als ebenso wertvoll und hilfreich hat sich das Werk von Alice Miller erwiesen, die aus der Masse an Autoren im Bereich Psychoanalyse und Psychotherapie als reflektierte und gesellschaftskritische Aufklärerin wohltuend herausragt. Das gilt auch für den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der mit dem Buch „Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit“ ein von der Tiefenpsychologie bislang vernachlässigtes Thema aufgegriffen und abgehandelt hat. Wegweisend wurden für mich auch die vom Jung-Schüler Erich Neumann verfaßten Arbeiten „Ursprungsgeschichte des Bewußtseins“ und „Die Große Mutter“.
Die Forschungsergebnisse der Archäologin Marija Gimbutas bestärkten mich darin, den anfänglich eher intuitiv eingeschlagenen Weg zu Ende zu gehen. Den aktuellen Stand der kulturwissenschaftlichen Forschung „auf den Gebieten der Religionssoziologie und der Herrschaftstheologie mit vor- und frühgeschichtlichem Schwerpunkt“ (aus dem Eintrag „Gerhard Bott“ in Wikipedia) hat der Gesellschaftswissenschaftler Gerhard Bott im Buch „Die Erfindung der Götter“ zusammengefaßt. Um meine Geschichtskenntnisse mit dem aktuellen Stand der Forschung abzugleichen, ließ ich mir geschichtswissenschaftliches Studienmaterial der Fernuniversität in Hagen zukommen.
Außerdem seien die philosophisch-metaphysische Arbeit „Metaphysik und Mensch. Das System der Philosophie von Hegel und die Eröffnung der Möglichkeit des Menschen“ von Michael Wende (†) sowie der philosophische Essay „Fragmente einer Sehnsucht in Blau“ des Denkers Jürgen Friedrich hier als Quellen genannt.
Eines ist mir während des Quellenstudiums nur zu deutlich geworden: das rationalistisch-materialistische Denken der modernen Wissenschaft – ganz gleich, in welches akademische Gewand es sich hüllt – ist für gewöhnlich ein Ausdruck der spezifisch menschlichen, ach, allzumenschlichen Inbesitznahme der Welt, einer sich im Zeichen von Verstand und Vernunft gnadenlos vollstreckenden Anthropozentrierung des Alls, die aus moralischen Gründen stets einen humanitären Anschein wahrt und im Namen des Guten für eine Sache Partei ergreift.
Wenn ich von „Werten“ spreche, dann in der Regel von „immateriellen“, moralischen; von solchen, die Moralisches oder Immoralisches bezeichnen. Und mit dem Begriff „moralische Aufspaltung“ verweise ich selbstverständlich nicht auf die hohe moralische Gesinnung einer Aufspaltung (ein Schelm, wer solches denkt), sondern bezeichne damit den Prozeß einer sich gemäß der herrschenden Moral vollziehenden Aufspaltung des Selbst in verschiedene Persönlichkeitsanteile.
Hochwerte Fehlerfexe, verehrter Grammatikrat des Satiremagazins Titanic, erhabener Hohepriester der deutschen Sprache Hermann L. Gremliza, liebe Genossinen und Genossen, daß ich Fehler im Text beließ, um euch eine Freude zu bereiten, wäre zuviel gesagt. Es ist aber gut möglich, daß ihr, zu eurer Genugtuung?, auf so manchen Fehler stoßen werdet, weil ich mich dem Regelwerk der Grammatik stets nur mit größtem Widerwillen unterwerfe.

