Ein weiterer Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I. Ein Kurzessay. Oder ein verdammt lang geratener Aphorismus?

Liebe Fangemeinde, dear followers, um die große Nachfrage nach weiteren Texten zu befriedigen, anbei ein weiterer Beitrag.

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In atemberaubender Geschwindigkeit werden auch noch die letzten widerständigen Refugien vom Krebsgeschwür des Kapitalismus befallen und zersetzt, wird auch noch der letzte nichtkommerzialisierte „Wert-Fitzel“ von der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie absorbiert und pulverisiert, frißt sich die längst zur Normalität gewordene Korruption durch alle gesellschaftlichen Bereiche.
In hektischem Hin und Her versucht das Establishment, versucht das bürgerlich-liberale Lager samt dem Beamtenapparat die Kräfte der Finanzmärkte, deren Freisetzung man ja durch Politik und Medien überhaupt erst ermöglicht und auf den Weg gebracht hat, irgendwie in den Griff zu bekommen und das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Zumindest dem Anschein nach. Denn die Dynamik der Wirtschafts- und Finanzkrise wird von den gleichen Kreisen auch zielgerichtet zur Profitmaximierung, zur Zertrümmerung der Sozialsysteme sowie zur Etablierung einer autoritären europäischen Zentralregierung genutzt: Die „Verkauften Staaten von Europa“ sollen einen neoliberal-kapitalistischen Machtblock bilden, der die Interessen der europäischen Wirtschaftseliten als starker Global Player weltweit durchsetzen kann, einer parlamentarischen Kontrolle möglichst ganz entzogen ist und – da sind sich wahrscheinlich nicht nur die deutschen Eliten einig – von Berlin aus gesteuert wird.
Gegen derartige Machenschaften protestiert in Deutschland standesgemäß die richtige Linke, die sich, sehr vereinfacht gesagt, seit jeher aus revolutionswilligen Hardlinern und revolutionsunwilligen Sozialreformern zusammensetzt, während das Kirchenpersonal zuverlässig Ewiggestriges verkündet, die Liberalen und Konservativen in geistiger Hinsicht nicht mehr als einen lauen Furz absondern, die Rechten wie gehabt gegen Ausländer hetzen und sich dazwischen, darunter, darüber das kunterbunte Heer all jener die politisch-ökonomischen Realitäten inzwischen vollends ausblendenden „irdischen Marsianer“ den Weg einer wie auch immer gearteten topmodernen spirituellen Selbstverwirklichung bahnt, Amen.
Was soll, was muß daraus erwachsen? – Zugegeben, das Bild ist grob skizziert; aber ist es deswegen falsch? – Also: Was muß daraus erwachsen? Doch nur eine weitere noch brutalere Phase der Herrschaft des Kapitals samt den auf Leben und Tod dazugehörigen Erscheinungen Faschismus und autoritärer Sozialismus, den „ideologischen Derivaten“ des liberalkapitalistischen Systems, was zu weiteren Krisen, Konflikten und Kriegen im Namen der Humanität und der Optimierung des Menschen führen wird. (Überraschend finde ich allerdings schon, mit welcher Selbstverständlichkeit, was sag‘ ich, Schamlosigkeit man sich in Europa erneut dem Nationalismus und Faschismus verschreibt.)
So weit, so schlecht. Was bleibt, sind verbrannte Erde und Fragen. Wurde der Beginn einer postdemokratischen Ära in Europa bereits unwiderruflich eingeläutet? Wird sich, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, schließlich doch noch der richtige Kommunismus in Deutschland oder sogar in Europa durchsetzen (was immer das auch sein mag)?
Oder kommt es vielleicht ganz anders? Weil etwas Unerwartetes, momentan noch Unvorhersehbares eintreten wird? Etwas, wovon man derzeit noch nicht mal zu träumen wagt?