Auszug III aus „Wir sind Krise“, Band I

Um dieser Aufgabe nachzukommen, skizziere ich zunächst das Wertegefüge der europäischen Moral. Dabei halte ich mich an die Ergebnisse Friedrich Nietzsches, der zum Bestand des europäischen Wertegefüges „Herren- und Sklavenmoral“ zählt (im Unterschied zu Nietzsche verwende ich die Begriffe nicht wertend, sondern rein deskriptiv).
Den Terminus „Herrenmoral“ verwendet Nietzsche dazu, die etwa in Persien, Hellas und Rom von der indogermanischen Eroberer- und Herrenschicht etablierten Wertesysteme zu bezeichnen. Der Begriff dient ihm außerdem dazu, das aristokratische Selbstverständnis, von dem die indogermanische Herrenschicht erfüllt war, zu kennzeichnen; das Selbstverständnis nämlich, eine zur Herrschaft berufene aristokratisch-soziale Elite zu sein, der die Aufgabe, die Welt zu gestalten und die Gesellschaft zu formen, wesensgemäß zukommt. Nietzsche begreift dieses Selbstverständnis als etwas durchaus Positives, Begrüßenswertes, weil die – in seinen Augen durch innere Machtfülle ausgezeichnete – indoeuropäische Herrenschicht die Bürde auf sich nahm, die Verantwortung für sich und alle anderen Mitglieder der Gesellschaft zu tragen und dafür zu sorgen, daß das geistig-moralische Niveau des Menschengeschlechts gehoben wird. Daher kam nach Nietzsche auch allein der zur Führung berufenen Herrenschicht, den indogermanischen Krieger- und Priesterbünden, das Recht zu, oberste Werte zu schaffen und diese mit allen dafür notwendigen Mitteln durchzusetzen.
Geschichtlich gesehen haben viele verschiedene Gesellschaftsformen existiert, die im Zeichen der Herrenmoral zur Herrschaft gebracht wurden: etwa die von den Hellenen und Römern errichteten Staatsgebilde (Polis und Imperium Romanum) sowie die politisch weniger strukturierten Herrschaftsgebilde der Kelten- und Germanenstämme. Doch so unterschiedlich sie im einzelnen auch waren, es gab doch ein alle verbindendes Moment: das Selbstverständnis der indoeuropäischen Krieger- und Priesterbünde, zur gewaltsamen Führung der Gesellschaft berechtigt zu sein.
Unter dem Terminus „Sklavenmoral“ subsumiert Nietzsche kurz gesagt all jene den Wertschätzungen des indoeuropäischen Adels feindlich entgegengesetzten Gesinnungen und Glaubensrichtungen, die sich in der Antike über lange Zeiträume im Verborgenen und zuletzt vor allem in sichtbarer Entgegensetzung zur römischen Herrenmoral entwickelten und schließlich im Christentum bündelten, das zum Evangelium aller durch das Römische Imperium Unterworfenen, Unterdrückten und Entrechteten avancierte.
Wie eine Sklavenmoral entsteht, liegt auf der Hand (um die Aktualität der im folgenden beschriebenen Vorgänge hervorzuheben, verfasse ich diesen Abschnitt im Präsens): Sobald ein Volk oder eine andere Gruppe dauerhaft unter Fremdherrschaft gerät, wird sich der geballte Haß der Gruppe naturgemäß gegen die Herrenkaste richten und irgendwann eine Moral hervorbringen, die den Werten der Herrschenden diametral entgegengesetzt ist, weil sie auf den Umsturz der herrschenden Verhältnisse zielt. Eine Sklavenmoral ist mithin ein Instrument der geistigen Kriegsführung, dazu geschaffen, das Fundament der Herrenmoral Wert für Wert auszuhöhlen, um das Herrschaftssystem zu schwächen und über kurz oder lang zum Einsturz zu bringen. Umgekehrt werden die höchsten Werte, die von einer unter Fremdherrschaft geratenen Gruppe verehrt werden, von der Herrenkaste systematisch als das Schlechte, das naturgegeben Unterlegene und daher Verachtenswürdige, gebrandmarkt.
Grundsätzlich gilt: Was eine Herrenkaste als das Ideale und Gute und Wünschenswerte in Form oberster Werte verabsolutiert, wird von der Sklavenkaste als böse verteufelt. Und umgekehrt: Was die Sklavenkaste heiligt, wird von der Herrenkaste als schlecht und nichtswürdig abgetan. Der Fall des Imperium Romanum und des Christentums belegt das. Was von den in Rom Herrschenden begehrt und verehrt wurde – etwa weltliche Macht, oder auch Reichtum und Ruhm –, wird im Neuen Testament als das Böse verteufelt. Und alles, was die römische Aristokratie verachtet hat – Demut etwa und Mitleid, oder auch die Gleichheit aller vor Gott –, wird im Neuen Testament als das Höhere und Erstrebenswerte dargestellt.