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Noch eine Bemerkung zu Nietzsche. Ich gebe zu, daß ich während der Wanderung durch sein philosophisches Gedankengebirge emotional fast erfroren bin. Sein Werk ist eine schwere Prüfung. Gibt es auch nur einen Winkel des Lebens, in den er sich nicht hineingedacht hat? Und wie verletzend die von ihm gezogenen Schlüsse sein können! – und doch führt an Nietzsche für Philosophen kein Weg vorbei. Um zu wissen, was heute noch möglich, einem selbst möglich ist, und was morgen möglich sein wird, muß man zuerst in sein Werk eingetaucht, vielleicht auch zeitweise zu ihm übergetreten sein, um schließlich zu sich zurückzukehren. Wer dann immer noch von etwas Eigenem erfüllt wird, das ins Werk drängt; oder sogar von einer geistigen Lebenshaltung beseelt und umgetrieben wird, die bislang noch ungegangene Wege geht – voilà! Was für ein Fest! –
Einem derart tiefsinnigen und vielseitigen Denker zu begegnen, ihm auf seinen Wegen und Umwegen zu folgen, ist ein Privileg, ein Glücksfall, ein Segen – aber auch ein Fluch. So wenigstens habe ich es empfunden, habe es während des Lesens und „Wider-Lesens“ und Wieder-Lesens seines Werks in mir getragen und ausgetragen und schließlich hinter mir gelassen, um mich ganz dem Eigenen zuzuwenden. Anders gesagt: erst hat es mich froh gestimmt und mit einem Gefühl des Triumphs erfüllt, bei einem herausragenden Denker und Erzieher wie Nietzsche in die Schule zu gehen; 15 Jahre später war es genau umgekehrt: jetzt stimmte es mich froh, diese Schule zu verlassen, sie verlassen zu können.
Der „Zarathustra“ war mir lange Zeit alles gewesen. Das Buch kam zu mir, als sich die Schwärze der Hoffnungslosigkeit und der Vereinsamung gerade um mich schloß – und ging wie ein Leitstern in mir auf: „(…) wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!“ Es war eine Offenbarung, freilich eine weltlicher Art. Ich war 21.
Um meine Integrität zu wahren, habe ich das Studium der Philosophie frühzeitig abgebrochen und mir die Kenntnisse und Fertigkeiten, die dazu nötig sind, philosophische Bücher zu konzipieren und zu verfassen, in autodidaktischer Weise angeeignet. Außerdem war ich über viele Jahre die treibende Kraft hinter dem Berliner „Forum für Philosophie und Kunst“ e.V. (Informationen über das Forum im Blog wir-sind-krise.de), in dem ich, unter anderem als Redakteur, das nötige Basiswissen im Bereich Buchproduktion erwarb. Fast alle Arbeiten, die nötig waren, um das Projekt „Bücher für Alle & Keinen“, über das Verfassen der Texte hinaus, zu verwirklichen, habe ich selber ausgeführt. Das Projekt wurde mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln auf den Weg gebracht.

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Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Weil man die moralischen Empfindungen mit den Gefühlen verwechselt, setzt man Fühlen und moralisches Empfinden gleich – und lebt vor sich hin, ohne von diesem Selbstbetrug auch nur etwas zu ahnen.

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Er befreite seine Gefühle. Entfaltete sie. Bildete sie aus – und entdeckte eine neue Welt.

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Angst und Wut, Freude und Trauer, Neid und Haß, Niedergeschlagenheit und Melancholie, Liebe und Verliebtheit: so lauten einige der Titel, mit denen man emotionale Vorgänge in einer grob vereinfachenden Weise bezeichnet. Dies in der Absicht, eine ungeheure, vom Ichbewußtsein nicht erfaßbare Komplexität wenigstens oberflächlich verstehbar, handhabbar, verhandelbar zu machen.
Tatsächlich beschränken sich unsere Erfahrungen bisher weitgehend auf die Wirkmacht jener durch eine moralische Dressur umfunktionierten Emotionen, weil diese unser Gemüt ungleich heftiger bewegen als die Gefühle, die unversehrt geblieben sind. Man weiß nur zu gut, wovon ich spreche: von den wertezentrierten Gefühlskomplexen wie den Obsessionen, Depressionen, Neurosen und narzißtischen Störungen, die ihre das Ich negativ tangierende Wirkung stets mit lärmender Brutalität entfalten. So daß man sagen kann, daß wir Modernen primär nur mit den Symptomen des Krankheitsverlaufs des inneren Empfindens Bekanntschaft schließen konnten und uns eingestehen müssen, das Reich der Gefühle bisher nur gestreift zu haben.
Die moralbedingte Umfunktionierung der Emotionen ist auch eine der Ursachen dafür, daß so viele wissenschaftliche Arbeiten als lebensferne Begriffskonstrukte daherkommen bzw. als Aneinanderreihungen sinnenfeindlicher Abstrakta, während manche Werke der Kunst, und insbesondere der Musik, oft das kreischende Gegenextrem dazu bilden: auf der einen Seite herrscht der Mangel an Gefühl, auf der anderen die Hypertrophie einer Leidenschaft.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Aphorismen

