Auszug aus „Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie“

(…) Jetzt? – ist alles Tod. Ist ein ewig währender Augenblick, in dem das Leben allein als eine Form des Todes existiert, und in dem der Tod nichts ist als eine Variation des Nichts.
Das verbürgt ein altes Geschlecht. Ein Göttergeschlecht aus Fleisch und Blut, das im Zeichen des Osiris durch jede Geste, jedes Wort, jeden Krieg nach Unvergänglichkeit im Reich des Todes strebt, nach ewigem Sein in einer Wüste aus Weiß – und meine Sinne, Gefühle, Instinkte krümmen sich. Ziehen, zwingen mich den Weg zurück, auf dem ich hierhergelangt bin. Durch eine Allee von Ölbäumen führt der Weg, die vor einem grauweißen Himmel wie schwarze Gerippe stehen – und ich lasse das Reich des Todes wie ein sich langsam entfernendes Ufer hinter mir. Beschleunige meinen Lauf und atme mich zu mir, atme mich durch die sieben Himmel des sinnlichen Empfindens ins Leben zurück und finde mich im Kreislauf von Werden und Vergehen wieder: als ein Gejagter.

Denn sie ist überall. Ist unter! neben! vor! über! hinter! – ist in mir. Überfällt mich. Führt mich in die Irre. Treibt mich vor sich her wie ein verängstigtes Wild. Mir schwindelt, meine Blicke suchen nach Halt. Versuchen sich an dem festzuhalten, was Blatt, Baum, Stein, Fluß, Himmel, Erde, Mensch genannt wird, versuchen es vergeblich, denn sie – ist immer schon da. Verspottet mich, erwartet mich an jeder Oberfläche – da versinkt mein Selbst in Zorn. In Hitze, die von Zelle zu Zelle springt und sich wie ein Flächenbrand in mir entlädt; in Rot, das meinen Körper und die Welt mit Krieg überzieht – und sie? Erschrickt und flieht – und ich? Ihr hinterher, den Abhang hinunter, dem Abgrund entgegen, doch der? Ist sie; ist – Illusion. Und sie ist nur durch mich! Und ich bin das Triumphlied meines Körpers, der die Illusion durchbricht!

Mein Atem geht schwer, geht: jenseits von Wahrheit und Täuschung. Die erste? Ließ ich schon lange unter mir. Die zweite? Kehrt nicht zurück. Wie ich sie hetzte, sie zuletzt Auge in Auge vor mir her trieb, bis sie sich im Absurden verlor – da ließ ich von ihr ab. Jetzt hüllt mich Gelassenheit ein, legt sich um die heiße Stirn wie ein unsichtbarer Schleier, und meine Nerven feiern ihren Sieg, feiern ihn ausgelassen. Besingen den einen Moment, der bleibt; den einen Augenblick, der ewig in den Himmel steigt, weil ihm das goldene Gestirn jenseits der Zeit die Absolution erteilt. Der beim Emporsteigen wie mit unsichtbaren Schwingen alles umfaßt und zu einem ungehörten, unerhörten Klang verschmilzt. Zum Grundton einer Welt, der ohne Anfang und Ende aus sich selbst entspringt und aus der eigenen Fülle heraus die Leere verbrennt, die sich als Hintergrund und Abgrund seiner selbst um ihn herum erstreckt. Der sich wie ein Stern selbst umkreist und um seinen Kern ein All aus Farben und Formen, Klängen und Bildern erzeugt, das ihn unendlich ausdehnt und versucht und variiert – und mein Herz schlägt aus und reißt mich mit. Trägt mich hinauf, hinab, zu mir, hinein in meine treuesten Gestaltungen von Licht und Dunkel, bis die Spannung unerträglich wird, die Freude überfließt und wie ein Springquell aus den Augen bricht, der, wenn ich lache, aufwärts steigt und der abwärts fällt, wenn ich weine – oder ist es umgekehrt?
Ich tauche durch ein Meer aus Bildern, durch Gebilde und Geschöpfe meines Selbst, die in mir auf- und untergehen, wie ich in ihnen auf- und untergehe. Zwischen Abgründen schwebend, wo Phantome Schemen erbeuten und Schemen Nebelschwaden; wo sich Schemen zu Begriffen wandeln und Begriffe zu Phantomen, um sich Schemen anzueignen. Von Wellenkämmen zur Sonne getragen, wo aus der Asche des Überlebten Lebenverbürgendes steigt, das sich Herzschlag für Herzschlag mit mir verknüpft und zu einem Wert des Lebens wird, zu einem Ausgangs- und Endpunkt des sich Welt aneignenden Körpers; zu einem Knotenpunkt des Empfindens, der Erschütterung für Erschütterung, Erfahrung für Erfahrung, Erinnerung für Erinnerung in sich verschlungen ist – und in dem Wahrheit und Illusion unauflöslich zu einem Muster verwoben und dadurch aufgehoben sind.