Es ist klar, daß eine von der Herrenschicht systematisch betriebene geistige Abwertung und physische Herabwürdigung ihre Wirkung in der Regel nicht verfehlen und bei der unterworfenen Gruppe ein kollektives Empfinden der Mangelhaftigkeit, der Minderwertigkeit und des Ungenügens, ja mitunter sogar des Aussätzig- und Gezeichnet-Seins hervorrufen.
Um dieses schmerzhafte Empfinden dauerhaft unterdrücken bzw. das Brennen dieser psychischen „Wunde“ mildern zu können, bilden sich verschiedene Ressentiments und psychische Abwehrmechanismen aus: etwa ein glühender Kollektivhaß auf alles Lebensbejahende, Glückliche, Unschuldige, Machtvolle und Schöne samt dem dauernden Verlangen nach Genugtuung und Vergeltung, jener berauschenden Wirkung des Rachedursts, die als Stimulans genutzt und kultiviert wird. Oder auch das (unbewußte) Streben danach, die „Schmach“ des Unterdrücktwerdens unter immer neuen Rationalisierungen oder lebensfernen Idealen zu begraben bzw. durch eine dem Anschein nach ganz und gar uneigennützige, weil vordergründig der Liebe und Freundschaft und Tugend verpflichtete, Lebensweise vergessen zu machen. Diese Technik der psychischen Kompensation unerwünschter Anteile des Selbst wird zum Beispiel im Neuen Testament fortwährend in Szene gesetzt und als Mittel zur Linderung der (psychischen) Not anempfohlen.
Darüber hinaus entsteht in der Regel ein unbewußt einsetzender Reflex, dem es geschuldet ist, daß die Mitglieder eines unterdrückten Kollektivs nicht nur jegliche Selbstverantwortung im Namen einer höheren Macht, etwa im Namen Gottes, von sich weisen, sondern auch alle Schuld prinzipiell anderen zuweisen. Dieser „psychische Mechanismus“ sorgt zuverlässig dafür, daß aus den Opfern von gestern die Täter von heute werden, sobald ein Gegenüber gefunden ist, das sich als Feindbild bzw. als Sündenbock eignet, also als Projektionsfläche des eigenen psychischen „Schattenanteils“ (Schatten im C.G. Jungschen Sinn). Das ist das Gefährliche und Tückische an der Sache: Sowohl das kollektive Empfinden der Mangelhaftigkeit als auch die Techniken zur psychischen Abwehr und Kompensation dieses Empfindens bilden das immaterielle Erbe aller durch eine Herrenmoral dauerhaft Unterdrückten bzw. durch eine Sklavenmoral Konditionierten (das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung).
Nietzsche schreibt: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein nein zu einem „Außerhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst“: und dies Nein ist ihre schöpferische Tat.“12
Die Sklavenmoral setzt sich absolut, indem sie alles außerhalb ihrer selbst negiert, – indem sie die Werte der Herrenmoral mit dem Stigma des Bösen versieht, gemäß der Logik: Was böse ist, darf nicht sein. Die Sklavenmoral ist die genaue Umkehrung der Herrenmoral, die Werte der Moralen sind diametral entgegengesetzt.
Herren- und Sklavenmoral bilden die Struktur des europäischen Wertesystems und sorgen durch ihren Widerstreit für den Fortgang der Geschichte. Im Vollzug ihres geschichtlichen Widerstreits ringen, nunmehr schon seit Jahrtausenden, Generationen von Herren- und Sklavenkasten, Herrschenden und Beherrschten, Recht-Setzenden und Rechtlosen, Freien und Unfreien, Besitzenden und Besitzlosen um Macht. Dieser Machtkampf, zu dem auch das (meist vergebliche) Ringen der durch eine Sklavenmoral Konditionierten um Emanzipation von der eigenen moralisch-psychischen Disposition gehört, wurde und wird von vielfachen Krisen, Konflikten, (Bürger-)Kriegen und, in der Neuzeit, auch von Revolutionen geprägt.