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Die moralbedingte Aufspaltung von Geist und Körper, Ich und Selbst, Verstand und Gefühl wurde von den Architekten der Metaphysik dadurch sanktioniert, sanktifiziert, daß sie die Metaphysik verabsolutierten, sie zur Königsdisziplin der Philosophie erhoben.
Wenn es auch nachvollziehbar ist, daß man damals, als Pionier des spekulativen Denkens, noch darauf hoffte und hoffen konnte, der Existenz einer wahren unveränderlichen „Hinterwelt“ (Nietzsche) auf der Spur zu sein, einem Paralleluniversum, in dem alle Ideen enthalten und Raum und Zeit, Werden und Vergehen entrissen sind, – so hat sich die Verabsolutierung der Metaphysik, wie man heute nur zu gut weiß, doch höchst fatal ausgewirkt. Hat jenes Jahrtausende währende, vollends grotesk anmutende Streben viel zu vieler Philosophen und Wissenschaftler nach der Aufdeckung der Wahrheit der Welt nach sich gezogen. Hat zu jener Tradition des spekulativen Denkens geführt, theologisch oder ontologisch respektive „onto-theo-logisch“ hergeleitete Systeme begrifflich immer höher aufzutürmen, bis die „Wahrheit der Welt“ zu einem unmenschlichen Abstraktum geworden war. Und hat letztlich nur der Vermehrung des Leids gedient, des Leids des Menschen an sich selbst und am Leben, weil das Versprechen, das Sein des Seienden bzw. die Wahrheit der Welt erkennen und begrifflich darstellen zu können, von den Apologeten des spekulativen Denkens natürlich niemals eingelöst werden konnte.

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Unsere Irrtümer tragen meist mehr zu unserer Entwicklung bei als unsere Wahrheiten – und erweisen sich zudem als bekömmlicher, weil sie uns nicht besetzen.

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Seltsam: Indem wir die Wirklichkeit erforschen, erfassen und erschaffen wir sie, beides zugleich. Wenn wir wenigstens um das prozentuale Verhältnis zwischen Erfaßtem und Erschaffenem in unseren Forschungsergebnissen wüßten!

57
Mit dem Begriff „abstraktes Bewußtsein“ bezeichne ich eine Verstandestätigkeit, die auf Distanz beruht, nämlich auf der willentlich eingenommenen Distanz des bewußt Agierenden zu sich und der Welt. Ich spreche von jener Art des rationalen Ausgreifens und Aneignens, wenn sich ein Teil des Bewußtseins vom Ich abgesondert hat und um die Dinge wie ein Netz herumlegt, um darin den Abglanz der Welt einzufangen und vom Dinglichen abzulösen und in abstrakte Formen oder Begriffe zu überführen.
Kein Zweifel, dieses sich mittels der Vorstellungskraft des rationalen Denkens vollziehende Abstrahieren der Welt ist von ganz eigener Qualität, verfügt über einen eigenen Zauber und Glanz – und dennoch: Bleibt nicht immer das Unbehagen, daß der abgesonderte Teil des Bewußtseins vielleicht verlorengehen könnte? Den Weg zurück nicht mehr findet?
Und was geschieht zuletzt mit den Eindrücken und „Erkenntnissen“, die man auf diese Weise gewonnen hat? Verblassen sie nicht schon bald zu nichtssagenden Schemen? So daß man sich nach jedem derartigen „Außer-sich-gewesen-sein“ immer ein wenig ärmer fühlt? Als stünde man danach mit leeren Händen und mit leerem Herzen da?
Meine Instinkte und Gefühle jedenfalls warnen mich davor. Sie begreifen diese Art der Verstandestätigkeit, die etwas anderes ist als ein mit den Sinnen und Gefühlen verbundenes Denken, als einen gefährlichen Bruch im Prozeß meiner Selbstentfaltung, als etwas Auflösendes, Schwächendes, Ungesundes – und wie käme ich dazu, das Urteil meiner Instinkte anzuzweifeln? Würde ich dadurch nicht zur Beute des „abstrakten Bewußtseins“?

