Eine Anmerkung aus aktuellem Anlaß (Marx-Jahr 2018). Ein Auszug aus „Wir sind Krise“, Band I

Die Ideologie des Marxismus (sic) – gemeint ist das politisch-gesellschaftliche Ideengebäude des Marxismus, nicht die Marxsche Analyse der ökonomischen Funktionsweise der Gesellschaft – ist mithin nichts weiter als ein aus der bürgerlich-liberalen Ideologie abgeleitetes „Derivat“, die Fortsetzung und Zuspitzung nämlich jener vom revolutionären Bürgertum erst vehement propagierten und aber durch die gewaltsame Etablierung des kapitalistischen Herrschaftsapparats schon bald verratenen und verkauften sozialrevolutionären Ideale.
Die herrschende moralische Struktur spaltet die Welt grundsätzlich in zwei diametral entgegengesetzte Seinsdimensionen. In der bürgerlichen Doppelmoral etwa wurden einerseits die Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ verabsolutiert, während andererseits, in der „realen Dimension“, also in der realen Menschenwelt, die kapitalistische Klassengesellschaft etabliert wurde, um von den Profiteuren des Systems seitdem als beste Herrschaftsform aller Zeiten gepriesen zu werden. Es bietet sich mithin an, die herrschende moralische Struktur als „gewöhnlichen Bruch“ zu veranschaulichen. Entsprechend haben wir im Zähler immer die Summe der Ideale – die ideale Welt: die Welt und der Mensch, wie sie den herrschenden Idealen nach sein sollen –, und im Nenner immer die reale Welt, die wirklichen gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen.
Ich denke, der Widersinn, „Ohne-Sinn“ (Nietzsche) dieser Struktur leuchtet unmittelbar ein? Nicht nur die Unvereinbarkeit der Dimensionen mußte sich früher oder später verheerend auswirken, sondern vor allem auch die irrsinnige Annahme, daß die Verwirklichung der idealen Dimension tatsächlich möglich sei. Und eine derartige moralische Struktur liegt, wie billig, auch der Ideologie des Marxismus zugrunde. Auch hier haben wir im Zähler wieder die ideale Welt – hier: die „klassenlose Gesellschaft“ –, also das gesellschaftliche Endziel der marxistisch-kommunistischen Mission; und im Nenner die konkrete Herrschaftsform – hier: die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ bzw. die „Diktatur des Proletariats“ –, die gewaltsam durchgesetzt und so lange aufrechterhalten werden soll, bis der angestrebte gesellschaftliche Idealzustand eintritt.
Marx schrieb: „Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“35 Und der sozialistische Vordenker Antonio Gramsci ergänzte: „Im Interesse ihrer Existenz und ihrer Entwicklung muß die Proletarische Diktatur einen betont militärischen Charakter annehmen.“36

Und so ist es ja auch gewesen, sei es im Bolschewismus, im Stalin-Sozialismus oder im Maoismus. Immer wurde der Bevölkerung sonstwas versprochen, und fast immer lief die Herrschaft der staatskommunistischen Regimes in Wirklichkeit auf die Unterdrückung und (versuchte) Gleichschaltung der Bevölkerungsmehrheit hinaus, phasenweise auch auf Terror und die Ausübung blutiger Gewalt. Und das nicht allein deswegen, wie einige hoffnungslose Idealisten nicht müde werden zu beteuern, weil der real existierende Sozialismus ein Fehlversuch gewesen sei, ein unter ungünstigen Bedingungen aus dem Ruder gelaufenes Experiment; sondern, und das ist der springende Punkt, weil die marxistische Ideologie die Diktatur einer proletarischen Führungsriege als ein notwendiges gesellschaftliches Übergangsstadium auf dem Weg zur „klassenlosen Gesellschaft“ festgeschrieben – und dadurch moralisch sanktioniert hat.
Damit gibt sich der Marxismus als eine Hybridform der Moral zu erkennen, weshalb der real existierende Sozialismus dem sozialen Fortschritt und der Emanzipation des Menschengeschlechts immer nur dem Ideal nach verpflichtet war und in Wirklichkeit die Unterdrückung der Bevölkerung sowie die Ausbeutung und Zerstörung der Natur betrieben hat: so daß viele der Vordenker und Führer des Kommunismus als scheinheilige Tyrannen eingestuft werden müssen, als Propagandisten und/oder Vollstrecker einer im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit geheiligten Diktatur.
Um es nochmals auf den Punkt zu bringen: Weil die Hybridformen der Moral Auswüchse der christlichen Doppelmoral sind, dienen sie ihrer Struktur gemäß immer nur der Verwirklichung der „Apokalypse“, also der im Zeichen der Erzeugung eines Neuen Menschen oder der Schaffung einer „besseren Welt“ exekutierten Verwüstung der Wirklichkeit (Erde, Natur) und des wirklichen Menschen. Ob im Liberalismus-Kapitalismus oder im real existierenden Sozialismus-Kommunismus, immer findet sich dieser Zusammenhang, immer wurde im Namen der Optimierung des Menschen und der (Menschen-)Welt sowohl ein auf die Unterdrückung und Gleichschaltung der Bevölkerung als auch auf die Ausbeutung und Zerstörung der Natur gleichermaßen perfekt abgestimmtes Herrschaftssystem etabliert und mit allen Mitteln am Laufen gehalten.