 

Auszug II aus „Wir sind Krise“, Band I

„Ich verstehe unter ‚Moral‘ ein System von Wertschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.“ Friedrich Nietzsche

„Moral“ ist ein von einer geistigen Elite oder von einzelnen zum Zweck der Gliederung der Gesellschaft und der Kontrollierbarkeit der Mehrheit geschaffenes, aus höchsten Werten und diesen diametral entgegengesetzten „Unwerten“ (Erich Neumann) hierarchisch konstruiertes Wertesystem; aus Werten, denen, sobald zur Herrschaft gebracht, normative Geltung zukommt, und deren Inhalt und Form durch die Lebensbedingungen eines Volks bzw. eines Individuums immer wesentlich mitbestimmt werden. Moralverursachte Krisen entstehen, sobald ein herrschender Wert, zum Beispiel ein Ideal, einer Veränderung im Wege steht – genauer: entgegenwirkt –, die für einen einzelnen oder für ein Kollektiv von existentieller Bedeutung ist; sie dauern, bis sich ein der eingetretenen Veränderung gemäßer Wertewandel vollzogen hat, in der Regel also ziemlich lange.
Wer vermag schon alte Überzeugungen und Gewohnheiten von heute auf morgen loszulassen, wer verzichtet schon auf vermeintlich unverzichtbare Privilegien? Nein, meistens hält man während eines Wertewandels, bewußt oder unbewußt, noch einige Zeit an dem Wert, der sich „überlebt“ hat, fest, obwohl die Bewältigung der Krisensituation dadurch verhindert, der Umbruch blockiert wird. Etwa, wenn sich bei einem reaktionären Geist ein Wandel der inneren Einstellung vollzogen hat und er an einer Tradition aus Angst oder Gewohnheit festhält, obwohl er an den Folgen psychisch erkrankt. Oder wenn ein Apologet des Fortschrittsglaubens in einer gesellschaftlichen Krisensituation wider besseres Wissen ausschließlich auf moderne Ideale als Mittel der Bewältigung setzt, obwohl die Krise dadurch nicht überwunden, sondern verlängert wird.
Dieses regelmäßig wiederkehrende Phänomen – das widersinnige Festhalten von einzelnen und Gruppen am Unzweckmäßigen, Dysfunktionalen – beruht nicht in erster Linie auf menschlichem Unvermögen, sondern auf der Wirkung der Moral. Ideale, Prinzipien, Tugenden sind ja nicht etwas, das man sich nach Belieben anschafft und ablegt. Im Gegenteil. Einmal zur Herrschaft gelangt, fordern sie unbedingten Gehorsam. Jede Moral befiehlt, alle herrschenden, moralisch sanktionierten Werte sind Imperative. Sie sind nicht relativierbar; sie tyrannisieren! –
Was sind moralisch sanktionierte Werte? Idealvorstellungen vom Menschen, die man jenseits von Werden und Vergehen als höchste unveränderliche Leitbilder eines richtigen und guten Lebens aufgestellt hat, als Sinn und Zweck des Lebens jedes einzelnen. Was sind moralisch sanktionierte Werte? Die um das herrschende Menschideal gruppierten Normen richtigen und falschen Verhaltens, die unbedingte Geltung beanspruchen und, einmal internalisiert, zu psychisch wirksamen Verhaltensimperativen „mutieren“ – zu den Geboten und Verboten des Über-Ichs –, die das Verhalten jedes einzelnen großteils ohne Mitwirkung des Bewußtseins steuern.
Was sind herrschende Werte? Verabsolutierte „Einzelaspekte des Gesamtaspekts Mensch“ (Nietzsche), die auf Kosten aller anderen Seinsmöglichkeiten des Menschen herrschen, bis sie durch andere Werte respektive „Werteplacebos“, die zur Herrschaft gelangen, gewaltsam verdrängt und ersetzt werden: sei es im Vollzug von Wirtschaftskriegen oder politisch-sozialen Revolutionen, sei es durch technische Neuerungen oder klimatische Veränderungen. (Unter „Werteplacebos“ verstehe ich alle gehaltlosen, weder Verstand noch Gefühl noch Instinkt nährenden „Glasperlen des Geistes“, zum Beispiel Börsenkurse.)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß moralbedingte Umwälzungen in der Regel große Erschütterungen auslösen und als Krisensituationen wahrgenommen werden. Ich präzisiere meine Definition: Moralbedingte Krisen bezeichnen die kritischen Höhepunkte in der Dramaturgie eines Wertewandels. Sie dauern, bis sich eine (geschichtliche) Wende, ein Umbruch, eine Machtverschiebung im herrschenden Wertegefüge vollzogen hat und eine Neuordnung der Machtverhältnisse erfolgt ist.