Eine Anmerkung aus aktuellem Anlaß (Marx-Jahr 2018). Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Die Ideologie des Marxismus (sic) – gemeint ist das politisch-gesellschaftliche Ideengebäude des Marxismus, nicht die Marxsche Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Systems – ist mithin nichts weiter als ein aus der bürgerlich-liberalen Ideologie abgeleitetes „Derivat“, die Fortsetzung und Zuspitzung nämlich jener vom revolutionären Bürgertum erst vehement propagierten und aber durch die gewaltsame Etablierung des kapitalistischen Herrschaftsapparats schon bald verratenen und verkauften sozialrevolutionären Ideale.
Die herrschende moralische Struktur spaltet die Welt grundsätzlich in zwei diametral entgegengesetzte Seinsdimensionen. In der bürgerlichen Doppelmoral etwa wurden einerseits die Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ verabsolutiert, während andererseits, in der „realen Dimension“, also in der realen Menschenwelt, die kapitalistische Klassengesellschaft etabliert wurde, um von den Profiteuren des Systems seitdem als beste Herrschaftsform aller Zeiten gepriesen zu werden. Es bietet sich mithin an, die herrschende moralische Struktur in Form eines gewöhnlichen Bruchs darzustellen. Im Zähler steht immer die ideale Welt: die Welt und der Mensch, wie sie den herrschenden Idealen nach sein sollen, im Nenner stets die reale Welt, die wirklichen gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.
Ich denke, der Widersinn, „Ohne-Sinn“ (Nietzsche) dieser Struktur leuchtet unmittelbar ein? Nicht nur die Unvereinbarkeit der Dimensionen mußte sich früher oder später verheerend auswirken, sondern vor allem auch die irrsinnige Annahme, daß die Verwirklichung der idealen Dimension tatsächlich möglich sei. Und eine derartige moralische Struktur liegt, wie billig, auch der Ideologie des Marxismus zugrunde. Auch hier haben wir im Zähler wieder die ideale Welt – hier: die „klassenlose Gesellschaft“ –, also das gesellschaftliche Endziel der marxistisch-kommunistischen Mission; und im Nenner die konkrete Herrschaftsform – hier: die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ bzw. die „Diktatur des Proletariats“ –, die gewaltsam durchgesetzt und so lange aufrechterhalten werden soll, bis der angestrebte gesellschaftliche Idealzustand eintritt.
Marx schrieb: „Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“35 Und der sozialistische Vordenker Antonio Gramsci ergänzte: „Im Interesse ihrer Existenz und ihrer Entwicklung muß die Proletarische Diktatur einen betont militärischen Charakter annehmen.“36

Und so ist man bekanntlich auch verfahren, sei es im Bolschewismus, im Stalin-Sozialismus oder im Maoismus. Immer wurde der Bevölkerung sonstwas versprochen, und fast immer lief die Herrschaft der staatskommunistischen Regimes in Wirklichkeit auf die Unterdrückung und (versuchte) Gleichschaltung der Bevölkerungsmehrheit hinaus, phasenweise auch auf Terror und auf die Ausübung blutiger Gewalt. Und das nicht allein deswegen, wie einige hoffnungslose Idealisten nicht müde werden zu beteuern, weil der real existierende Sozialismus ein Fehlversuch gewesen sei, ein unter ungünstigen Bedingungen aus dem Ruder gelaufenes Experiment; sondern, und das ist der springende Punkt, weil die marxistische Ideologie die Diktatur einer proletarischen Führungsriege als ein notwendiges gesellschaftliches Übergangsstadium auf dem Weg zur „klassenlosen Gesellschaft“ festgeschrieben und dadurch moralisch sanktioniert hat.
Damit gibt sich der Marxismus als eine Hybridform der Moral zu erkennen, weshalb der real existierende Sozialismus dem sozialen Fortschritt und der Emanzipation des Menschengeschlechts immer nur dem Ideal nach verpflichtet war und in Wirklichkeit die Unterdrückung der Bevölkerung sowie die Ausbeutung und Zerstörung der Natur betrieben hat: so daß viele der Vordenker und Führer des Kommunismus als scheinheilige Tyrannen eingestuft werden müssen, als Propagandisten und/oder Vollstrecker einer im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit geheiligten Diktatur.
Um es nochmals auf den Punkt zu bringen: weil die Hybridformen der Moral Auswüchse der christlichen Doppelmoral sind, dienen sie ihrer Struktur gemäß immer nur der Verwirklichung der „Apokalypse“, also der im Namen der Erzeugung eines Neuen Menschen oder im Namen der Schaffung einer angeblich besseren Gesellschaft exekutierten Verwüstung der Wirklichkeit (Erde, Natur) und des wirklichen Menschen. Ob im Liberalismus-Kapitalismus oder im real existierenden Sozialismus-Kommunismus, immer findet sich dieser Zusammenhang, immer wurde im Namen der Optimierung des Menschen und der (Menschen-)Welt sowohl ein auf die Unterdrückung und Gleichschaltung der Bevölkerung als auch auf die Ausbeutung und Zerstörung der Natur gleichermaßen perfekt abgestimmtes Herrschaftssystem etabliert und mit allen Mitteln am Laufen gehalten.

Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Mehr als 100 Jahre nach Nietzsches bahnbrechender Vorarbeit hat es sich sogar bis in die Reihen der akademischen Zunft herumgesprochen, daß in dem vorrangig aus Texten geknüpften „Bedeutungsgewebe“ der Philosophie und Wissenschaft Aussagen von rein objektivem Charakter nicht vorkommen – und daß die Fähigkeit, derartige Aussagen zu treffen, auch weiterhin nur den Göttern und verwandten Wesenheiten vorbehalten bleibt. Daher werden sich vermutlich auch nur wenige daran stoßen, daß ich im zweiten Kapitel keine geschichtswissenschaftliche Untersuchung vorlege, sondern eine auf den Ergebnissen der kulturwissenschaftlichen, tiefenpsychologischen und historischen Forschung basierende geschichtsphilosophische Abhandlung. Vorsichtshalber sei dennoch daran erinnert, daß ich mich als Philosoph der historisch-kritischen Methodik der Geschichtswissenschaft nicht unterwerfen darf, weil ich das Thema sonst aus der Winkelperspektive des Fachmanns betrachten und dadurch aufhören würde, Philosoph zu sein (dies ist keine Kritik der Wissenschaftsdisziplinen und ihrer methodischen Verfahren!).
Was ist ein Philosoph? Ein Erforscher, Interpret und Kritiker der Moral und ihrer Wirkungsgeschichte, der geschichtlich in Erscheinung getretenen Werte und Wertekonstellationen sowie der Machtverhältnisse, die durch sie zementiert wurden. Mitunter ist er auch ein Schöpfer von Werten oder ein Architekt der Moral oder ein im Reich der Psyche schweifender Krieger oder ein Komponist, der das Auf und Ab im herrschenden Wertegefüge kunstvoll in Sprache setzt (Goethe z.B.); niemals aber ist ein Philosoph bloß Gelehrter, Wissenschaftler, Theoretiker und Beobachter des Lebens, sondern, wie jeder echte Künstler auch, ein Schaffender aus innerer Notwendigkeit, Mund und Auge und Ohr und Hand des ihn ausfüllenden Lebens.
Was ist das Leben des geistig Schaffenden? Ein Kreislauf der Selbsterfahrung, des Eingeweihtwerdens ins Selbst.
Es sollte sich auch niemand groß daran stoßen, daß ich, im Unterschied zu den Vertretern der Postmoderne, am Begriff der „Hochkultur“ und dem damit verbundenen Privileg festhalte, Scheißdreck auch weiterhin als Scheißdreck zu bezeichnen – die Klangerzeugnisse der Gruppe Modern Talking etwa – und Schwachsinn auch weiterhin als Schwachsinn, etwa die dummdreiste Pseudopolitik der SPD, FDP, AfD. Gegen die in der Postmoderne vorgenommene Erweiterung des Kulturbegriffs ist selbstredend nichts einzuwenden; allerdings wird wohl niemand ernsthaft bestreiten, daß sich etwa auch im Bereich der „Jugendkultur“ große Qualitätsunterschiede bei künstlerischen Erzeugnissen feststellen lassen.
Doch zurück zur „Erwachsenenkultur“! Eine zeitlos gültige Unterscheidung der sich in der kapitalistischen Kultursurrogatproduktion Verdingenden von den Kulturschaffenden hat Heinrich Heine en passant in folgendem Satz fixiert: „(…) sie lassen ihr Schifflein ruhig fortschwimmen im Rinnstein des Lebens, und kümmern sich wenig um den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen kämpft; (…)“