Ist es das Denken, das fühlt? Oder das Gefühl, das denkt? – Mein Empfinden verflüchtigt sich, wird vom Wind erfaßt und fortgetragen und streicht über die Oberflächen von Sand und Fels, Halmen und Blättern, Wasser und Haut – und schlägt sich nieder. Hinterläßt unsichtbare Spuren, die vielleicht ins Leben gerufen werden, irgendwann, um zu einer Geste, einem Tanz, einer Hymne zu reifen. So verklingt das eine und schafft Raum für das, was sich bereits Impuls für Impuls in mir ausbreitet wie dichtes Treiben von Schnee. Für das, was noch blutjung und unbestimmt ist und auf Einfluß hofft und vorwärts drängt, um sich in mir als herrschende Kraft festzusetzen und auszudehnen. Manchmal lausche ich dem Gestöber der Impulse und lasse es gern geschehen, empfange ihr Auf und Ab wie eine wunderbare, noch ganz und gar zügellose chaotische Musik; manchmal greife ich einige heraus und verfeinere, vollende, verdichte sie, verdichte sie bis zur Unkenntlichkeit – doch jetzt?
Jetzt ergreift der Übermut meine Instinkte, und die Instinkte mein konditioniertes Selbst. Mag es, soll es sterben; ertrinken, unter einer Welle der Verachtung ersticken. Wie es tobt, wütet, schreit – doch die Instinkte halten es fest, heiter und gelassen. Getränkt von der Gewißheit des Morgen, durchdrungen von der Weisheit des Gestern.
Lächeln, als sie den Tyrannen töten.
Gewiß, es wird schon bald wiederauferstehen und ja, schmatzend Einzug halten ins erschütterte Gewebe, um sich darin auszudehnen und festzusetzen, wieder mal – doch um ein Herrschaftsmittel, um einen Glaubenssatz ärmer!
Wie ein Rudel blutgetränkter Hyänen ziehen sich die Instinkte zurück und legen sich in den Schatten des Unbewußten, während die Gefühle dem Einzug des falschen Selbst wie Rehe lauschen, bevor sie sich aufs offene Feld wagen; witternd, welcher Wert ihm diesmal abhanden gekommen ist, welcher konditionierte Teil. Katzenhaft rollen sich Sehnen und Muskeln zusammen und schnurren – und flüstern mir zu: „Nicht alles durch Konditionierung Erworbene ist schlecht, nicht alles Selbsterschaffene gut“; und hüllen mich in ihr oberflächliches Wohlbefinden wie in einen golddurchwirkten Traum, in dem meine Augen träger und träger werden und zuerst die Hände, dann Arme und Beine nach und nach entschweben. Bis die Schwerkraft aufgehoben scheint, weil mein Körper von dem betäubenden „Fluidum“ ganz und gar durchdrungen wird, ganz und gar ausgefüllt vom Gesang der Muskeln und Sehnen, der mich unwiderstehlich entführt, als würde ich von einer sanften Brise erfaßt und fortgetragen. (…)

Dies ist ein Auszug aus dem Buch Wandlung. Eine philosophisch-poetische Trilogie