Was ist ein Philosoph? Ein Erforscher, Interpret und Kritiker der Moral und ihrer Wirkungs-geschichte, der geschichtlich in Erscheinung getretenen Werte und Wertekonstellationen sowie der Machtverhältnisse, die durch sie zementiert wurden.
Der hypermoderne westliche Mensch ist das durch den Prozeß umfassender, am Leitfaden der herrschenden Moral vorgenommener Konditionierungen dauerhaft dissoziierte Tier, das die eigene Auslöschung betreibt.
Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels.
Nachdem sich das christlich-liberale Bürgertum, von Dünkel erfüllt, viel zu lange im Spiegel betrachtet hatte, blickte Dionysos aus dem Spiegel zurück.
Der Umbruch von der heidnisch-polytheistischen zur christlich-monotheistischen Welt steht für den Erfolg eines Werte- und Ichbewußtseinssystems, das – von den Mitgliedern dauerhaft unterdrückter Gruppen entwickelt – die effektiveren Mittel zur Bewältigung generationenübergreifender Traumata bereitstellte, als das polytheistische. Davon zeugt die vollends abstrakte Konzeption des einen Schöpfergottes, die einem traumabedingt extrem dissoziierten Persönlichkeitssystem prinzipiell mehr entgegenkommt, als die viel weltlichere der heidnischen Götter. Denn ein vollends ins Metaphysische verlagertes göttliches Zentrum ermöglicht dem einzelnen auch den vollständigen Rückzug des Ichbewußtseins aus dem Körpergefühl, was die dauerhafte Abspaltung von Traumata erleichtert.
Die Art und Weise der Verschränkung der „ idealen und realen Dimension“, wie sie von der herrschenden moralischen Struktur in der Moderne vorgegeben und auf psychischer Ebene durch die Aufspaltung des Selbst in einen idealisierten und unerwünschten Persönlichkeitsteil verfestigt wird, sorgt zuverlässig dafür, daß der hypermoderne Mensch die (eigene) Natur fortwährend wie eine ansteckende Krankheit angreift und bekämpft.
Die Diktatur der Banken, Konzerne und Finanzmärkte – unter deren Befehlsgewalt die Nationalstaaten gleichsam wie Schlachtschiffe über das Meer des globalen Kapitalismus manövriert werden – ist ebenso Ursache wie Symptom der gesellschaftlichen Dauerkrise, je nachdem, welchen perspektivischen Standpunkt man einnimmt.
Die psychophysische Wirksamkeit der herrschenden moralischen Imperative beruht auf der im Namen der Erziehung gesellschaftlich durchgeführten Massentraumatisierung und Massendissoziierung von Kindern.
Die Ideale der christlichen Sklavenmoral zeigen die Wiederkehr jener einst im neolithischen Mutterrecht geheiligten Werte an, und zwar in ihrer metaphysisch-idealen, also einer vom Körpergefühl abgespaltenen Form. Das Erscheinen der christlichen Heilslehre bezeichnet, so gesehen, den Höhepunkt eines kollektivpsychischen Auf- und Abspaltungsprozesses, der im Spätneolithikum seinen Ausgang genommen hatte und – nachdem bereits viele Generationen der (alt-)europäischen Bevölkerung von der hellenischen und römischen Herrenschicht unterdrückt und versklavt und dadurch traumatisiert worden waren – mit der metaphysisch-idealen Neuausrichtung der zuvor im alteuropäischen Mutterrecht geheiligten Werte in der Antike endete.
An dieser Stelle sei das große Ganze, meine philosophisch-psychologische Vision, vorgestellt: die Schaffung einer nachpatriarchalen und nachkapitalistischen Kultur kann unter der Voraussetzung gelingen, daß das in der westlichen Welt kultivierte patriarchale Ichbewußtseinssystem mit Inhalten des vorpatriarchalen Bewußtseinssystems angereichert und dadurch grundlegend modifiziert wird.