Auszug III aus „Wir sind Krise“, Band I

Um dieser Aufgabe nachzukommen, skizziere ich zunächst das Wertegefüge der europäischen Moral. Dabei halte ich mich an die Ergebnisse Friedrich Nietzsches, der zum Bestand des europäischen Wertegefüges „Herren- und Sklavenmoral“ zählt (im Unterschied zu Nietzsche verwende ich die Begriffe nicht wertend, sondern rein deskriptiv).
Den Terminus „Herrenmoral“ verwendet Nietzsche dazu, die etwa in Persien, Hellas und Rom von der indogermanischen Eroberer- und Herrenschicht etablierten Wertesysteme zu bezeichnen. Der Begriff dient ihm außerdem dazu, das aristokratische Selbstverständnis, von dem die indogermanische Herrenschicht erfüllt war, zu kennzeichnen; das Selbstverständnis nämlich, eine zur Herrschaft berufene aristokratisch-soziale Elite zu sein, der die Aufgabe, die Welt zu gestalten und die Gesellschaft zu formen, wesensgemäß zukommt. Nietzsche begreift dieses Selbstverständnis als etwas durchaus Positives, Begrüßenswertes, weil die – in seinen Augen durch innere Machtfülle ausgezeichnete – indoeuropäische Herrenschicht die Bürde auf sich nahm, die Verantwortung für sich und alle anderen Mitglieder der Gesellschaft zu tragen und dafür zu sorgen, daß das geistig-moralische Niveau des Menschengeschlechts gehoben wird. Daher kam nach Nietzsche auch allein der zur Führung berufenen Herrenschicht, den indogermanischen Krieger- und Priesterbünden, das Recht zu, oberste Werte zu schaffen und diese mit allen dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen.
Geschichtlich gesehen haben viele verschiedene Gesellschaftsformen existiert, die im Zeichen der Herrenmoral zur Herrschaft gebracht wurden: etwa die von den Hellenen und Römern errichteten Staatsgebilde (Polis und Imperium Romanum) sowie die politisch weniger strukturierten Herrschaftsgebilde der Kelten- und Germanenstämme. Doch so unterschiedlich sie im einzelnen auch waren, es gab doch ein alle verbindendes Moment: das Selbstverständnis der indoeuropäischen Krieger- und Priesterbünde, zur gewaltsamen Führung der Gesellschaft berechtigt zu sein.
Unter dem Terminus „Sklavenmoral“ subsumiert Nietzsche kurz gesagt all jene den Wertschätzungen des indoeuropäischen Adels feindlich entgegengesetzten Gesinnungen und Glaubensrichtungen, die sich in der Antike über lange Zeiträume im Verborgenen und zuletzt vor allem in sichtbarer Entgegensetzung zur römischen Herrenmoral entwickelten und schließlich im Christentum bündelten, das zum Evangelium aller durch das Römische Imperium Unterworfenen, Unterdrückten und Entrechteten avancierte.
Wie eine Sklavenmoral entsteht, liegt auf der Hand (um die Aktualität der im folgenden beschriebenen Vorgänge hervorzuheben, verfasse ich diesen Abschnitt im Präsens): Sobald ein Volk oder eine andere Gruppe dauerhaft unter Fremdherrschaft gerät, wird sich der geballte Haß der Gruppe naturgemäß gegen die Herrenkaste richten und irgendwann eine Moral hervorbringen, die den Werten der Herrschenden diametral entgegengesetzt ist, weil sie auf den Umsturz der herrschenden Verhältnisse zielt. Eine Sklavenmoral ist mithin ein Instrument der geistigen Kriegsführung, dazu geschaffen, das Fundament der Herrenmoral Wert für Wert auszuhöhlen, um das Herrschaftssystem zu schwächen und über kurz oder lang zum Einsturz zu bringen. Umgekehrt werden die höchsten Werte, die von einer unter Fremdherrschaft geratenen Gruppe verehrt werden, von der Herrenkaste systematisch als das Schlechte, das naturgegeben Unterlegene und daher Verachtenswürdige, gebrandmarkt.
Grundsätzlich gilt: Was eine Herrenkaste als das Ideale und Gute und Wünschenswerte in Form oberster Werte verabsolutiert, wird von der Sklavenkaste als böse verteufelt. Und umgekehrt: Was die Sklavenkaste heiligt, wird von der Herrenkaste als schlecht und nichtswürdig abgetan. Der Fall des Imperium Romanum und des Christentums belegt das. Was von den in Rom Herrschenden begehrt und verehrt wurde – etwa weltliche Macht, oder auch Reichtum und Ruhm –, wird im Neuen Testament als das Böse verteufelt. Und alles, was die römische Aristokratie verachtet hat – Demut etwa und Mitleid, oder auch die Gleichheit aller vor Gott –, wird im Neuen Testament als das Höhere und Erstrebenswerte dargestellt.

