Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

„Ich verstehe unter ‚Moral‘ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Friedrich Nietzsche

„Moral“ ist ein von einer geistigen Elite oder von einzelnen zum Zweck der Gliederung der Gesellschaft und der Kontrollierbarkeit der Mehrheit geschaffenes, aus höchsten Werten und diesen diametral entgegengesetzten „Unwerten“ (Erich Neumann) hierarchisch konstruiertes Wertesystem; aus Werten, denen, sobald zur Herrschaft gebracht, normative Geltung zukommt, und deren Inhalt und Form durch die Lebensbedingungen eines Volks bzw. eines Individuums immer wesentlich mitbestimmt werden. Moralverursachte Krisen entstehen, sobald ein herrschender Wert, zum Beispiel ein Ideal, einer Veränderung im Wege steht – genauer: entgegenwirkt –, die für einen einzelnen oder für ein Kollektiv von existentieller Bedeutung ist; sie dauern, bis sich ein der eingetretenen Veränderung gemäßer Wertewandel vollzogen hat, in der Regel also ziemlich lange.
Wer vermag schon alte Überzeugungen und Gewohnheiten von heute auf morgen loszulassen, wer verzichtet schon auf vermeintlich unverzichtbare Privilegien? Nein, meistens hält man während eines Wertewandels, bewußt oder unbewußt, noch einige Zeit an dem Wert, der sich „überlebt“ hat, fest, obwohl die Bewältigung der Krisensituation dadurch verhindert, der Umbruch blockiert wird. Etwa, wenn sich bei einem reaktionären Geist ein Wandel der inneren Einstellung vollzogen hat und er an einer Tradition aus Angst oder Gewohnheit festhält, obwohl er an den Folgen psychisch erkrankt. Oder wenn ein Apologet des Fortschrittsglaubens in einer gesellschaftlichen Krisensituation wider besseres Wissen ausschließlich auf moderne Ideale als Mittel der Bewältigung setzt, obwohl die Krise dadurch nicht überwunden, sondern verlängert wird.
Dieses regelmäßig wiederkehrende Phänomen – das widersinnige Festhalten von einzelnen und Gruppen am Unzweckmäßigen, Dysfunktionalen – beruht nicht in erster Linie auf menschlichem Unvermögen, sondern auf der Wirkung der Moral. Ideale, Prinzipien, Tugenden sind ja nicht etwas, das man sich nach Belieben anschafft und ablegt. Im Gegenteil. Einmal zur Herrschaft gelangt, fordern sie unbedingten Gehorsam. Jede Moral befiehlt, alle herrschenden, moralisch sanktionierten Werte sind Imperative. Sie sind nicht relativierbar; sie tyrannisieren! –
Was sind moralisch sanktionierte Werte? Idealvorstellungen vom Menschen, die man jenseits von Werden und Vergehen als höchste unveränderliche Leitbilder eines richtigen und guten Lebens aufgestellt hat, als Sinn und Zweck des Lebens jedes einzelnen. Was sind moralisch sanktionierte Werte? Die um das herrschende Menschideal gruppierten Normen richtigen und falschen Verhaltens, die unbedingte Geltung beanspruchen und, einmal internalisiert, zu psychisch wirksamen Verhaltensimperativen „mutieren“ – zu den Geboten und Verboten des Über-Ichs –, die das Verhalten jedes einzelnen großteils ohne Mitwirkung des Bewußtseins steuern.
Was sind herrschende Werte? Verabsolutierte „Einzelaspekte des Gesamtaspekts Mensch“ (Nietzsche), die auf Kosten aller anderen Seinsmöglichkeiten des Menschen herrschen, bis sie durch andere Werte respektive „Werteplacebos“, die zur Herrschaft gelangen, gewaltsam verdrängt und ersetzt werden: sei es im Vollzug von Wirtschaftskriegen oder politisch-sozialen Revolutionen, sei es durch technische Neuerungen oder klimatische Veränderungen. (Unter „Werteplacebos“ verstehe ich alle gehaltlosen, weder Verstand noch Gefühl noch Instinkt nährenden „Glasperlen des Geistes“, zum Beispiel Börsenkurse.)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß moralbedingte Umwälzungen in der Regel große Erschütterungen auslösen und als Krisensituationen wahrgenommen werden. Ich präzisiere meine Definition: Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels. Sie dauern, bis sich eine (geschichtliche) Wende, ein Umbruch, eine Machtverschiebung im herrschenden Wertegefüge vollzogen hat und eine Neuordnung der Machtverhältnisse erfolgt ist.

Politische Krisen, an denen mehrere Konfliktparteien beteiligt sind, führen aber nicht immer zu einer Neuordnung der Macht, sondern mitunter zur Wiederherstellung des Status quo, wie er vor dem Ausbruch der Krise geherrscht hat. Daß eine Wiederherstellung des Status quo ante tatsächlich möglich ist, bezweifle ich aber. Meiner Einschätzung nach bedeutet eine Wiederherstellung des früheren Zustands immer auch die Inkaufnahme von Machtverschiebungen, die anfangs eventuell noch nicht sichtbar sind, aber nach und nach in Erscheinung treten und sich auf die eine oder andere, oftmals überraschende, Weise auswirken.
Aus machiavellistischer Perspektive ist es selbstverständlich Unsinn, Krisen nur als (politischen) Notstand, als etwas Negatives zu begreifen. Vielmehr stellt eine gezielt herbeigeführte innen- oder außenpolitische Krisensituation ein besonders effektives und von den Herrschenden daher gern eingesetztes Mittel dar, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten oder auszubauen, eine Veränderung der Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil herbeizuführen. Wirtschafts- und Finanzkrisen werden dazu genutzt, den Abbau sozialstaatlicher Strukturen voranzutreiben und strukturelle Veränderungen des politisch-industriellen Machtkomplexes durchzusetzen, die den Interessen der Bevölkerungsmehrheit zuwiderlaufen.
Die ökonomischen Zusammenhänge, wie sie etwa von Karl Marx analysiert und beschrieben worden sind, interessieren hier jedoch nur am Rande. Mein Thema ist die moralbedingte Krise. Ich lege dar, warum sie zu einem Dauerzustand in den modernen westlichen Gesellschaften geworden ist.

 

 

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