Auszug I aus „Wir sind Krise“, Band I

Erstes Kapitel · „Krise? Welche Krise?“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlin

I.
Die Krise der modernen westlichen Gesellschaften dauert an. Sie brach seit dem Ausgang der Reformation in immer kürzeren Abständen über die westliche Welt herein und hat sich schließlich in der bürgerlich-liberalen Welt festgesetzt, also im Machtbereich der von der Bourgeoisie jahrmarktartig betriebenen „Pluto-Demo-Kratie“. Sie bezeichnet das Endstadium einer langwierigen Auflösung des europäischen Wertegefüges, der Auflösung nicht nur der aristokratischen, sondern sämtlicher moralisch sanktionierten Werte. Sie gehört zur Hypermoderne, zur heutigen Phase der Moderne, wie das Amen zur Kirche. Sie ist gefräßig und allgegenwärtig.
Symptomatisch für den Dauerzustand der Krise in der Hypermoderne ist ein Empfinden, das sich in den westlichen Gesellschaften hartnäckig hält: das kollektive Empfinden, geschichtlich an ein Ende gelangt zu sein. An einen geschichtlichen Wendepunkt, über den man nicht hinauskommt. Es ist das Ahnen eines entscheidenden Umbruchs, der spürbar, aber noch nicht greifbar ist; der sich dem Begreifen noch entzieht und daher unbewältigbar erscheint.
Andererseits hat die „Krise“ schon etliche Ausdeutungen erfahren und trägt viele Überschriften. Eine Auswahl: das „Versagen der metaphysischen Sicherungssysteme“1; das „Ende der Geschichte“2; „Das wird jetzt zunehmend eine Welt, die nicht mehr regierbar ist“3; „Gott ist tot“4; „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“5; „(…) eine völlige Unsicherheit hinsichtlich Moral“6; „Endzeit? Die Zukunft der Geschichte“7; „Unser Boden ist nicht der Rechtsboden, es ist der revolutionäre Boden“8; „Logik der Rettung“9; „Der Untergang des Abendlandes“10; und natürlich darf auch die Überschrift „Die letzte Krise“11 in dieser Aufzählung nicht fehlen.
So unterschiedlich die Befunde und Schlußfolgerungen im einzelnen auch ausfallen; und unabhängig davon, ob die Verfasser einen gesellschaftlichen Wertewandel konstatieren oder zu einem gewaltsamen Umsturz aufrufen, um die Überwindung der ihrer Einschätzung nach überkommenen respektive verkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse in Aussicht zu stellen, – in einem entscheidenden Punkt stimmen sie doch überein: in der Diagnose nämlich, daß sich die modernen bzw. die postmodernen westlichen Gesellschaften in einem Krisenzustand befinden.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise wird diese Diagnose, auch wenn sich die Deutungen zum Teil widersprechen, heute in der Regel als zutreffend angesehen und nur noch von unbelehrbaren Technokraten, Pseudopolitikern, Pseudojournalisten und allen anderen Profiteuren des Kapitalismus in Frage gestellt und bestritten. Von den Hardlinern des herrschenden Systems mit einem Wort, die sich dem Phänomen Gesellschaftskrise bzw. Gesellschaftswandel durch die „Magie der Verdrängung“ auch heute noch entziehen können – und das Offensichtliche daher aus innerer Betriebsblindheit leugnen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit den Anschein erwecken, sachlichen Argumenten zugänglich zu sein.