Politische Krisen, an denen mehrere Konfliktparteien beteiligt sind, führen aber nicht immer zu einer Neuordnung der Macht, sondern mitunter zur Wiederherstellung des Status quo, wie er vor dem Ausbruch der Krise geherrscht hat. Daß eine Wiederherstellung des Status quo ante tatsächlich möglich ist, bezweifle ich aber. Meiner Einschätzung nach bedeutet eine Wiederherstellung des früheren Zustands immer auch die Inkaufnahme von Machtverschiebungen, die anfangs eventuell noch nicht sichtbar sind, aber nach und nach in Erscheinung treten und sich auf die eine oder andere, oftmals überraschende, Weise auswirken.
Aus machiavellistischer Perspektive ist es selbstverständlich Unsinn, Krisen nur als (politischen) Notstand, als etwas Negatives zu begreifen. Vielmehr stellt eine gezielt herbeigeführte innen- oder außenpolitische Krisensituation ein besonders effektives und von den Herrschenden daher gern eingesetztes Mittel dar, um die eigene Vormachtstellung zu erhalten oder auszubauen, eine Veränderung der Machtverhältnisse zum eigenen Vorteil herbeizuführen. Wirtschafts- und Finanzkrisen werden dazu genutzt, den Abbau sozialstaatlicher Strukturen voranzutreiben und strukturelle Veränderungen des politisch-industriellen Machtkomplexes durchzusetzen, die den Interessen der Bevölkerungsmehrheit zuwiderlaufen.
Die ökonomischen Zusammenhänge, wie sie etwa von Karl Marx analysiert und beschrieben worden sind, interessieren hier jedoch nur am Rande. Mein Thema ist die moralbedingte Krise. Ich lege dar, warum sie zu einem Dauerzustand in den modernen westlichen Gesellschaften geworden ist.

 

 

Auszug I aus „Wir sind Krise“, Band I

Erstes Kapitel · „Krise? Welche Krise?“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlin

