Jenseits der Krise: schöne Geistespositionen

Öl auf Leinwand

Unerkannt steht ein blauer Stern des Geistes im Auge der Barbarei. Wartend auf den Augenblick, da er angerufen wird. Dehnt sich dann gewaltig aus, wandelt Schwarz zu Blau.

Ich folgte der Spur des Geistes. Fand: Einst verband er sich mit dem Gefühl, dann mit dem Denken, – um nunmehr Fühlen und Denken zu verbinden.

Jetzt, am Wendepunkt, an dem wir aufs neue erwachen, nehmen wir uns bei der Hand und verlassen das Auge des träumenden Gottes, um unsern eigenen, rein menschlichen Mythus unter einem götterfreien Himmel ins Leben zu rufen: wir, die selbstgewordenen Söhne und Töchter von Himmel und Erde.

Die Weite der Welt ist noch da. „Weite der Welt“, bete ich, und sie öffnet sich. Nimmt mich zu sich. Dann ist Erfüllung in einem ewigen Ja. Reine Glückseligkeit. Doch die Zeit holt Geist und Seele ein und zwingt sie zurück: in die scheußliche Enge jenes Stücks, das der kranke Mensch ersann. „Wirklichkeit“, nennt er diese von ihm kreierte Schattenwelt, und ist ihr verfallen: mit allem, was er denkt und tut. Doch es ist gut. Denn in allem wohnt die Weite der Welt.

Wie eine milde Sonne, wie ein Vorbote des Frühlings ging das Selbst auf und verharrte im Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde, von Indra und Gaia, die sich in angemessener Distanz umkreisten, bis sie wie Nebelschwaden zerrannen.

Noch vor Morgengrauen verschmolzen die Elemente, verschmolzen Wasser und Feuer und Erde und Luft, und der Gesang der Nachtigall verdichtete sich: „Was aufgeht, geht unter, was stirbt, das entsteht; was sein wird, ist gewesen, und verborgen, was erscheint.“

Das Selbst verschmolz mit der Welt. Alles in ihr war Gefühl, Gespür, Stimmung, war: gefühltes Vernehmen der Welt. War Empfängnis von Eindrücken, von Bild und Klang, und sie wurde: klang- und bildgestimmtes Selbst. Weil sie bei Regen ganz Regen wurde; bei Wind ganz Wind; beim Ruf des Adlers ganz Adler, wurde sie ungekrönte „Königin“. Dazu berufen, die Zeichen des Mysteriums zu vernehmen und zu deuten; – und sie berührte, indem sie sich berühren ließ, und sie erschuf Welt, indem sie sich erschaffen ließ, mit jedem Atemzug.

Der weiße Schlangenvater sang, den Kopf bedächtig wiegend. Er konnt‘ mit dem Gesang ganze Gedankenarmeen besiegen. Auch konnt‘ er Schatten locken und bezirzen, so daß sie lauschend ihn umringten, bis er sich auf einen stürzte, um ihn einvernehmlich zu verschlingen und so ins Licht zurückzuzwingen. Dann begann erneut das Singen, das unwiderstehliche Schatten-Bezwingen. Mein Geist aber reiste auf Zauberschwingen.

Das Selbst zieht heilige Kreise, weil es schöpferisch ist. Weil es das All noch einmal ist, in immer anderer Weise.

Wie die Blätter einer Baumkrone eine Fülle an Klängen erzeugen, je nachdem, wie der Wind auf ihnen spielt, so auch die Zellen der in Kontemplation Versunkenen, als der Geist durch sie fuhr.

Der Körper ist ein Schwingen im Wind: aufwärts, abwärts, hin und her. In ihm gibt es keine Schwere mehr, denn er wurde Weltenkind. Der Geist trieb Wurzeln in die Erde, so daß sie sanft das Herz umfaßt; und er stieg empor zum Himmel, so daß dieser sich verbinde mit der Erde und ums Herz sich lege, – nun ist der Körper Weltenkind. Ein Schwingen im Wind. Eine allverbundene Seele.

Vorbei ist, was im Innern Heimat war und starb. Was im Herzen Wurzeln schlug, blühte, verwelkt, – und Trauer nach sich zieht. Regen, in dem die Zukunft wohnt, weil er ins Innere fällt.

Tanzen ist Beten. Ich ruhte am Rand der Welt in tiefer Stille, bis aus der Stille Bewegung erstand. Eine Fülle innerer Bewegung, die durch den Körper floß und Arme, Beine, Schultern beseelte, so daß sich der Körper regte und Ausdruck wurde, Tanz. Durch Hingabe wirkte der Körper auf die Welt, und der Abglanz der Welt wirkte auf ihn zurück, aufs Selbst: Da wurden Welt und Selbst ganz, vermittelt durch den Tanz.

Sich überlebt hat, wer die eigenen Gefühle gering schätzt und achtlos über sie hinweggeht, statt den Schatz zu bergen und sich in den Gefühlen, und sie in sich zu entfalten und die entfalteten Gefühle mit dem Denken zu verknüpfen, um eines Morgens überrascht festzustellen: Das war ja die Bedingung für das Entstehen-Können einer neuen Kultur!

Das Heilige ist herrlich. Es führt das Ich hinein in ein Sein, das wie ein zeitloser Tempel ist und wo alles Leid entbehrlich. Wo das Ich sich mit den Hohen vereint und aufsteigt zu wilder Ekstase; zu einer Phase lustvollsten Wehs, in der es liebestrunken lacht und weint und mit der Welt verschmilzt auf innigste Weise.

Noch vor Sonnenaufgang erreiche ich ein Felsplateau und wage mich vor bis an den äußersten Rand. Dort halte ich Ausschau und verwurzle mich Regung für Regung im Gestein. Der Geist durchmißt den Horizont, das Zwischenreich von Himmel und See, wo er sich glücklich verliert und untergeht und geläutert aus den Wellen steigt. Zelle für Zelle stimmt der Körper ein Dankeslied an und wiegt sich sanft im Wind. Halb Rehbock, halb Weltenkind, stehe ich am Rand der Welt, warte auf das Morgenrot und feiere das Leben.

(Alle Textauszüge entstammen der Büchern „Wandlung. Poetische Philosophie“ und „Die Weite der Welt. Philosophische Energetik“.)