Daß eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation von der Bevölkerung in der Regel als etwas Bedrohliches und Gefährliches wahrgenommen wird und nur selten als eine willkommene Chance, positive Veränderungen herbeizuführen, resultiert nicht nur aus den schlechten Gewohnheiten und der geistigen Passivität der „Masse“ (vgl. Aph. 95, S. 284), sondern auch aus dem Wissen, daß sich Gesellschaftskrisen auf das Leben der meisten bislang eher negativ ausgewirkt haben.
Man denke nur an die Wirtschaftskrisen des kapitalistischen Systems, deren Auswirkungen – ganz im Sinn der Profiteure – meist zu massenhafter Verarmung, mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen (z.B. in der Gründungsphase der Weimarer Republik) oder auch zu gewalttätigen Konflikten führten, sobald die Herrscherelite einer krisengebeutelten Nation ihr Heil in einer aggressiven Außenpolitik suchte. Manchmal führte eine Krise auch direkt in die Katastrophe, wie die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeigt.
Trotzdem eröffnet sich in Krisensituationen immer auch die Chance, eine für den einzelnen bzw. für die Gesellschaft günstige Wendung oder heilsame Veränderung herbeizuführen (auch den politisch-sozialen Revolutionen ist ja immer eine gesamtgesellschaftliche Krisensituation vorausgegangen, nicht wahr?). Alles kommt darauf an, wie eine Krise gedeutet und von wem ihre Überwindung organisiert wird, ob die dafür adäquaten Mittel gefunden und eingesetzt werden oder nicht.
Ich versuche eine Definition: Krisen gehören zur Struktur des westlichen Wertesystems und bezeichnen geschichtliche Wendepunkte; jene Phasen eines (moralischen) Umbruchs – eines Wertewandels –, in denen sich weitreichende Veränderungen im herrschenden Wertegefüge vollziehen.
Der Satz läßt sich auch auf Finanzkrisen anwenden, weil Wirtschafts- und Finanzsysteme immer nur ein ins Materielle verlagerter Ausdruck der herrschenden Moral bzw. Unmoral sind: weshalb der gewaltige Verlust oder eine gewaltige Umverteilung materieller Werte nichts anderes als eine Erschütterung der bestehenden Werteordnung bedeutet (so gesagt, um die Sichtweise der Anhänger des historischen Materialismus mal auf den Kopf zu stellen).

Ein Kennzeichen der allgemeinen Auflösung der Werte ist das Aufkommen von Nihilismus und Pessimismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die bis heute weit verbreitet sind. Allerdings muß man den Nihilismus in seiner positiven Ausprägung – als eine individuelle Lebenshaltung, die alle Werte heroisch verneint – natürlich streng vom defätistischen „Nihilisieren“ aller Dinge sowie vom passiven Erleiden der ätzenden Wirkung des „europäischen Nihilismus“ (Nietzsche), als den typischen Verhaltensweisen der großen Menge in Sachen Nihilismus, unterscheiden, sofern sie von diesem überhaupt berührt wird. (Unheimlich, aber wahr: das europäische Jahrtausendereignis, der „Tod Gottes“ (Nietzsche), wird von vielen bis heute nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn, daß man sich darüber Gedanken gemacht hätte, welche Folgen dieser innerpsychische „Verlust“ nach sich zieht.)
Wie sich zu Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise, die 2008 als „Bankenkrise“ (deutsche Medien) ihren Ausgang nahm, anschaulich beobachten ließ, lösen gesellschaftliche Krisensituationen bei vielen zunächst nichts als reflexartige Abwehr und großes Wehgeschrei aus. Nach der Erholung vom ersten Schock tut man dann alles dafür, das flüchtig Erfaßte so schnell wie möglich zu vergessen oder vielmehr zu verdrängen und geht zur Tagesordnung über, also zur kadavergehorsamsmäßigen Erfüllung der Alltagspflichten oder auch zur ritualisierten „Selbstauslöschung“ – etwa durch steten Fernsehkonsum (Fußball!). Gleichzeitig beginnt man, nach geeigneten Sündenböcken Ausschau zu halten („die faulen Griechen“), denen man die Schuld ganz bequem vom Fernsehsessel aus in die Schuhe schieben kann, ohne das eigene vollends irrationale Verhalten zu erfassen oder, sofern es dem einen oder anderen bewußt wird, in Frage zu stellen.
Daß man dadurch den Brand der Dauerkrise schürt, sich ihm gleichsam als Brennmaterial in den Rachen wirft, kommt diesen Leuten daher nicht in den Sinn. Mir schon. Das ist auch ein Grund dafür, daß ich über das Phänomen „Krise“ schreibe; ein anderer, wichtigerer Grund dafür ist, daß ich mich als Teil der moralbedingten Krise begreife. Ich bekenne, daß mein Leben phasenweise ein einziger ununterbrochener Krisenzustand war, ein Zerrissen-gewesen-sein zwischen den Anteilen meines Selbst: zwischen Verstand und Gefühl, Ichbewußtsein und Unbewußtem, Liebes- und Haßgefühlen. Obwohl es mitunter unerträglich war, habe ich den Zustand bis zur bitteren Neige ausgekostet. Bis zur Selbstzerfleischung habe ich ihn ausgehalten, kroch immer tiefer in ihn oder vielmehr in mich hinein und wühlte mich wie ein Maulwurf durch mein Selbst, bis ich eines Tages auf der anderen Seite glücklich herausgekommen bin.

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