Es ist klar, daß eine von der Herrenschicht systematisch betriebene geistige Abwertung und physische Herabwürdigung ihre Wirkung in der Regel nicht verfehlen und bei der unterworfenen Gruppe ein kollektives Empfinden der Mangelhaftigkeit, der Minderwertigkeit und des Ungenügens, ja mitunter sogar des Aussätzig- und Gezeichnet-Seins hervorrufen.
Um dieses schmerzhafte Empfinden dauerhaft unterdrücken bzw. das Brennen dieser psychischen „Wunde“ mildern zu können, bilden sich verschiedene Ressentiments und psychische Abwehrmechanismen aus: etwa ein glühender Kollektivhaß auf alles Lebensbejahende, Glückliche, Unschuldige, Machtvolle und Schöne samt dem dauernden Verlangen nach Genugtuung und Vergeltung, jener berauschenden Wirkung des Rachedursts, die als Stimulans genutzt und kultiviert wird. Oder auch das (unbewußte) Streben danach, die „Schmach“ des Unterdrücktwerdens unter immer neuen Rationalisierungen oder lebensfernen Idealen zu begraben bzw. durch eine dem Anschein nach ganz und gar uneigennützige, weil vordergründig der Liebe und Freundschaft und Tugend verpflichtete, Lebensweise vergessen zu machen. Diese Technik der psychischen Kompensation unerwünschter Anteile des Selbst wird zum Beispiel im Neuen Testament fortwährend in Szene gesetzt und als Mittel zur Linderung der (psychischen) Not anempfohlen.
Darüber hinaus entsteht in der Regel ein unbewußt einsetzender Reflex, dem es geschuldet ist, daß die Mitglieder eines unterdrückten Kollektivs nicht nur jegliche Selbstverantwortung im Namen einer höheren Macht, etwa im Namen Gottes, von sich weisen, sondern auch alle Schuld prinzipiell anderen zuweisen. Dieser „psychische Mechanismus“ sorgt zuverlässig dafür, daß aus den Opfern von gestern die Täter von heute werden, sobald ein Gegenüber gefunden ist, das sich als Feindbild bzw. als Sündenbock eignet, also als Projektionsfläche des eigenen psychischen „Schattenanteils“ (Schatten im C.G. Jungschen Sinn). Das ist das Gefährliche und Tückische an der Sache: Sowohl das kollektive Empfinden der Mangelhaftigkeit als auch die Techniken zur psychischen Abwehr und Kompensation dieses Empfindens bilden das immaterielle Erbe aller durch eine Herrenmoral dauerhaft Unterdrückten bzw. durch eine Sklavenmoral Konditionierten (das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung).
Nietzsche schreibt: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein nein zu einem „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“12
Die Sklavenmoral setzt sich absolut, indem sie alles außerhalb ihrer selbst negiert, – indem sie die Werte der Herrenmoral mit dem Stigma des Bösen versieht, gemäß der Logik: Was böse ist, darf nicht sein. Die Sklavenmoral ist die genaue Umkehrung der Herrenmoral, die Werte der Moralen sind diametral entgegengesetzt.
Herren- und Sklavenmoral bilden die Struktur des europäischen Wertesystems und sorgen durch ihren Widerstreit für den Fortgang der Geschichte. Im Vollzug ihres geschichtlichen Widerstreits ringen, nunmehr schon seit Jahrtausenden, Generationen von Herren- und Sklavenkasten, Herrschenden und Beherrschten, Recht-Setzenden und Rechtlosen, Freien und Unfreien, Besitzenden und Besitzlosen um Macht. Dieser Machtkampf, zu dem auch das (meist vergebliche) Ringen der durch eine Sklavenmoral Konditionierten um Emanzipation von der eigenen moralisch-psychischen Disposition gehört, wurde und wird von vielfachen Krisen, Konflikten, (Bürger-)Kriegen und, in der Neuzeit, auch von Revolutionen geprägt.

Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

„Ich verstehe unter ‚Moral‘ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Friedrich Nietzsche

