Die Angst geht um.
Die Jagd. Mit der Aufdeckung von Lügen hatte sie begonnen. Mit der Aufdeckung der Lügen, hinter denen sich Täter und Mitläufer wie hinter Stahlbeton verschanzten. Wie jene Greisin, die wir tagsüber bei der Gartenarbeit antrafen und befragten, und die zunächst alles abstritt. Nachts kehrten wir zurück und überraschten sie bei einer anderen Arbeit: beim Zuschneiden und Vernähen von Menschenhaut. Da offenbarte sie sich und erklärte, sie müsse das Werk ihres gefallenen Gatten vollenden. „Damit das alles nicht umsonst war“, und wies uns den Weg.
Sah einen rastlos umgetriebenen Schatten von menschlicher Gestalt, der durch das Labyrinth des Unbewußten zieht und die Herzen der Menschen mit Angst und Schuld erfüllt; der jeden unaufhörlich vorwärts drängt und peitscht und in eine Art maschinenhaftes Getriebensein zwingt, in die Wiederholung des ewiggleichen zerstörerischen und selbstzerstörerischen Verhaltens.
Schon bald wird man den eigenen Abgründen mehr als den eigenen Gründen vertrauen.
Ich singe, umgeben von Leichen. Von den Toten, die ein ungelebtes Leben führten und vergingen, wie sie existiert hatten: ohne Liebe und Anteilnahme, ohne jeden Sinn, ausgefüllt von Leere. Um mich herum liegen sie, kreisförmig aufgebahrt, am Rande einer schwarzen See.
So erschöpft und Nacht und das Drängen der Zeichen! Mit dem Wind eilen sie heran, ihm ihre Botschaften zu verkünden. Eilen und drängen hinein in die Augen, hinein in den trockenen Mund und in die Ohren, – und schlagen sich wie Goldstaub nieder auf die Poren.
Das Schlagen der Flügel trägt mich wie ein bläuliches Schimmern; wie hoch? Ich kann es nicht sagen, weiß nur: Wolf und Schmetterling durchströmen und tragen mich, jagen mich nach oben wie einen singenden Pfeil.
Das Leben spricht: „Tausendfach erscheine ich, bin tausendfach nur absolut; und allein durch Vielfalt wahr, und allein durch Vielfalt gut.“ Und lacht.
Da hält sie an und wirbelt herum! und der Stier wie eine weiße Wand! und ein Druck, der ihr den Atem raubt! und eine Hand, die ihr das Heiligste entreißt! und das Grauen, das sie schüttelt! und ein Läufer wie aus Gold! und Augen, die den Geist durchtrennen! und dann das Anhalten der Zeit! und dann nichts mehr.
Bin ich ein Mensch? Ein Schemen? Ein Geist? – Überall hebt und senkt sich weißer Dunst, erfüllt vom Vorangetriebensein menschähnlicher Automaten. – Wo bin ich? Bin ich noch Teil der Wirklichkeit? – Marionetten-, maschinenhaft formieren sie sich auf der Bühne der Welt, um alles und nichts im Namen des Guten zu richten und zu vernichten.
Dringe immer weiter vor, bis ich vor dem konditionierten Selbst stehe, das sich drohend vor mir erhebt. Es sieht aus, als bestehe es aus rot-braunem Gewebe, aus Muskeln und aus Haut, und besteht doch aus der Substanz der Gefühle und Instinkte, die von Geboten wie von Stahlseilen zusammengeschnürt werden.
An der Wirbelsäule leckt eine goldgrüne Flammenzunge empor. Verbrennt moralische Ablagerungen, entfernt alte Besetzungen. – Sind das die Überreste des falschen Selbst, die wie Asche in den Himmel steigen? – Schicht für Schicht dringt die Flamme vor und trifft auf das Feld, das von der Atmosphäre, von der Macht der Großen Mutter gebildet und zusammengehalten wird. Was bleibt von mir, wenn auch dieser Teil aufgelöst, aus der Innenwelt herausgelöst ist? – Am Grund und Abgrund der größten psychischen Schwerkraft springt die Flamme von Zelle zu Zelle, damit in mir eine umfassende Geistesfreiheit entstehen kann, die Geistesfreiheit der Gedanken und der Gefühle.