I.
Die Krise der modernen westlichen Gesellschaften dauert an. Sie brach seit dem Ausgang der Reformation in immer kürzeren Abständen über die westliche Welt herein und hat sich schließlich in der bürgerlich-liberalen Welt festgesetzt, also im Machtbereich der von der Bourgeoisie jahrmarktartig betriebenen „Pluto-Demo-Kratie“. Sie bezeichnet das Endstadium einer langwierigen Auflösung des europäischen Wertegefüges, der Auflösung nicht nur der aristokratischen, sondern sämtlicher moralisch sanktionierten Werte. Sie gehört zur Hypermoderne, zur heutigen Phase der Moderne, wie das Amen zur Kirche. Sie ist gefräßig und allgegenwärtig.
Symptomatisch für den Dauerzustand der Krise in der Hypermoderne ist ein Empfinden, das sich in den westlichen Gesellschaften hartnäckig hält: das kollektive Empfinden, geschichtlich an ein Ende gelangt zu sein. An einen geschichtlichen Wendepunkt, über den man nicht hinauskommt. Es ist das Ahnen eines entscheidenden Umbruchs, der spürbar, aber noch nicht greifbar ist; der sich dem Begreifen noch entzieht und daher unbewältigbar erscheint.
Andererseits hat die „Krise“ schon etliche Ausdeutungen erfahren und trägt viele Überschriften. Eine Auswahl: das „Versagen der metaphysischen Sicherungssysteme“1; das „Ende der Geschichte“2; „Das wird jetzt zunehmend eine Welt, die nicht mehr regierbar ist“3; „Gott ist tot“4; „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“5; „(…) eine völlige Unsicherheit hinsichtlich Moral“6; „Endzeit? Die Zukunft der Geschichte“7; „Unser Boden ist nicht der Rechtsboden, es ist der revolutionäre Boden“8; „Logik der Rettung“9; „Der Untergang des Abendlandes“10; und natürlich darf auch die Überschrift „Die letzte Krise“11 in dieser Aufzählung nicht fehlen.
So unterschiedlich die Befunde und Schlußfolgerungen im einzelnen auch ausfallen; und unabhängig davon, ob die Verfasser einen gesellschaftlichen Wertewandel konstatieren oder zu einem gewaltsamen Umsturz aufrufen, um die Überwindung der ihrer Einschätzung nach überkommenen respektive verkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse in Aussicht zu stellen, – in einem entscheidenden Punkt stimmen sie doch überein: in der Diagnose nämlich, daß sich die modernen bzw. die postmodernen westlichen Gesellschaften in einem Krisenzustand befinden.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise wird diese Diagnose, auch wenn sich die Deutungen zum Teil widersprechen, heute in der Regel als zutreffend angesehen und nur noch von unbelehrbaren Technokraten, Pseudopolitikern, Pseudojournalisten und allen anderen Profiteuren des Kapitalismus in Frage gestellt und bestritten. Von den Hardlinern des herrschenden Systems mit einem Wort, die sich dem Phänomen Gesellschaftskrise bzw. Gesellschaftswandel durch die „Magie der Verdrängung“ auch heute noch entziehen können – und das Offensichtliche daher aus innerer Betriebsblindheit leugnen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit den Anschein erwecken, sachlichen Argumenten zugänglich zu sein.

Daß eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation von der Bevölkerung in der Regel als etwas Bedrohliches und Gefährliches wahrgenommen wird und nur selten als eine willkommene Chance, positive Veränderungen herbeizuführen, resultiert nicht nur aus den schlechten Gewohnheiten und der geistigen Passivität der „Masse“ (vgl. Aph. 95, S. 284), sondern auch aus dem Wissen, daß sich Gesellschaftskrisen auf das Leben der meisten bislang eher negativ ausgewirkt haben.
Man denke nur an die Wirtschaftskrisen des kapitalistischen Systems, deren Auswirkungen – ganz im Sinn der Profiteure – meist zu massenhafter Verarmung, mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen (z.B. in der Gründungsphase der Weimarer Republik) oder auch zu gewalttätigen Konflikten führten, sobald die Herrscherelite einer krisengebeutelten Nation ihr Heil in einer aggressiven Außenpolitik suchte. Manchmal führte eine Krise auch direkt in die Katastrophe, wie die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigt.
Trotzdem eröffnet sich in Krisensituationen immer auch die Chance, eine für den einzelnen bzw. für die Gesellschaft günstige Wendung oder heilsame Veränderung herbeizuführen (auch den politisch-sozialen Revolutionen ist ja immer eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation vorausgegangen, nicht wahr?). Alles kommt darauf an, wie eine Krise gedeutet und von wem ihre Überwindung organisiert wird, ob die dafür adäquaten Mittel gefunden und eingesetzt werden oder nicht.
Ich versuche eine Definition: Krisen gehören zur Struktur des westlichen Wertesystems und bezeichnen geschichtliche Wendepunkte; jene Phasen eines (moralischen) Umbruchs – eines Wertewandels –, in denen sich weitreichende Veränderungen im herrschenden Wertegefüge vollziehen.
Der Satz läßt sich auch auf Finanzkrisen anwenden, weil Wirtschafts- und Finanzsysteme immer nur ein ins Materielle verlagerter Ausdruck der herrschenden Moral bzw. Unmoral sind: weshalb der gewaltige Verlust oder eine gewaltige Umverteilung materieller Werte nichts anderes als eine Erschütterung der bestehenden Werteordnung bedeutet (so gesagt, um die Sichtweise der Anhänger des historischen Materialismus mal auf den Kopf zu stellen).