„Moral“ ist ein von einer geistigen Elite oder von einzelnen zum Zweck der Gliederung der Gesellschaft und der Kontrollierbarkeit der Mehrheit geschaffenes, aus höchsten Werten und diesen diametral entgegengesetzten „Unwerten“ (Erich Neumann) hierarchisch konstruiertes Wertesystem; aus Werten, denen, sobald zur Herrschaft gebracht, normative Geltung zukommt, und deren Inhalt und Form durch die Lebensbedingungen eines Volks bzw. eines Individuums immer wesentlich mitbestimmt werden. Moralverursachte Krisen entstehen, sobald ein herrschender Wert, zum Beispiel ein Ideal, einer Veränderung im Wege steht – genauer: entgegenwirkt –, die für einen einzelnen oder für ein Kollektiv von existentieller Bedeutung ist; sie dauern, bis sich ein der eingetretenen Veränderung gemäßer Wertewandel vollzogen hat, in der Regel also ziemlich lange.
Wer vermag schon alte Überzeugungen und Gewohnheiten von heute auf morgen loszulassen, wer verzichtet schon auf vermeintlich unverzichtbare Privilegien? Nein, meistens hält man während eines Wertewandels, bewußt oder unbewußt, noch einige Zeit an dem Wert, der sich „überlebt“ hat, fest, obwohl die Bewältigung der Krisensituation dadurch verhindert, der Umbruch blockiert wird. Etwa, wenn sich bei einem reaktionären Geist ein Wandel der inneren Einstellung vollzogen hat und er an einer Tradition aus Angst oder Gewohnheit festhält, obwohl er an den Folgen psychisch erkrankt. Oder wenn ein Apologet des Fortschrittsglaubens in einer gesellschaftlichen Krisensituation wider besseres Wissen ausschließlich auf moderne Ideale als Mittel der Bewältigung setzt, obwohl die Krise dadurch nicht überwunden, sondern verlängert wird.
Dieses regelmäßig wiederkehrende Phänomen – das widersinnige Festhalten von einzelnen und Gruppen am Unzweckmäßigen, Dysfunktionalen – beruht nicht in erster Linie auf menschlichem Unvermögen, sondern auf der Wirkung der Moral. Ideale, Prinzipien, Tugenden sind ja nicht etwas, das man sich nach Belieben anschafft und ablegt. Im Gegenteil. Einmal zur Herrschaft gelangt, fordern sie unbedingten Gehorsam. Jede Moral befiehlt, alle herrschenden, moralisch sanktionierten Werte sind Imperative. Sie sind nicht relativierbar; sie tyrannisieren! –
Was sind moralisch sanktionierte Werte? Idealvorstellungen vom Menschen, die man jenseits von Werden und Vergehen als höchste unveränderliche Leitbilder eines richtigen und guten Lebens aufgestellt hat, als Sinn und Zweck des Lebens jedes einzelnen. Was sind moralisch sanktionierte Werte? Die um das herrschende Menschideal gruppierten Normen richtigen und falschen Verhaltens, die unbedingte Geltung beanspruchen und, einmal internalisiert, zu psychisch wirksamen Verhaltensimperativen „mutieren“ – zu den Geboten und Verboten des Über-Ichs –, die das Verhalten jedes einzelnen großteils ohne Mitwirkung des Bewußtseins steuern.
Was sind herrschende Werte? Verabsolutierte „Einzelaspekte des Gesamtaspekts Mensch“ (Nietzsche), die auf Kosten aller anderen Seinsmöglichkeiten des Menschen herrschen, bis sie durch andere Werte respektive „Werteplacebos“, die zur Herrschaft gelangen, gewaltsam verdrängt und ersetzt werden: sei es im Vollzug von Wirtschaftskriegen oder politisch-sozialen Revolutionen, sei es durch technische Neuerungen oder klimatische Veränderungen. (Unter „Werteplacebos“ verstehe ich alle gehaltlosen, weder Verstand noch Gefühl noch Instinkt nährenden „Glasperlen des Geistes“, zum Beispiel Börsenkurse.)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß moralbedingte Umwälzungen in der Regel große Erschütterungen auslösen und als Krisensituationen wahrgenommen werden. Ich präzisiere meine Definition: Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels. Sie dauern, bis sich eine (geschichtliche) Wende, ein Umbruch, eine Machtverschiebung im herrschenden Wertegefüge vollzogen hat und eine Neuordnung der Machtverhältnisse erfolgt ist.

Politische Krisen, an denen mehrere Konfliktparteien beteiligt sind, führen aber nicht immer zu einer Neuordnung der Macht, sondern mitunter zur Wiederherstellung des Status quo, wie er vor dem Ausbruch der Krise geherrscht hat. Daß eine Wiederherstellung des Status quo ante tatsächlich möglich ist, bezweifle ich aber. Meiner Einschätzung nach bedeutet eine Wiederherstellung des früheren Zustands immer auch die Inkaufnahme von Machtverschiebungen, die anfangs eventuell noch nicht sichtbar sind, aber nach und nach in Erscheinung treten und sich auf die eine oder andere, oftmals überraschende, Weise auswirken.
Aus machiavellistischer Perspektive ist es selbstverständlich Unsinn, Krisen nur als (politischen) Notstand, als etwas Negatives zu begreifen. Vielmehr stellt eine gezielt herbeigeführte innen- oder außenpolitische Krisensituation ein besonders effektives und von den Herrschenden daher gern eingesetztes Mittel dar, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten oder auszubauen, eine Veränderung der Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil herbeizuführen. Wirtschafts- und Finanzkrisen werden dazu genutzt, den Abbau sozialstaatlicher Strukturen voranzutreiben und strukturelle Veränderungen des politisch-industriellen Machtkomplexes durchzusetzen, die den Interessen der Bevölkerungsmehrheit zuwiderlaufen.
Die ökonomischen Zusammenhänge, wie sie etwa von Karl Marx analysiert und beschrieben worden sind, interessieren hier jedoch nur am Rande. Mein Thema ist die moralbedingte Krise. Ich lege dar, warum sie zu einem Dauerzustand in den modernen westlichen Gesellschaften geworden ist.