Ein Kennzeichen der allgemeinen Auflösung der Werte ist das Aufkommen von Nihilismus und Pessimismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis heute weit verbreitet sind. Allerdings muß man den Nihilismus in seiner positiven Ausprägung – als eine individuelle Lebenshaltung, die alle Werte heroisch verneint – natürlich streng vom defätistischen „Nihilisieren“ aller Dinge sowie vom passiven Erleiden der ätzenden Wirkung des „europäischen Nihilismus“ (Nietzsche), als den typischen Verhaltensweisen der großen Menge in Sachen Nihilismus, unterscheiden, sofern sie von diesem überhaupt berührt wird. (Unheimlich, aber wahr: das europäische Jahrtausendereignis, der „Tod Gottes“ (Nietzsche), wird von vielen bis heute nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn, daß man sich darüber Gedanken gemacht hätte, welche Folgen dieser innerpsychische „Verlust“ nach sich zieht.)
Wie sich zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 als „Bankenkrise“ (deutsche Medien) ihren Ausgang nahm, anschaulich beobachten ließ, lösen gesellschaftliche Krisensituationen bei vielen zunächst nichts als reflexartige Abwehr und großes Wehgeschrei aus. Nach der Erholung vom ersten Schock tut man dann alles dafür, das flüchtig Erfaßte so schnell wie möglich zu vergessen oder vielmehr zu verdrängen und geht zur Tagesordnung über, also zur kadavergehorsamsmäßigen Erfüllung der Alltagspflichten oder auch zur ritualisierten „Selbstauslöschung“ – etwa durch steten Fernsehkonsum (Fußball!). Gleichzeitig beginnt man, nach geeigneten Sündenböcken Ausschau zu halten („die faulen Griechen“), denen man die Schuld ganz bequem vom Fernsehsessel aus in die Schuhe schieben kann, ohne das eigene vollends irrationale Verhalten zu erfassen oder, sofern es dem einen oder anderen bewußt wird, in Frage zu stellen.
Daß man dadurch den Brand der Dauerkrise schürt, sich ihm gleichsam als Brennmaterial in den Rachen wirft, kommt diesen Leuten daher nicht in den Sinn. Mir schon. Das ist auch ein Grund dafür, daß ich über das Phänomen „Krise“ schreibe; ein anderer, wichtigerer Grund dafür ist, daß ich mich als Teil der moralbedingten Krise begreife. Ich bekenne, daß mein Leben phasenweise ein einziger ununterbrochener Krisenzustand war, ein Zerrissen-gewesen-sein zwischen den Anteilen meines Selbst: zwischen Verstand und Gefühl, Ichbewußtsein und Unbewußtem, Liebes- und Haßgefühlen. Obwohl es mitunter unerträglich war, habe ich den Zustand bis zur bitteren Neige ausgekostet. Bis zur Selbstzerfleischung habe ich ihn ausgehalten, kroch immer tiefer in ihn oder vielmehr in mich hinein und wühlte mich wie ein Maulwurf durch mein Selbst, bis ich eines Tages auf der anderen Seite glücklich herausgekommen bin.